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aus Heft 46/2012 Kunst

Bilder einer Ausstellung

Seite 2: Künstler 11-17

Ingvild Goetz (Kuratorin)  Redaktion: Lisa Frieda Cossham, Tobias Haberl



11 VERTICAL ON MY OWN, 3 min 9 sec, A K DOLVEN, 59, London und Lofoten

Vollmond auf den Lofoten, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises: Hier ist Norwegens bekannteste Künstlerin A K Dolven aufgewachsen. Für Vertical on my own haben sich ihre Familienmitglieder und Freunde in den Schnee gestellt. Ihr Schatten ist das Einzige, was sich bewegt. Eine Szene der Stille und des Friedens - wenn dieses komische Geräusch nicht wäre. Für Ausstellungen muss Dolven ihren Film auf eine 15 Meter breite Wand projizieren, so lang sind die Schatten im Norden.
12 STRAUSS OK, 4 min 36 sec, JEANNE FAUST, 44, Hamburg

»Mein Film basiert auf einem Anzeigenmotiv von Gucci: Männer in weißen Kitteln, die in einem Florentiner Atelier stehen und Leder zerschneiden. Gucci nutzt dieses Foto aus dem Jahr 1921 für Werbezwecke. Es soll die Marke mit alter Handwerkstradition, Authentizität und Beständigkeit in Verbindung bringen. Ich glaube, gute Werbung fasst eine gesellschaftliche Stimmung zusammen und erweckt einen Wunsch, den sich der Einzelne zu erfüllen versucht. Mein Film unterläuft dieses System.« (Jeanne Faust)   13 PIANO CHAIR, 3 min 52 sec, ROBIN RHODE, 36, Berlin

Ein Pianist, der sein Klavier nicht zerstören, sondern erstechen, zerhacken, verbrennen und aufhängen will. In Rhodes Animationsfilm Piano Chair geht es aber um viel mehr als nur die Wut des Musikers auf sein Instrument. »Es geht um das Eindringen der Moderne ins koloniale Südafrika während der Rassendiskriminierung.« Der Flügel scheint der Täter zu sein, der Hocker der stumme Zeuge dieser Gewaltattacke. »Der Rhythmus der Bilder«, sagt Rhode, »erinnert an Musik von Prokofiew.« Dessen Solowerke für Klavier seien manisch und selbstzerstörerisch - wie sein Film.  


14 REBEL REBEL, 8 min 40 sec, MARTIN BRAND, 36, Köln

SZ-Magazin: In Ihrem Film wird ziemlich viel geschrien. Worum geht es?
Martin Brand: Um Jugendkultur und Identität. Rebel Rebel basiert auf Aufnahmen, die ich in der Metal- und Deathcore-Szene rund um den Musiker David Beule gemacht habe. Ich zeige die Musiker beim Proben, beim Warmsingen oder ganz alltäglichen Dingen wie Computerspielen.

Wie sind Sie auf den Protagonisten David Beule gekommen?
Ich habe Jungs auf der Straße angesprochen, von denen ich annahm, dass sie Musik machen. Reiner Instinkt. Irgendwann habe ich David getroffen und wusste sofort: Der ist es. David hat eine ungebremste Heftigkeit, eine unglaubliche Power, er ist rastlos und faszinierend.

Warum schreien die Jungs so?
Das Shouten gehört zu dieser Art von Musik. Es drückt das Bedürfnis aus, sich radikal zu äußern. Es hat etwas Archaisches, und ich wollte unbedingt wissen, was dahintersteckt. Das Shouten ist wie das Tätowieren ein Ausdruck ungebremsten Lebens. Eine zeitgenössische Form des Rock ’n’ Roll.

15 SUDDEN DESTRUCTION, 4 min BJØRN MELHUS, 46, Berlin

Und wieder ein Hotelzimmer. Diesmal steht ein Mann am Fenster und kündigt einen Krieg an. Im Fernsehen zählt ein Moderator Endzeit-Szenarien auf, daneben erwacht ein regloser Körper zum Leben und spricht mit gespenstisch verzerrter Stimme von der unmittelbar bevorstehenden Zerstörung, der »sudden destruction«. Für seinen Film hat Bjørn Melhus auf Youtube nach Endzeit-Träumen gesucht. Tausende Menschen haben dort unter dem Stichwort »sudden destruction« ihre apokalyptischen Prophezeiungen hochgeladen, die meisten von ihnen mit christlich-religiösem Hintergrund. Sie predigen aus Hobbykellern und Wohnzimmern, manche haben sich zurechtgemacht, andere wirken wie aus dem Schlaf gerissen. Allen gemein ist eine lustvolle Sehnsucht nach Zerstörung, bei der die Guten errettet werden. Aus dem Chor der Hobbyprediger hat Melhus drei Stimmen ausgewählt und eine Tonspur erstellt, die eine eigene Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die mal wie eine Séance, dann wie ein exorzistischer Akt wirkt. Die Figuren verkörpert Melhus selbst, wie ein Medium lässt er die Stimmen durch sich sprechen.


16 IM SCHIFFBRUCH NICHT SCHWIMMEN KÖNNEN, 8 min 23 sec, MARCEL ODENBACH, 59, Köln

»Am Meer sitzen und von der Ferne träumen. Aber was ist, wenn die Ferne zur Heimat wird?« Dann, so haben es die Afrikaner Marcel Odenbach erzählt, wird die alte Heimat zur neuen Fremde. Odenbach musste lange suchen, bis er illegale Einwanderer fand, die bereit waren, mit ihm über ihre Erfahrungen zu sprechen. Er ist mit ihnen nach Paris gereist und in den Louvre gegangen. Die Männer aus Nigeria und Kamerun saßen vor dem »Floß der Medusa« von Théodore Géricault, dem Bild, das die Kolonialgeschichte Europas schildert und das Meer zeigt, über das auch diese Männer nach Europa kamen. Sie führten lange Gespräche, an Rückkehr aber dachte keiner.  


17 SENTIMENTAL FUTURIST, 4 min 51 sec, SHANA MOULTON, 36, New York

Shana Moulton ist bekannt für ihre ironischen und humorvollen Video-Arbeiten und Performances. Seit Jahren untersucht die Künstlerin die Wechselwirkung von Konsum und Kunst. Bis heute ist sie überzeugt davon, dass sie ihren besten Film im Alter von 15 gedreht hat: ein Remake der legendären Black-Lodge-Szene aus Twin Peaks

Sentimental Futurist ist alles auf einmal: melancholisch, absurd, spannend, bildungsbürgerlich und sehr komisch. »Ich habe versucht, eine Oil-of-Olaz-Werbung mit den großen Frauenfiguren der Kunstgeschichte zu verbinden«, sagt Shana Moulton. Das war die Grundidee. Als Soundtrack wählte sie eine Chorversion des Liedes The First Time I Ever Saw Your Face, das in den Fünfzigerjahren die Oil-of-Olaz-Werbung untermalte. Die Frauen holte sie sich aus dem bekannten Youtube-Video Women in Art von Philip Scott Johnson - mit seiner Erlaubnis. Es geht um Schönheit in diesen fünf Minuten. Um Schönheit und wie wir sie uns zu verschiedenen Zeiten vorgestellt haben und immer noch vorstellen.


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