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aus Heft 45/2012 Die Gewissensfrage 1 Kommentar

Die Gewissensfrage

Entwickelt man sich zum Spießer, wenn man sich als Punk abfällig über langhaarige Gleichaltrige äußert?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch








»Ich bin Punk! Mein Erscheinungsbild und meine Weltsicht unterscheiden sich extrem vom Otto-Normal-Spießer - so dachte ich. Denn letztens habe ich mich ertappt, wie ich auf einen etwa gleich alten Mann Mitte 20 mit sehr langen Haaren und exorbitantem Vollbart abfällig gedeutet habe. Bin ich überhaupt noch ein Punk? Oder auf dem Weg ins intolerante Spießertum?« Knut B., Göttingen     

Ist das eine Frage der Moral? Ich meine ja, schon allein weil Sie Menschen in Kategorien einordnen und ihnen Gattungsbezeichnungen geben, statt sie als Individuen zu sehen. Das scheint mir problematisch.

Nun bezeichnen Sie sich ja selbst als Punk, das können Sie natürlich tun, wenngleich sich unter dieser Bezeichnung die unterschiedlichsten Teilgruppen sammeln. Wenn ich es recht verstehe, geht es beim Punk vor allem darum, durch verschiedene, innerhalb einer bestimmten Gruppe dann doch wieder ähnliche, gleiche oder sogar festgelegte Merkmale und Verhaltensweisen, nach außen hin andere Gruppen, im Idealfall die ganze sonstige Gesellschaft, auf jeden Fall aber die »Spießer« zu provozieren und sich dadurch abzugrenzen.

Schwieriger ist die Einstufung eines Menschen als »Spießer«, denn das tut man üblicherweise nicht selbst, sondern andere tun es in abwertender Absicht. Es handelt sich dabei, worauf die Marburger Soziologin Laura Kajetzke hinweist, um eine Anrufung im Sinne der Sprechakttheorie, die jemanden, indem man ihn so bezeichnet, überhaupt erst zu dem macht. Das heißt, jemand mag Eigenschaften haben, die man gemeinhin mit Spießertum assoziiert, etwa Obrigkeitshörigkeit oder Intoleranz gegen Fremdes und Neues, Spießer wird er jedoch erst dadurch, dass ihm andere das Etikett ankleben.
Was folgt daraus in moralischer Hinsicht? Ob jemand nun Irokesenschnitt trägt, einen ordentlichen Seitenscheitel oder lange Haare und Vollbart, ist aus moralischer Sicht vollkommen gleichgültig. Wie und warum sich jemand in einer bestimmten Form darstellt, ist primär dessen Sache. Von allen Formen der Provokation ist die über das eigene Aussehen die moralisch unbedenklichste: man muss nur wegsehen, um ihr zu entgehen. Anders verhält es sich damit, dass Sie auf den Mann mit den langen Haaren »gedeutet haben«. Damit sondern Sie ihn wegen seines Aussehens ab, nur weil er anders ist. Das beinhaltet Intoleranz, vermutlich aber auch eine Abwertung. Und das wiederum halte ich für schlecht – unabhängig davon, ob Sie Punk sind, auf dem Weg ins Spießertum oder nur den Wunsch verspüren, sich abzugrenzen.

Literatur:

Laura Kajetzke, Der Spießer. In: Stephan Moebius und Markus Schroer (Hrsg.), Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart, Suhrkamp Verlag Berlin 2010

Judith Butler, Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006

Jürgen Teipel, Verschwende Deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001


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Kommentare

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  • armin reich (0) Die gedankliche Herangehensweise finde ich gelinde gesagt obskur. Bei den Punks gibt es viele, die im Prinzip genauso spießig sind, wie ein Ottonormalverbraucher. Aber der Anteil an undogmatischen und liberalen Leuten ist wesentlich höher in dieser Subkultur - die ich mal mit ausgeweiteten Grenzen erfassen möchte.

    Das ist allerdings nur eine Wortklauberei. Als Spießbürger wird nach dem Wortbegriff ein obrigkeitshöriger, eingefahrener Normalbürger gesehen, der ohne Widerworte wochentags den Job abreißt und am Samstag nach dem Rasenmähen "Wetten daß" schaut. Das kann man nicht einfach umformulieren und auf Punks anwenden. Man nehme eben andere Wörter.