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aus Heft 46/2012 Geschichte

Miss Holocaust

Thorsten Schmitz  Foto: Michael Chelbin

Chava Herschkowitz wurde in Israel zur schönsten KZ-Überlebenden gewählt. Jetzt streitet das Land, ob die Idee geschmacklos ist - oder eine ganz neue Form von Beistand.

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Eine stolze, schöne Frau, die den Holocaust überlebt hat, Chava Herschkowitz in ihrer Wohnung in Haifa mit Krone und Schärpe, die zeigen: Sie ist »Miss Holocaust Survivor«.


Chava Herschkowitz sitzt auf dem Balkon ihrer Wohnung, in der Ferne sieht man das Mittelmeer vor Haifa glitzern. Auf dem Tisch stehen Hefezöpfe und eine Kanne Tee. Sie rührt nichts davon an. Der Balkon ist ihr Balsam. Wenn Chava Herschkowitz nachts nicht schlafen kann, wenn ihr Herz pocht vor Aufregung, setzt sie sich auf einen der weißen Plastikstühle auf ihrem Balkon und schaut auf die Lichter der Stadt. Die Lichter sagen ihr: Dass das Leben weitergeht. Egal, was kommt. Egal, was war.

Es ist später Nachmittag, Chava Herschkowitz trägt eine pinkfarbene Bluse, roten Lippenstift und hat silbergraues Haar. Sie legt Wert auf Eleganz und Sauberkeit. Sie sagt, sie kenne Menschen in ihrem Alter, die »sitzen den ganzen Tag im Pyjama in ihrer Wohnung«. Sie möchte es »nie so weit kommen lassen«. Seit einer Stunde erzählt sie aus ihrem Leben. Von der Bukowina im heutigen Rumänien, wo sie geboren wurde, vom Krieg in Transnistrien, von Gefangenschaft, Hunger, Kälte. Sie hat sich am Abend zuvor einen Zettel gemacht, damit sie auch ja nichts vergisst. Als sie vom letzten Tag im Leben ihrer Mutter berichtet, versagt ihre Stimme. Sie stockt und legt ihren Kopf in beide Hände. Tränen fließen aus ihren Augen, auf die Bluse.

Acht Jahre alt war Chava Herschkowitz, als ihre Mutter starb. Erschöpft und krank lag die Mutter auf einer Pritsche in einem Lager in Transnistrien, es war das Jahr 1942. Die Mutter litt an Bakterienruhr. Chava hielt die Hand ihrer Mutter, als die Mutter Chava bat, kurz nach draußen zu gehen. Als sie zurückkehrte, war die Mutter tot. »Sie wollte nicht«, sagt Chava Herschkowitz und ihre Augen werden feucht, »dass ich sie sterben sehe.«

Sie geht in die Küche. In einer Schublade liegt die Packung mit Beruhigungstabletten. Sie fürchtet sich vor der Nacht. Wenn sie vom Krieg erzählt, vom Getto und dem Lager in Transnistrien, kommen der Krieg, das Getto und das Lager nachts in ihr Bett gekrochen. Oft, sagt sie, schreie sie dann und werde von ihrer eigenen Stimme wach. In solchen Momenten schält sie sich aus dem Bett und geht auf den Balkon, zu den Lichtern der Stadt. Im November 1941 haben die Nationalsozialisten sie und ihre Familie in ein Massenlager nach Transnistrien deportiert. Seitdem legt sich, immer im November, ein Schatten auf ihre Seele.

Chava Herschkowitz wird nächstes Jahr 80 Jahre alt. Das sieht man ihr nicht an. Ihr Mann ist vor zwei Jahren gestorben, sie vermisst ihn. Auch er kommt manchmal nachts in ihren Träumen vor. Er hat den Krieg überlebt, ist Auschwitz und Theresienstadt und Buchenwald entkommen. Aber viel kann Chava Herschkowitz nicht erzählen über seine Zeit in den Lagern. »Wir haben uns bemüht«, sagt sie, »nicht darüber zu reden.« Nur zweimal, als der Sohn und die Tochter in der Schule Referate anfertigen mussten, erzählten sie den Kindern vom Krieg, dem Getto, den Lagern. Dann wurde wieder geschwiegen.

Erst in diesem Jahr, im Sommer, am 28. Juni, hat Chava Herschkowitz gelernt, über ihre Erlebnisse zu reden. Vor Hunderten von Menschen, nach Jahrzehnten des Schweigens. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, es war ein lohnenswerter Sprung. »Diese Veranstaltung«, sagt sie, »war wie eine Befreiung für mich.

Diese Veranstaltung war: ein Schönheitswettbewerb, »Miss Holocaust Survivor«. Gesucht wurde die schönste, berührendste, aktivste Holocaust-Überlebende Israels.

Früher habe sie jeden Film, jedes Buch gemieden, in dem der Holocaust vorkam. Das erleichterte das Schweigen. »Ich habe«, sagt sie, »den Holocaust weggedrückt.« Der Schönheitswettbewerb hat sie gelehrt: Dass es gut ist, die Erinnerungen hervorzukramen.

Nur noch 210 000 Menschen leben in Israel, die den Holocaust überlebt haben. Es ist die letzte Generation. Rund ein Drittel lebt unterhalb der Armutsgrenze. Vor fünf Jahren hat eine israelische Reporterin in einem Fernsehbeitrag über die Armut unter Holocaust-Überlebenden in Israel berichtet. Sie hat Frauen interviewt, die sich keine Hörgeräte leisten können und die Schuhe ihrer verstorbenen Ehemänner tragen. Der Film hatte großes Aufsehen erregt. Wie kann das sein, dass im Land der Juden Holocaust-Überlebende verarmen, haben sich die Menschen damals gefragt. Die Politiker versprachen Hilfe. Geändert aber hat sich seitdem nichts – und die Armut der letzten Generation der Holocaust-Überlebenden verschwand aus den Medien, in den Themen-Schubladen.

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Die Begegnung mit Chava Herschkowitz wird Thorsten Schmitz so schnell nicht vergessen: Als ihr die Tränen kamen, konnte er seine auch nicht zurückhalten. Am Tag nach dem Besuch rief er sie an. Wie die Nacht gewesen sei, wollte er wissen. Sie habe, sagte sie, nicht gut geschlafen, das Gespräch habe sie sehr aufgewühlt. Irgendwann sei sie dann aufgestanden und habe sich, im Bademantel, auf ihren Balkon gesetzt.

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