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aus Heft 44/2012 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Muss eine Freundin, der ein ihr anvertrauter Hausschlüssel gestohlen worden ist, für einen neuen Schließzylinder aufkommen?

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»Im Urlaub hatte ich einer sehr guten Freundin meinen Wohnungsschlüssel anvertraut. Leider wurde er ihr gestohlen, zusammen mit ihrer Handtasche. Ich musste deshalb den Türzylinder austauschen lassen. Meine Freundin hat bisher nicht angeboten, die Kosten dafür zu übernehmen. Soll ich die Sache ansprechen? Oder ist es besser, auf eine Forderung zu verzichten?« Frieda B., Stuttgart



Wieder einmal eine Frage, derentwegen man zu einem Anwalt gehen könnte, um die rechtliche Seite zu klären. Darauf möchte ich hier aber ausdrücklich verzichten, weil solche Überlegungen im Verhältnis unter Freunden, soweit es geht, außen vor bleiben sollten. Stattdessen könnte man auf die Freundschaft abstellen. Michel de Montaigne schreibt in seinen Essais, dass Hilfen und Wohltaten die üblichen Freundschaften stärkten. Bei der edlen Seelengemeinschaft hingegen, der echten, tiefen Freundschaft, kämen sie nicht in Betracht. Das überrascht, würde man dort doch im Gegenteil eine umso größere Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit erwarten. Montaigne geht jedoch einen Schritt weiter: Er meint, dass Begriffe wie Wohltat, Verpflichtung, Dankbarkeit, Bitte, Dank und dergleichen ein Verhältnis zwischen zwei Menschen betreffen und deshalb die Zweiheit, die Trennung zwischen diesen Menschen betonen. Bei einer echten, tiefen Freundschaft hingegen ginge es ja gerade darum, dass nichts die beiden Menschen trennen sollte. Das klingt zugegebenermaßen etwas romantisch, wenngleich ich den Grundgedanken für richtig halte. Leider gibt es Freundschaften dieser Intensität nur selten.

In Ihrem Fall würde ich sie schon allein deshalb ausschließen, weil Sie sich Gedanken über einen relativ geringen Geldbetrag machen und es auch nicht ansprechen wollen. Dennoch bin ich der Meinung, dass Ihre Freundin nichts weiter zu tun braucht, als sich für den Verlust und die Ihnen daraus erwachsenden Mühen zu entschuldigen. Ich weiß nicht, unter welchen Umständen die Handtasche Ihrer Freundin gestohlen wurde, ob sie etwa nicht besonders gut aufgepasst hat. Das Risiko jedoch, dass ihr der Schlüssel überhaupt gestohlen werden konnte – oder hätte verloren gehen können –, gab es nur, weil sich Ihre Freundin netterweise bereit erklärt hatte, ihn an sich zu nehmen; sei es für den Notfall, sei es, weil sie womöglich sogar in der Wohnung nach dem Rechten gesehen hat. Für alles aber, was mit einem selbstlosen Gefallen zusammenhängt, sollte man höchstens dann zur Rechenschaft gezogen werden, wenn man wirklich etwas falsch gemacht hat.

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Literatur: Michel de Montaigne, zum Beispiel in einer Auswahl übersetzt von Arthur Franz im Reclam Verlag Stuttgart 2005. Dort finden sich die zitierten Abhandlungen über Freundschaft auf S. 100ff. Es gibt auch eine Neuübersetzung von Hans Stillet in einer sehr schönen gebundenen Ausgabe in der Anderen Bibliothek (1998) oder als Taschenbuchausgabe bei dtv (2011)
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