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aus Heft 47/2012 Tiere/Pflanzen 2 Kommentare

Kriech und Frieden

Was, wenn Haustiere alt werden? Oder krank? Oder einfach nur: lästig? Sieben Geschichten über den Versuch, gemeinsam weiterzumachen.

Von Meike Mai (Text und Protokolle)   Fotos: Gianni Occhipinti und Julian Baumann





Könnte man hier Worte flüstern statt schreiben, würde ich es jetzt tun. Ich würde die Menschen auf dieser und den folgenden Seiten leise fragen: Gell, manchmal ertappt ihr euch dabei, wie ihr heimlich diesen einen Gedanken, den ihr gar nicht denken wollt, denkt: »Ach, das Leben könnte so schön und einfach sein, wenn dieses Tier nicht mehr da wäre. Ausgehen könnte man mal wieder und wegfahren, viel Geld sparen und viel Arbeit und das Leben genießen, ohne immer angehängt zu sein wie mit einem Kleinkind.« Ich glaube, all diese Leute würden nicken. Alle. Sie kennen diese dunklen Gedanken, wenn das Tier alt wird oder krank oder kauzig oder mühsam - wenn die Katze die Blase nicht mehr kontrollieren kann und der Hamster nicht mehr im Rad rennt, weil er am Ende seines kurzen Lebens kaum noch Puste hat; wenn sich im Hund so viel Wasser staut, weil sein Herz keine Kraft mehr hat zu pumpen, ach, und so weiter und so fort, ist das alles traurig. Zum Glück aber wischen alle diese Tierbesitzer diese dunklen Gedanken jedes Mal schnell weg und rufen stattdessen laut und voller Inbrunst: »Was für ein Quatsch, was für ein Käse! Ich liebe mein Tier! Je älter und gebrechlicher es wird, desto mehr. Nie, nie, nie soll es sterben! Was würde ich denn nur machen ohne es!« Ja. Ja, stimmt auch, ist alles richtig. Nur manchmal, manchmal wird der Alltag mit einem Tier mühsam. Das muss man doch auch mal sagen dürfen. Darüber, über dieses manchmal eben, erzählen sieben leidgeprüfte Tierliebhaber.



Es gibt Schildkrötem, wie jene beiden von Frau König, die lieben Decken und Kissen. Und Frau König spricht mit ihnen. Sieht man das?

Barbara, Susi, Schildkrötchen

Barbara König, Rentnerin aus Hilkenbrook im Emsland, und die beiden Landschildkröten Susi und Schildkrötchen.

»Schildkröten sind gar nicht pflegeleicht. Wenn sie nicht gerade Winterschlaf halten, muss man sich intensiv mit den Tieren beschäftigen: Frischen Salat oder Tomaten füttern, den Schlafplatz sauber halten, genauso wie die Terrasse, wo sie sonnenbaden. Und ihnen zuhören. Das klingt vielleicht ein bisschen verschroben, ist aber so. Ich rede mit meinen Schildkröten. Und sie hören auf mich und folgen mir. Beispielsweise wenn ich ihre Lieblingsdecke in die Sonne lege. Pro Tag rechne ich mindestens anderthalb Stunden für meine Krötchen ein. Ich finde es verantwortungslos, wenn sich Menschen langlebige Haustiere anschaffen und gleichzeitig keinen Gedanken daran verschwenden, was das bedeutet. Das trifft besonders auf Schildkröten zu. Ich schätze meine beiden so zwischen 50 und 60. Genau weiß ich es nicht, da sie mir vor 47 und 35 Jahren zugelaufen sind. Aber Landschildkröten können auch mal 100 werden. Meine größte Sorge ist, dass sie mich überleben. Das darf nicht sein, sie müssen vor mir sterben. Aber gleichzeitig wünsche ich ihnen natürlich ein langes Leben. Ach, ich weiß oft nicht weiter. Jetzt habe ich verfügt, dass dann jemand aus dem Freundeskreis sich um sie kümmert. Ob die genauso liebevoll mit ihnen sind, kann ich nicht sagen. Ich kann es nur hoffen.«


Normalerweise darf Angelina nicht aufs Sofa, da ist Frau Ziegler streng. Nicht ganz so streng ist sie beim Füttern. Da fällt schon ab und zu mal ein Stückchen Wurst vom Abendbrottisch.

Vera und Angelina

Vera Ziegler aus Schweinfurt und ihr Westie Angelina, 4.


»Wir haben Angelina nur für unsere Tochter angeschafft. Die hat sich immer einen Hund gewünscht, wir haben erst mal Nein gesagt. Stattdessen gab’s Vögel, einen Hamster, ein Kaninchen. Aber sie wollte eben einen Hund. Das ist irgendwie mehr ein Familienmitglied. Gut, sie war eine Nachzüglerin, ihre beiden Schwestern sind viel älter. Als unsere Tochter dann zehn war, haben wir ihrem Mosern nachgegeben, und sie hat Angelina bekommen. Davor haben wir sogar einen Hunde-Gassi-geh-Plan aufgestellt: Sie wollte morgens vor der Schule und nachmittags gehen. Schon ein Jahr später habe ich von ihr zum Muttertag einen Gutschein über zweimal Gassi-Gehen bekommen. Das sagt eigentlich schon alles.

Nur wenn Freundinnen da waren oder zum Angeben war der Hund noch gut. Inzwischen ist unsere Tochter in der Pubertät, ihr Interesse an Angelina ist noch geringer geworden. Dafür muss ich mich jetzt kümmern. Ich habe noch Glück, Angelina ist ein lieber Hund, der nicht hochspringt, nicht trödelt, nicht alt oder krank ist. Trotzdem: Diese Angebundenheit nervt. Ja, ja, klar kann Angelina nichts dafür, aber ich auch nicht. Ich hab sie krass gesagt an der Backe. Wenn ich meinen Mann mal auf Tagungen begleiten möchte, hab ich riesige Probleme, den Hund unterzukriegen.

Eine Bekannte hat zwei Katzen, wenn sie Angelina nimmt, schläft sie extra beim Hund im Wohnzimmer, weil die Katzen sonst die Angelina niedermachen. Meine älteren Töchter wohnen sehr weit weg, die können Angelina auch nicht nehmen. Selbst wenn ich mal in der Stadt bin, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Angelina nicht länger als zweieinhalb Stunden allein lassen möchte. Und das geht jetzt bestimmt noch die nächsten zehn Jahre so, wenn man die Lebenserwartung realistisch einschätzt.«

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Kommentare

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  • Frank Martis (0) Manchmal ist es fast entspannend, über die kleineren Alltags"sorgen" anderer zu lesen - so ganz ohne Jesus-Syndrom und Weltrettungsethos. Muss nicht immer Syrienkrieg, Hungerkatastrophe und Zombieapokalypse sein. Niedlicher Artikel, auch wenn sich da manche Abgründe im Denken auftun
  • Wiebke Hunn (0) Mir bricht gleich das Herz. Dann hätte ich eben mal meine Tochter besser erzogen oder mich garnicht darauf eingelassen. Aber wenn Frau Ziegler Glück hat, dann kann sie ihren Hund zufälligerweise vor ein Auto rennen lassen oder einfach, ganz zufällig Rattengift fressen lassen. Das macht auch nicht so viele Umstände.
    Das kann man ja nicht fassen. Mir wird immer noch das Herz schwer, wenn ich an meinen armen Kater denke, der viel zu kurz auf dieser Welt gelebt hat (knapp 13 Jahre). Er fehlt mir so dermaßen, dass ich manchmal sein Bild anschaue und nicht aufhören kann zu weinen.
    Aber wahrscheinlich kann man nicht erwarten, dass Menschen Gefühle für andere, als sich selbst entwickeln.