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aus Heft 47/2012 Die Gewissensfrage 6 Kommentare

Die Gewissensfrage

Kann man sich für Tierrechte engagieren, ohne zugleich die Toleranz gegenüber anderen Religionen einzuschränken?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch


»Als Tierliebhaberin und Vegetarierin besuche ich häufig Veranstaltungen des Tierschutzvereins. Eine dort ausgelegte Unterschriftenliste brachte mich jedoch in ein moralisches Dilemma: Es ging um eine Petition, die sich gegen Massenschlachtung und zugleich gegen unbetäubtes Schächten aussprach. Ich verweigerte die Unterschrift und verwies auf das Recht freier Religionsausübung. Seitdem habe ich Gewissensbisse. Was meinen Sie?«
Ute B., Bonn


Meiner Meinung nach haben Sie richtig gehandelt. Nicht, weil ich eine bestimmte Auffassung zum Verhältnis von Tierschutz und Religionsausübung als »die richtige« erachte. Was dabei richtig ist, möchte ich an dieser Stelle offenlassen, falls es da überhaupt ein richtig oder falsch gibt. Sondern weil Sie darüber reflektiert haben, sich eine Meinung gebildet oder zumindest zur Überzeugung gelangt sind, dass darin ein Problem liegt, und Sie sich dementsprechend verhalten.

Im Einzelnen: Darüber, ob man Fleisch essen darf oder nicht, kann man diskutieren, die Massentierhaltung mit ihren Auswüchsen und den daraus entstehenden Qualen für die Tiere ist ethisch nicht vertretbar. Insofern ist es vollkommen richtig, dass Sie das ablehnen. Beim Schächten, dem in manchen Religionen vorgeschriebenen rituellen Schlachten, steht einer möglichen Qual der Tiere, die ihr Ausbluten bei Bewusstsein erleben, das Recht auf freie Religionsausübung gegenüber. Es kommt zu einem Konflikt, den man, wenn sich, je nach Auslegung der religiösen Vorschriften, keine Kompromisse wie vorheriges Betäuben finden lassen, nicht vollständig auflösen kann. Man kann am Ende nur einem der beiden Aspekte Vorrang gewähren.

Damit kommen wir zum Kern Ihres Problems: Während die Initiatoren der Petition bei der Massentierhaltung wie beim Schächten den Tierschutz vorrangig sehen, unterscheiden Sie diese beiden Fälle und haben beim Schächten zumindest Bedenken. Rechtfertigen diese Bedenken nun, Ihre Unterschrift insgesamt zu verweigern – und damit auch für das andere, in Ihren Augen berechtigte Anliegen, den Kampf gegen die Massentierhaltung? Ich meine: Ja. Eine Unterschrift unter eine Petition ist etwas anderes als zum Beispiel eine Abstimmung, bei der Sie vielleicht Kompromisse eingehen müssten, oder eine Wahl, bei der Sie für die Partei stimmen, die Ihren Interessen am ehesten entspricht. Der Ausdruck »Das würde ich unterschreiben« bedeutet, dass man sich mit einem Inhalt identifiziert. Das können oder wollen Sie hier nicht und deshalb ist es nur konsequent, wenn Sie Ihren Namen nicht darunter setzen. Es sei denn, der Kampf gegen die Massentierhaltung ist Ihnen so wichtig, dass Sie Ihre Bedenken hintanstellen. Aber auch das wäre wieder Ihre persönliche Entscheidung.

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Kommentare

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  • Sebastian Nelding (0) Statt vorauseilenden Respekts gegenüber religiös motivierten Forderungen würde ich eine Abwägung von Interessen vorschlagen. Was verursacht mehr Leid? Eine Kränkung religiöser Gefühle? (Was ist das überhaupt? Entsteht hier tatsächlich ein Schaden?) Oder der Verlust der Klitoris? Der Verlust der Vorhaut? Ein qualvoller Tod für Nutztiere?

    Wie weit wären wir heute, wenn in anderen ethischen Fragen (Abschaffung der Sklaverei, Gleichberechtigung der Frau, Akzeptanz Homosexueller) stets vorauseilender Gehorsam gegenüber religiösen Gefühlen geübt worden wäre? Für beinahe jeden ethischen und zivilisatorischen Fortschritt mussten religiöse Gefühle verletzt werden. Auch heute lohnt eine rationale Abwägung. "Das haben wir schon immer so gemacht, und außerdem bin ich sonst beleidigt" ist kein gutes Argument in einer ethischen Debatte.

    Bedingungsloser Respekt gegenüber Menschen: ja. Bedingungsloser Respekt gegenüber Überzeugungen: nein.
  • Sonja Meier (0) Ich denke, man muss hier Verhalten und Inhalt unterscheiden.
    Vom grundsätzlichen Verhalten ist es meines Erachtens natürlich zu befürworten, dass jemand nicht blindlings alles unterschreibt, obwohl nur eine Forderung wirklich der eigenen Einstellung entspricht oder weil man bei gewissen Punkten Zweifel hat.

    Inhaltlich denke ich allerdings, dass es eine Petition gegen Tierquälerei sein soll, und das heißt dann, für das Tierwohl einzutreten. Und da verstehe ich nicht, wieso da keine Fortschritte erzielt werden können. Die Tierrituale stammen doch aus einer Zeit, als man auch noch guten Gewissens "Auge um Auge" forderte (und wohlgemerkt, diese Forderung war damals ein Fortschritt und dazu gedacht, die blindwütige, grenzenlos blutdürstige und kriegstreiberische Rachsucht zu unterbinden und Rache einzugrenzen!). Ist es nicht wieder einmal Zeit für einen Schritt nach vorne und die Kreatur mehr zu achten?
  • Ava Richard (0) Ja, es ist möglich, Religionsgemeinschaften zu kritisieren. Genau darum geht es hier aber wohl nicht, sondern darum, 2 Werte gegeneinander abzuwaegen. Tierschutz und Toleranz gegenueber anderen Religionen.
  • albert veiglhuber (0) oft stimme ich zu, das finde ich jämmerlich.

    MfG kein Vegetarier
  • Antonietta Tumminello (0) Beim Schächten wird einem unbetäubten Tier der Hals mit einem Messer von der Kehle aus durchschnitten. Dabei werden bei vollem Bewusstsein Haut, Muskeln, die Halsschlagadern, die Luft- und Speiseröhre sowie die daneben befindlichen Nervenstränge durchtrennt. Die Tiere durchleiden einen Todeskampf, der Minuten andauern kann, mit höllischen Schmerzen, Atemnot und Todesangst und sterben schließlich durch Verbluten. Dieses betäubungslose Schlachten ist Bestandteil verschiedener Religionen und wird vor diesem Hintergrund auch in Deutschland praktiziert.
  • Elisabeth Matzke (0) Es muss doch auch möglich sein, Religionsgesellschaften zu kritisieren.