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aus Heft 45/2012 Musik Noch keine Kommentare

»Auf Sand und Kies klingt's mies«

Nach 300 Zapfenstreichen gibt Volker Wörrlein, der Dirigent des deutschen Stabsmusikkorps, den Taktstock ab und geht in Rente. Ein paar abschließende Einsichten zum richtigen Ton am roten Teppich.

Von Johannes Schweikle (Interview)  Fotos: Kania



SZ-Magazin: Herr Wörrlein, warum begrüßt eigentlich das Musikkorps der Bundeswehr ausländische Staatsgäste? Es könnten doch auch die Berliner Philharmoniker spielen.
Volker Wörrlein: Beim protokollarischen Ehrendienst ist nicht nur der Musiker gefordert. Die Stücke, die wir spielen, sind nicht schwierig, aber die Truppe muss repräsentativ ausschauen. Man muss ordentlich marschieren können und gut und lange stehen können.

Beim Staatsempfang spielen Sie die Hymne des Gastlandes, dann das Deutschlandlied. Wie lange stehen Sie?
Bei der Kanzlerin langt’s, wenn wir pünktlich kommen. Aber beim Präsidenten ist das Protokoll besonders sensibel, da müssen wir eine Stunde vorher da sein. Insgesamt stehen wir dann eineinhalb Stunden.

Und wenn sich der Staatsgast verspätet?
Am längsten haben wir seinerzeit bei Breschnew gewartet. Der kam aus irgendwelchen Gründen mit seinem Flugzeug nicht raus aus der Sowjetunion. Da standen wir summa summarum zwei Stunden auf einem Fleck.

Gibt es einen Trick, dass keiner umfällt?

Die Muskeln an den Beinen und am Po müssen bewegt werden – das lernt man, diesen Wechsel zwischen Kontraktion und Entspannung. Bisher ist mir noch keiner umgekippt.

Spielt es sich im Freien anders als in einem Konzertsaal?
Es gibt eine alte Kapellmeisterweisheit: Auf Sand und Kies klingt’s mies. Die geschönte Akustik des geschlossenen Raums findet draußen nicht statt. Der Bonner Hofgarten war fürchterlich. Im Berliner Kanzleramt geht’s: Wir stehen auf Platten, haben vor und hinter uns eine Wand – da wird jeder Ton zum Goldtreffer.

Was ist schlimmer, Hitze oder Kälte?
Die Kälte bringt uns bei minus vier Grad ans Ende. Wenn Nordostwind um uns herumstreicht, kann es bei einem Grad unter null schon vorbei sein. Das empfindlichste Instrument ist die Posaune – da friert der Zug ein. Als nächstes fällt die Tuba aus, da funktionieren bei der vielen kalten Luft die Ventile nicht mehr.

Aber wie können Sie dann eine Nationalhymne spielen – ohne Blechbläser?
Einmal, als Chirac kam, sind wir beim Anmarschweg schon eingefroren. Aber es war der Wille des Protokolls: Wir sollen uns hinstellen und die Optik geben. Die Trommeln, die können ja spielen, und die Flöten auch. Zu den leicht diffusen Klängen des Spielmannszugs schreitet Chirac dann die Front ab. Wir marschieren raus, sind noch nicht bei unseren Bussen, da kommt schon der Bote des Protokolls: Heute Abend im Schloss Bellevue die Hymnen nachholen. Um sieben stehen wir dann im Vorzimmer – Chirac begrüßt mich persönlich, wir kennen uns ja, für ihn habe ich schon öfter gespielt.

Wie schützen Sie sich gegen Regen?
Da wird man nass, aber wir spielen. Den Helm setzen wir ja nur zum Großen Zapfenstreich und beim Begräbnis auf. Das ist auch gut so, denn der macht uns nicht schöner. Normalerweise tragen wir ein grünes Barett. Einmal hat’s im Schloss Bellevue fünf Minuten vor unserem Einsatz angefangen zu regnen – regnen ist falsch, da hat’s zehn Minuten geschüttet. Wir standen draußen, der Staatsgast aus Asien wartete drinnen. Als der Regen nachließ, hat man sich von Seiten des Protokolls entschlossen, die beiden Herrn doch auf den roten Teppich zu schicken. Zwei Helfer haben Schirme über sie gehalten, auf dem Ehrenpodest war der Teppich schon leicht weggeschwommen. Wir also die beiden Nationalhymnen gespielt, die Herren wieder rein ins Trockene. Als ich in der Kaserne meine Uniform ausgezogen habe, konnte ich das Wasser im Schwall aus den Stiefeln schütten.

Deutschland empfängt nicht jeden Tag einen Staatsgast. Wie kriegt das Musikkorps die Woche rum?
Wir haben 250 Einsätze im Jahr. Es kann sein, dass nur ein einzelner Trompeter angefordert wird, der bei einer Beerdigung spielen muss – oder das ganze Musikkorps mit 107 Mann. Wir stehen sozusagen im Dauer-Stand-by.

Auf dem roten Teppich gibt es keinen Applaus. Wie ist das für einen Musiker?

Das Lächeln in den Augen der Zuhörer ist uns Lohn genug.

Hat sich Angela Merkel schon mal bei Ihnen bedankt?
Wenn wir im Kanzleramt spielen, und einer meiner Männer hat an diesem Tag Geburtstag, kommt sie vorher herunter und gratuliert. Das ist nett, man kennt sich.

Sie haben schon verschiedene Kanzler erlebt. War einer besonders musikalisch?

Na ja, zum Abschied von Gerhard Schröder haben wir ja in Hannover den Großen Zapfenstreich gespielt, da ist ihm eine Träne entwichen. Aber durch größeres musikalisches Verständnis ist kein Kanzler aufgefallen. Bei den Präsidenten schon eher – Richard von Weizsäcker hatte eine breitere Anschauung, der ließ auch mal eine Bemerkung über die Musik fallen.

Gab es mal Kritik von einem Staatsgast?
Als ich zweiter Mann war, kam Giscard d’Estaing zum Staatsbesuch. Vorher fragte mich der damalige Chef: Hat sich bei der französischen Hymne etwas verändert? Ich sagte: Ich glaube, die haben die Marseillaise etwas verlangsamt. Da hielt der alte Oberstleutnant mir einen Vortrag: Undenkbar – Enfants de la Patrie, diese Blut-und-Boden-Hymne! Angestachelt durch unsere kleine Diskussion, hat er sie noch knackiger dirigiert. Giscard schritt wie üblich die Front ab, hinterher wurde der Oberstleutnant zum Protokollchef bestellt. Der gab den Unmut von Giscard weiter: Die französische Hymne sei verlangsamt worden.

Welche Hymne ist die schwierigste?
Hymnen sind keine besondere musikalische Herausforderung. Die afghanische ist allerdings speziell – das ist ja nicht unsere Stilistik von Musik. Drei Tage vor dem ersten offiziellen Besuch von Hamid Karsai in Deutschland habe ich eine Kassette bekommen, die hab ich bestimmt 30 Mal angehört. Da hat eine Wimmerorgel die Hymne gespielt – nach Gehör musste ich dann Noten schreiben für meine Männer.

Haben Sie mal die Internationale gespielt?
Nein, die haben wir bisher nicht gespielt, die hat keinen Hymnenstatus. Musikalisch gesehen ist es ein nettes, dramatisches Stück.

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