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aus Heft 45/2012 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

»Mein Garten ist Therapie«

Seite 2: Der garten der Kindheit

Von Thomas Bärnthaler und Christine Mortag (Interview)  Fotos: Sandra Stein





Wie sah der Garten Ihrer Kindheit aus?
Meine Großeltern, die zwei Weltkriege durchmachen mussten, hatten einen großen Nutzgarten. Der war damals lebensnotwendig. Dort gab es einen riesigen Quittenbaum. Aus den Früchten hat die Großmutter unglaublich tolles Quittengelee gemacht.

Hatten Ihre Eltern keinen Garten?
Meine Eltern haben sich sehr früh getrennt, da war ich noch klein. Mein Vater war damals zuständig für die Funkstationen, die noch vor dem Krieg hier im Taunus errichtet wurden. Jedenfalls war er immer in den Bergen unterwegs. Ob das nun zu der Trennung geführt hat, weiß ich nicht, aber es hing alles miteinander zusammen.

Welche Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie an Ihre Kindheit denken?
Keine guten. Ich wurde zwischen Familienmitgliedern hin- und hergeschoben, wechselte oft die Schule und kam dann aufs Internat. Die hießen damals Adolf-Hitler-Schulen. Ich war immer Pazifist, und das hat mir alles nicht gepasst damals, es war ja alles ein Muss. In die HJ musste man, ich habe das widerwillig mitgemacht. Irgendwann haben sie mich rausgeworfen.

Warum?
Wegen Renitenz vermutlich. Mein großer Halt war mein Großvater. Ich habe mich oft in seiner Werkstatt verkrochen.

Was war er von Beruf?
Er war Schreinermeister. Er hatte sich hauptsächlich auf Oberflächen spezialisiert, auf Lackarbeiten. Wenn in Wiesbaden jemand einen Flügel oder ein Klavier aufzuarbeiten hatte, machte das mein Großvater. Dieser Sinn für die Oberfläche ist mir geblieben.

Was ist Ihre liebste Erinnerung an Ihren Großvater?
Sein Daumen. Als Kind wollte ich immer seinen rechten Daumen sehen, er war doppelt so dick wie der linke. Das kam vom Polieren. Der Lack wurde noch von Hand eingearbeitet, Schicht für Schicht.

Sind Sie bei ihm in die Lehre gegangen?
Nein. Aber ich habe viel bei ihm gelernt, polieren zum Beispiel.

Aber er hat Sie geprägt?
Sehr. Einmal entdeckte ich in der Schublade seiner Hobelbank Prospekte von den Deutschen Werkstätten in Hellerau und über Bruno Paul, der den Deutschen Werkbund mitgegründet hat. Das hat mich sehr interessiert. Kurz danach fing ich an zu studieren. Architektur und Innenarchitektur an der Werkkunstschule in Wiesbaden. Da war ich 16.

Ihre Wohnung sieht aus wie ein Museum Ihrer Produkte. Ist das nicht ein wenig selbstverliebt?
Ich mag die Architekten nicht, die minimalistische Stadthäuser bauen und dann selbst in einem alten Bauernhaus auf dem Land leben. Als Designer muss ich doch mit den Entwürfen leben, um auszuprobieren, ob sie funktionieren, oder um festzustellen, hier und da könnte ich es noch besser machen. Das merke ich doch erst, wenn ich es benutze

Hat Ihre Frau nie rebelliert gegen so viel Rams?
Ach, nein, rebelliert hat sie nicht, doch sie hat schon ihre eigenen Vorstellungen. Aber man gewöhnt sich mit der Zeit aneinander. Eigentlich hat sie den gleichen Geschmack wie ich. Sie hat ihr eigenes Reich, ihre eigenen Zimmer und die sehen nicht viel anders aus als der Rest des Hauses.

Die weißen Bodenfliesen im ganzen Haus haben Ihre Frau nie gestört?
Ich glaube nicht. Aber Sie haben recht, als wir 1971 hier einzogen, war das schon außergewöhnlich. Die Handwerker haben immer gesagt, bei uns sähe es aus wie in einer Molkerei.

Ganz unrecht haben sie nicht.
Ich wollte es eben schön hell haben.

Gemütlich sieht anders aus.
Darum liegen ja die braunen Teppiche drauf.

Wie würden Sie sich heute einrichten?
Genau so.

Und wenn Sie noch mal einen Garten anlegen könnten?
Sähe er so aus wie meiner. Ich liebe meinen Garten sehr. Wenn ich wieder auf die Welt kommen sollte, möchte ich nicht Designer werden, sondern Landschaftsarchitekt. Man muss nicht beim Topf oder bei der Gabel anfangen, man muss bei der Landschaft anfangen.

Um was zu erreichen?
Um andere Strukturen zu erreichen. Ein anderes Denken.

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