Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 44/2012 Musik

Der Unfassbare

Seite 5: Utopie statt schlechter Realität

Tobias Haberl  Fotos: Jonas Unger


SALZBURG, 20. JULI 2012

Die anderen kommen pro Sommer zwei- oder dreimal nach Salzburg zu den Festspielen, Daniel Barenboim kommt sechsmal: zweimal mit dem Divan-Orchester, dreimal für seinen Schubert-Zyklus, einmal mit dem Orchester der Scala für Verdis Requiem, das Abschlusskonzert.

Die meisten bleiben zwischen ihren Auftritten in der Stadt, manche nehmen sich sogar eine Wohnung, Barenboim fliegt jedes Mal hin und wieder weg. Für einen Klavierabend bleibt er 24 Stunden. Er kann und will die Festspielstimmung nicht genießen. Es muss sich was bewegen, sonst wird er unzufrieden. Also fliegt er nach Berlin, Rezitativproben für Siegfried, einmal lässt er sich nach Dubrovnik fahren, ein Klavierabend, außerdem macht er Urlaub mit seiner Frau. Zehn Tage Spanien. Er hat ein Haus in der Nähe von Málaga. Danach werden sie sich eine Weile nicht sehen. Er muss weiter nach Mailand, Moskau, Sankt Petersburg. Sie nach Israel, ein Kammermusik-Festival.
 
Es ist Montagvormittag, Barenboim tritt aus dem »Goldenen Hirschen«, unter dem Arm zwei Notenbände mit Schubertsonaten. Was das für ein Drama war, mit diesen Noten: Er hat seine nämlich vergessen. Ein Band liegt in Berlin, einer in Spanien. Also mussten sie ihm die Noten organisieren – am Sonntag, die Geschäfte hatten zu und am nächsten Abend Konzert. Er spielt natürlich auswendig, trotzdem will er sich einlesen. Er muss die Noten nur anschauen, schon hört er die Musik. Ein paar vertrackte Stellen will er auch noch mal durchspielen, der Rest ist da, Blackout unmöglich. »Er überblickt ein riesiges Repertoire«, sagt der Konzertmeister der Berliner Staatskapelle, »Hunderte von Symphonien, Opern und Klavierstücken kann er Note für Note spontan abrufen«, und was dazu kommt: »Er kennt die technischen Gegebenheiten jedes Instruments, egal ob Querflöte, Horn oder Kontrabass«, eigentlich könne man nur von einem Genie sprechen. Auf die Frage, wie viele Partituren er denn nun wirklich auswendig kennt, schaut Barenboim nur irritiert, so dumm findet er sie. Zahlen, Rekorde, Superlative – interessiert ihn nicht. Als ob es darauf ankäme.

Am Ende hat eine Mitarbeiterin noch einen Satz Schubert-Noten von einer älteren Dame aufgetrieben. Es sei ihr eine Ehre, nur reinschreiben solle er halt was, bevor er wieder wegfährt. Macht er, aber jetzt will er ein bisschen proben. Er hat sich seinen 130 000-Euro-Steinway extra aus Berlin hertransportieren lassen. Man spielt besser, wenn man das Instrument kennt. Auf dem Programm steht Schubert: Impromptus und die große A-Dur-Sonate. Das Konzert, der ganze Zyklus sind ein riesiger Erfolg, trotzdem fallen die Kritiken mittelmäßig bis mies aus: »Zu wenig Gestaltung«, heißt es da, »lückenhafte Läufe, technisch mangelhaft, stellenweise gefühllos.« Hat er doch zu wenig geprobt? Sich zu sehr auf seine Erfahrung verlassen? Denn spielen kann er das, er hat es hundertmal bewiesen. Er antwortet mit einer Geschichte: »Wissen Sie«, sagt er, »am Tag nach meinem allerersten Orchesterkonzert in Buenos Aires sind zwei Rezensionen erschienen. In der einen hieß es, seit Mozart hätte man kein solches Genie erlebt. In der anderen stand, es sei kriminell, ein achtjähriges Kind auftreten zu lassen, das keine Begabung habe.«

Daniel Barenboim ist längst mehr als ein Musiker. Er findet es nicht schlimm, und das Seltsame: Meistens ist es auch nicht schlimm, wenn er mal nicht perfekt durch eine Tongirlande durchkommt. Mit seinem eigenen Anspruch kann sowieso kein Kritiker mithalten. Sollen die sich also ruhig an Detailfragen abarbeiten, er macht sich nicht davon abhängig. Existenzielle Momente möchte er schaffen, für sich und die Menschen, technische Perfektion kann da auch stören, weil sie die Essenz überdeckt. Und deswegen stört ihn auch so eine Kritik nicht. Der Weltstar Barenboim ist längst ein Prinzip, eine Marke, die über jeden Zweifel erhaben ist. Es ist längst so, dass alle gut finden, was er macht, weil er es macht. Für einen Künstler kann das auch ein Problem sein.


DER POLITIKER - LIEBER EINE UTOPIE ALS EINE SCHLECHTE REALITÄT

Daniel Barenboim interessiert sich nicht für Andrea Nahles oder Strompreise, trotzdem ist er ein hochpolitischer Mensch, »politisch im Sinne Beethovens«, sagt er. Und deswegen geht er auch nicht wählen: In Israel wüsste er nicht, welche Partei. In Argentinien und Spanien kennt er sich zu wenig aus. In Palästina? Na ja.

»Glauben Sie mir«, sagt er, »es vergeht kein Tag, an dem ich nicht traurig werde wegen dieses Konflikts.« Es ist sein Lebens-, auch sein Leidensthema. Weil er Teil davon ist. Weil es die Erinnerung an seine Kindheit in diesem Land, das er so liebt, verdüstert. Und weil er dieses Mal machtlos ist. Es gibt kaum einen Konflikt, den er nicht aus der Welt schaffen kann, mit einem Blick, einem Spruch oder der geballten Macht seines Apparates, beim Thema Israel geht es ihm wie allen anderen: Warten, Diplomatie, Appelle. Die Angelegenheit stagniert. Und Stagnation mag er gar nicht.

Er hat während des Sechstagekriegs 1967 Konzerte in Israel gespielt. Er hat im gleichen Jahr seine erste große Liebe, die Cellistin Jacqueline du Pré, in Israel geheiratet, David Ben Gurion war unter den Hochzeitsgästen. Noch heute hat er eine Wohnung in Jerusalem. Sie steht fast immer leer. Er wird nur traurig, wenn er da ist. Als er 2004 in der Knesset den Wolf-Preis überreicht bekommt, trägt er die israelische Unabhängigkeitserklärung vor, unter anderem das Gelöbnis, dass Israel mit all seinen Nachbarn in Frieden leben wolle. Als eine Abgeordnete schimpft, wie er es wagen könne, einen derart festlichen Anlass für eine Attacke auf Israel zu instrumentalisieren, geht er ein zweites Mal ans Podium und antwortet: »Ich habe Israel nicht attackiert. Ich habe lediglich seine Unabhängigkeitserklärung vorgelesen.«

Sein Einsatz für die palästinensische Sache beginnt nach dem Sechstagekrieg 1967. Weil Israel auf einmal nichts Unschuldiges mehr hatte. Er kann es bis heute nicht fassen: Dass die Juden, die über 2000 Jahre lang Minderheit waren, nur 19 Jahre nach Gründung ihres Staates selbst eine Minderheit unterdrücken. Seitdem fordert er einen Psychiater für beide Staaten. Das Problem sei, dass beide Völker zutiefst davon überzeugt sind, dass der jeweils andere kein Recht hat, auf diesem Stück Land zu leben. Und das Schlimme: Beide haben recht. »Es ist doch absurd«, sagt er, »dass Woody Allen noch heute Abend nach Israel ziehen könnte, eine palästinensische Familie, die tausend Jahre lang dort gelebt hat, aber nicht.«

Seine Antwort ist der Divan. In diesem Orchester sitzt für den Moment einer Symphonie ein Jude neben einem Palästinenser. Sie spielen den gleichen Ton, gleich laut, gleich lang. Das geht nur in der Musik. Für sein Engagement wird Barenboim von beiden Seiten kritisiert: den Israelis und den Palästinensern. Für ihn der Beweis, dass er etwas richtig macht. Gut möglich, dass er in den nächsten Jahren den Friedensnobelpreis bekommt.

Sein Ziel ist es, mit dem Divan in jedem Land gespielt zu haben, aus dem wenigstens ein Orchestermitglied kommt. Eine Utopie? »Vielleicht«, sagt er, »aber besser mit einer Utopie leben als mit einer schlechten Realität.« Ende Juli wird das Konzert in Ost-Jerusalem wenige Tage vor dem Termin abgesagt. Zu heikel. Zu brisant. Palästinensische NGOs haben dagegen protestiert. »Es wurde nicht abgesagt, es wurde verschoben«, korrigiert Barenboim. Er mag es nicht, wenn die Realität gewinnt.


DER PRIVATMANN - EIN ABEND OHNE TERMINE

»Robert, wir fahren nach Hause«, sagt Daniel Barenboim und lehnt sich in den beigefarbenen Ledersitz, in der Hand zwei Tüten, eine von Prada, eine von Cartier. Er wirkt wie ein Politiker in diesem BMW 730. Er selbst besitzt einen Smart. Er braucht ihn nie.

Fünfzehn Minuten später ist er da: Stadtteil Dahlem, altes West-Berlin, eine Villa aus dem Jahr 1929, im Garten ein kleiner Pool. Er öffnet die schwere Tür, niemand zu Hause. Der erste Eindruck ist warm und behaglich, Orient-Teppiche, orientalische Vasen, an den Wänden Karten des Heiligen Landes aus dem 19. Jahrhundert, im Musikzimmer der Flügel von Artur Rubinstein. Es ist vollkommen still, vielleicht der richtige Moment, um über das Thema zu sprechen, das bisher nie so richtig gepasst hat: den Verlust seiner ersten Frau, der britischen Jahrhundertcellistin Jacqueline du Pré. Er hustet, als er den Namen hört, legt die Zigarre zur Seite, fängt sich, erzählt: »Sie war die größte natürliche Begabung, die ich je kennengelernt habe.« Es folgt ein fünfminütiger Monolog über ihre Art zu spielen, überhaupt über Streicher und wie wichtig sie für ein Orchester seien, irgendwann hat er es geschafft, das Thema zu wechseln. Also noch ein Versuch. Denken Sie jeden Tag an sie? »Nicht so bewusst«, er zögert und erzählt weiter, wie er sich auf den ersten Blick in sie verliebt hat, Weihnachten 1966 bei Freunden in London, ein Hausmusikabend. »Wir haben zusammen Musik gemacht, noch bevor wir miteinander gesprochen haben.« Man muss sich diese Jahre vorstellen wie einen Rausch: das Musikerpaar, jung zu Weltruhm gekommen, reist durch die Welt, gibt gefeierte Konzerte, füllt die Klatschspalten, feiert mit den Beatles – eine nicht enden wollende Zurschaustellung von Genie und Liebesglück –, bis zur Diagnose im Oktober 1973: Sie hat multiple Sklerose. Es folgen die schwierigsten Jahre im Leben von Daniel Barenboim, zerrissen zwischen seiner Verantwortung und Liebe und dem Willen, auch seinem Recht, sein eigenes Leben weiterzuführen. Er pendelt zwischen Paris und London, wo seine Frau immer schwächer wird, ihr letztes Konzert spielt, im Rollstuhl landet und 1987 – nach 14-jähriger Leidenszeit – stirbt. »Sie begleitet mich jeden Tag, vor allem in der Musik«, sagt er, »und ich habe das große Glück, dass meine Frau Jelena das alles weiß und akzeptiert. Ich bewundere sie dafür.«

Auf einmal eine Stimme aus der Tiefe des Hauses: »Kommt in die Küche, ich habe was zu essen gemacht« – seine Frau muss heimgekommen sein: Jelena Baschkirowa, Pianistin, groß, elegant, herzlich; die ideale Partnerin für einen wie ihn, weil sie beides ist: selbstbewusst und zurückhaltend, auf Augenhöhe, aber keine Konkurrentin, und wenn es drauf ankommt: entsagend. Es ist nach 22 Uhr. Sie hat Borschtsch gemacht, dazu gibt es Schwarzbrot, Krabben, ein bisschen Fisch. An den Wänden hängen Pinnwände mit Familienfotos: die Barenboims am Strand, die Barenboims beim Winterspaziergang und – an Karneval – verkleidet. Ein Handy klingelt. Sie hebt ab, spricht Englisch. Er gähnt. Isst seine Suppe. Man hört nur noch das Klackern des Löffels. Ein langer Tag. Ein langer Sommer. In zwei Wochen wird Daniel Barenboim 70 Jahre alt. Es wird eine große Feier geben, die Einladungen sind raus in alle Welt. Los gehts um 22 Uhr. Vorher muss er dirigieren.

Daniel Barenboim
wird 1942 in Buenos Aires geboren und bald als Wunderkind gefeiert. Mit sieben spielt er sein erstes Konzert, drei Jahre später zieht er mit seinen Eltern nach Israel, von wo aus er eine Weltkarriere als Pianist und Dirigent startet. Barenboim hat die argentinische, spanische, israelische und palästinensische Staatsbürgerschaft, seit Jahrzehnten setzt er sich für einen Dialog im Nahost-Konflikt ein. Der Kritiker Joachim Kaiser bezeichnet ihn als »das letzte Genie der klassischen Musik«. Er lebt in Berlin-Dahlem.


Anzeige





Seite 1 2 3 4 5

Tobias Haberl und dem Fotografen Jonas Unger blieb gar nichts anderes übrig, als Daniel Barenboim ständig hinterherzureisen, mit dem Flugzeug, mit der Bahn, mit dem Auto - manchmal haben sie ihn auch zu Fuß begleitet. Am Ende haben sie nachgerechnet: Haberl hat für seine Recherchen 8201 Kilometer zurückgelegt, Unger, der in Paris lebt, kommt immerhin auf knapp 7000 Kilometer.

  • Musik

    Persönliche Noten

    In Bayreuth, Salzburg und anderswo beginnen wieder die Festspiele. Wer im Publikum sitzt, muss verrückt sein. Unser Autor weiß das aus eigener Erfahrung.

    Von Florian Zinnecker
  • Anzeige
    Musik

    »Niemand möchte ernsthaft Bratsche spielen«

    Nach Anfangsjahren in der klassischen Musik gründete John Cale zusammen mit Lou Reed The Velvet Underground. Im Interview verrät er, wie ihn seine Kindheit in einem walisischen Bergarbeiterhaushalt bis heute prägt.

    Von Gabriela Herpell
  • Musik

    »Ihr könnt uns mal, wir feiern hier«

    Das Festival »Rock am Ring« wurde wegen Terrorgefahr unterbrochen. Jetzt geht es weiter. Aber wie fühlt sich das für die Besucher an? Unser Kollege ist vor Ort und weiß jetzt: gegen Angst singt man am besten.

    Von Michalis Pantelouris