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aus Heft 47/2012 Gesellschaft/Leben 3 Kommentare

Der erfundene Ort

Geht das eigentlich: irgendwo hinziehen und ein Dorf gründen? Ein paar Unternehmer und Aussteiger haben es in der süddeutschen Provinz probiert. So entstand etwas wunderbar Unmögliches: ein schwäbischer Hightech-Kibbuz.

Von Lars Reichardt  Fotos: Robert Brembeck



Sieht natürlich albern aus: vierzig Erwachsene, die Händchen halten und schweigen. Zehn Minuten lang. Dann reden sie kurz, bevor sie mit ihren erhobenen Händen wackeln. Wie im Kindergarten. Die Leute vom Dorf Tempelhof wissen, wie das auf Fremde wirken muss. Sie kommen aus der Großstadt, sind keine Hippies und wollen dennoch nicht aufs Händchenhalten verzichten. Nicht mal vor einem Fotografen. Hat ja auch Sinn: Jede Gemeinschaft braucht Rituale – der Kindergarten, die Kleinfamilie, der Fußball- wie der Gesangsverein. Rituale stärken die Verbundenheit zwischen Menschen. Erst recht, wenn sie früher eher Einzelgänger waren. So wie der Unternehmer Wolfgang Sechser. So wie der Weltumsegler Ben Hadamovsky. Rituale verbinden erst recht, wenn eine Gemeinschaft so groß ist wie ein ganzes Dorf und niemand genau weiß, wie viele Bewohner es gerade hat, weil es von Monat zu Monat wächst. Seit zwei Jahren schon.

Tempelhof ist eine Art schwäbischer Hightech-Kibbuz mit 26 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in der Nähe von Dinkelsbühl auf halbem Weg zwischen Ulm und Würzburg, auf denen genügend Gemüse und Obst für den Eigenbedarf wächst und die reichlich Platz bieten für sechzig Ziegen, hundert Hühner, für Käserei, Bäckerei, Imkerei, Waldkindergarten, Schneiderei, Schreinerei, Schlosser-, Fahrradwerkstatt, eine große Dorfkantine und ein kleines Café. Aber auch für ein Glasfasernetz mit eigenem Server und ein Labor, in dem zwei Forscher mit Wasserstofftrennung experimentieren und über Biomeiler nachdenken, die ohne Verbrennung Strom und Wärmeenergie erzeugen. Bald sollen eine Schule und ein Hospiz folgen. Seminarräume und Gästezimmer werden vermietet. Wenn die im Sommer für 350 Konfirmanden oder Englischschüler aus Baden-Württemberg nicht reichen, wird ein Zeltlager aufgebaut.

Zwei schwer erziehbare Jugendliche leben und arbeiten mit ihrem Erzieher schon in Tempelhof, mehr werden kommen. Das unorthodoxe Erfolgsrezept des Erziehers heißt: »Ritual statt Ritalin.« Es funktioniert, die beiden Jungs haben die starken Beruhigungsmittel längst abgesetzt. Niemand hat Angst vor den hundert neuen Nachbarn, die mit ihren Händen wackeln. In Tempelhof entstehen neue Arbeitsplätze, und Tempelhof will bestehenden Werkstätten in den Nachbarorten keine Konkurrenz machen. Jeden Monat veranstaltet das Dorf Informationstage und einmal im Jahr ein großes Maifest; Satzung und Ziele sind auf der Homepage www.schloss-tempelhof.de einsehbar, selbst die Geschäftsberichte der Dorfgenossenschaft können nachgelesen werden.

In Zeiten der Landflucht von jungen Leuten ist selbst der zuständige Bürgermeister der umliegenden Gemeinde Kreßberg über die zugereisten Städter glücklich. Tempelhof bedeutet für die anderen 3883 Bewohner Kreßbergs: stabile Wasserpreise und Schulen, die nicht geschlossen werden. Und endlich ist mal wieder richtig was los für die Jugend aus den umliegenden Dörfern. Vielleicht ist Tempelhof ein Symbol für die neue Landlust vieler Städter. Das Dorf liegt nicht zu weit, um unter der Woche in die Großstadt zu pendeln. Tempelhof versucht ganz sicher den Spagat zwischen modernem Arbeitsplatz vor dem Computer und Wohnen in idyllischer Natur, zwischen moderner freiberuflicher Tätigkeit als Einzelkämpfer und alter Sehnsucht nach Geborgenheit in dörflicher Gemeinschaft, zwischen neuen Lebensentwürfen und alten Ritualen.

Das Dorf Tempelhof kennt drei Rituale. Nummer eins: Zum gemeinsamen Essen in der Kantine ertönt ein Gong; auch vor langen Diskussionsabenden wird er geschlagen. Nummer zwei: Morgens nach dem Frühstück in der Kantine bilden die Bewohner einen Kreis. Sie fassen sich an der Hand und schweigen bis zu zehn Minuten lang, dieses Ritual nennen sie Morgenkreis. Kindergärten machen das auch häufig, nur nicht so lange. Nach dem Schweigen kommt im Morgenkreis Alltägliches zur Sprache: Wer fährt wann die 190 Kilometer nach München oder die 120 nach Stuttgart und könnte etwas mitnehmen? Mag jemand bei der Birnenernte helfen? Ein Techniker, er ist vom Dorf angestellt, verkündet: Die fünfte Fotovoltaikanlage ist angeschlossen. Das Dorf erzeugt jetzt an guten Sonnentagen fünfzig Prozent mehr Strom, als es verbraucht. Bei dieser Nachricht wackeln die Menschen im Kreis mit erhobenen Händen. Auch Sechser, der Unternehmer, und Hadamovsky, der Weltumsegler.

Dieses dritte Ritual ist eine Geste aus der Gebärdensprache und ersetzt das gewöhnliche Klatschen. Die Bewohner von Tempelhof haben sie übernommen, weil am Morgenkreis auch kleine Kinder teilnehmen, für die Klatschen zu laut wäre. Gegen Ende des Morgenkreises stellen sich verschiedene Gäste vor: Tempelhof bekommt im Jahr etwa 500 Besucher, die ein oder zwei Wochen mithelfen. Um Urlaub zu machen. Aus Neugier auf das Leben in einer Großkommune. Einige wollen das Dorfleben genau kennenlernen, bevor sie einen Aufnahmeantrag stellen. Andere wollen Tempelhof kopieren und als Muster für ein eigenes Dorf irgendwo anders in Europa nutzen. Tempelhof ist berühmt unter Menschen, die nach Alternativen zu einem bürgerlichen Leben in der Kleinfamilie suchen. Bei der Begrüßung ihrer Gäste wackeln die Bewohner wieder mit den Händen. Rituale stärken die Gemeinschaft, aber Fremde schrecken sie gelegentlich ab, sie können altmodisch, esoterisch, antiaufklärerisch wirken, und natürlich sieht das Wackeln mit den Händen besonders albern aus. Aber für alle drei Rituale sprechen genügend praktische Gründe: Der Morgenkreis dient der Besinnung und er ersetzt auch die tägliche Zeitung mit den jüngsten Dorfnachrichten für die Einwohner. Tempelhof hat jedenfalls keine Scheu davor, irgendjemandem nicht zu gefallen. Das Dorf kann sich vor Anmeldegesuchen kaum retten. Im Augenblick herrscht Aufnahmestopp, das Dorf ist voll.

Mehr Platz wird es nächsten Herbst wieder geben, wenn die beiden Neubauten fertiggestellt sein werden. »150 bis 300 Leute sollen hier einmal leben, aber wir dürfen nicht zu schnell wachsen«, erklärt Wolfgang Sechser, der zum siebenköpfigen Dorfvorstand gehört. Sechser ist 51, hat zwei Baufirmen in München geführt, ist erst reich, dann krank geworden, hat seine Unternehmen abgegeben, mit Meditieren begonnen und das Dorf vor zwei Jahren mitgegründet. »Ich habe maximale Lebensschulung genossen, in jeder Beziehung.« Dass er einmal in großer Gemeinschaft leben würde, hätte er sich früher nicht vorstellen können. Der Bruch in der Biografie scheint eher untypisch für die Leute in Tempelhof. Sechser bekommt das Landleben jedenfalls sichtlich: Er sieht schlank und gesund aus. Er zieht sich immer noch schick an. Niemand in Tempelhof trägt Hippieklamotten.

Inzwischen zogen insgesamt an die hundert Leute zu, darunter zwanzig Kinder. Auch eine Französin, eine Argentinierin, eine Polin, eine Rumänin, ein Schweizer Ehepaar und demnächst auch eines aus Japan. Einige Künstler, ein Knallgasforscher, ein UNO-Mitarbeiter aus Genf, der Rest: Handwerker, Akademiker, Manager, Rentner, Krankenschwestern und Pfleger aus umliegenden Gemeinden, auch einige Münchner, die zur Arbeitsstelle noch hin- und herpendeln. 25 000 Euro müssen alle in die Genossenschaftskasse einzahlen, dafür bekommen sie das Recht auf billigen Wohnraum und billiges Essen: Sie dürfen für 250 Euro im Monat in der Kantine essen, wenn sie möchten, dreimal am Tag. Aber sie müssen natürlich nicht, sie können auch zu Hause kochen. Sie dürfen allein oder in einer Wohngemeinschaft oder mit Partner oder Familie wohnen – wie sie wollen und so wie es gerade möglich ist, gegen eine Warmmiete von nur fünf Euro pro Quadratmeter.

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Kommentare

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  • Sascha Abudabi (0) Zum Vorwurf meines Vorredners, der Artikel sei schlecht recherchiert passt, dass das genannte Ökodorf Siebenlinden nicht in Brandenburg sondern in Sachsen-Anhalt liegt...
  • Ingo S (0) Ich würde mir wünschen , daß Artikel wirklich recherchiert werden - statt etwas vom Hörensagen zu daherzuschreiben.
    Seit ca. 10 Jahren lebe ich im ZEGG und führe seit sieben Jahren eine verbindliche Beziehung; in diesem Jahr haben hier zwei Paare geheiratet. Das mal nur als Beispiel. Ein Mißtrauen gegenüber Partnerschaften gibt es hier nicht, wie Autor auf Nachfrage oder Besuch leicht feststellen könnte.
    Was wir uns hier erlauben, ist zu (hinter)fragen ob und wie jemand seine Beziehungen lebt - wenn einem etwas daran auffällt. Aber das sollte eigentlich zwischen allen Menschen (und erst recht Freunden) selbstverständlich sein.
    Und die Ableger in Europa könnten Sie mir auch gerne nennen, dann könnte ich sie mal besuchen...
  • Marina Hofer (0) Eine nette esoterische Idee welche den Weg der israelischen Kibbuzim nehmen wird. Nach 2, höchstens 3 Generationen ist der Zauber weg und alles wird wie es vorher war.