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aus Heft 48/2012 Die Gewissensfrage 5 Kommentare

Die Gewissensfrage

Ist es verlogen, bei einem Allgemeinwissensquiz Fragen absichtlich falsch zu beantworten, um die Mitspieler zu schonen?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»Neulich habe ich Freunde zum Spieleabend eingeladen, Wer wird Millionär als Brettspiel. Meine Mitspieler hatten schon bei sehr leichten Fragen ihre Probleme und ich merkte, wie unangenehm die Situation wurde. Deshalb beantwortete ich auch Fragen falsch, absichtlich, um die Situation zu entspannen. Nachträglich kam mir das verlogen vor. Was hätte ich tun sollen?«  Michael B., Freiburg     





Das Problem liegt nicht so sehr in der absichtlich falschen Antwort. Ihre Täuschung ist lediglich der Ausfluss einer Konstellation, die schon in sich so verquer ist, dass es schwierig erscheint, dabei ehrlich zu bleiben; zumindest, wenn man reinen Herzens ist.

Überraschenderweise haben in den letzten Jahren Freizeitunterhaltungen rund um das sogenannte Allgemeinwissen eine ungeahnte Blüte erfahren: Wissensquizze, Wissensshows und unter anderem auch Brettspiele. Ich frage mich, worin der Vorteil oder der Witz liegen, leicht nachschlagbares Wissen wie Nebenflüsse, Weltmeister, Ligagewinner, Filmbesetzungen, seltene Tiernamen oder Hitparaden im Kopf zu akkumulieren und abfragebereit zu halten. Außer man benötigt es laufend und kann dadurch Zusammenhänge schneller oder überhaupt erst erfassen. Auch Sprichwörter oder Zitate zu kennen hat nur dann einen Sinn, wenn sie eine über ihre gefällige Einstreubarkeit hinausgehende Wahrheit enthalten, die sich mit ihrer Hilfe erkennen oder vermitteln lässt. Ansonsten aber verorte ich das Abfragen von lexikalischem Wissen auf einer Stufe mit dem Vorführen von Kunststücken durch Zirkustiere.

Über den Sinn von Allgemeinbildung mag man noch unterschiedlicher Meinung sein, es bleibt jedoch das Verquere der Situation: Sie wollen einen Spieleabend veranstalten, also etwas zur Unterhaltung. Das Mittel, das Sie dazu verwenden, aber ist: gegenseitig Wissen abzufragen. Ein Vorgang, der normalerweise begrenzten Vergnügungswert besitzt. Oder hat es Ihnen in der Schule Freude bereitet, abgefragt zu werden? Ich frage mich, wann Diktate oder das Konjugieren von unregelmäßigen Verben Eingang in die Abendunterhaltung finden. Spaß kann bei all dem nur aufkommen, wenn man sich entweder darüber freut, dass jemand etwas weiß – schön für ihn, aber worin genau liegt dabei der Unterhaltungswert? Oder wenn jemand nichts weiß – der Fachausdruck dafür ist Schadenfreude oder Häme.

Vor diesem Hintergrund scheinen mir Ihre absichtlichen Falschantworten, mit denen Sie den grenzwertigen Abend retten wollten, tatsächlich von reinem Herzen getragen und damit trotz der Täuschung vertretbar. Im Gegensatz zur zugrunde liegenden Idee, sich durch gegenseitiges Abfragen zu unterhalten.

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Kommentare

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Kommentar:

  • Georg Schmidt (0) also, nur bei meinen Kindern ist ein bischen mogeln erlaubt, aber nur ein ganz kleines Bischen, das macht nämlich Spass, da das Allgemeinwissen selbst bei Erwachsenen sich meist auf BILD themen beschränkt, kann man solche Spiele auch sein lassen und einfach MauMau spielen !
  • Ferdinande Meier (1) Lieber Herr Erlinger, was SIe persönlich von Wissensquizzen und deren Spielern halten, war hier überhaupt nicht gefragt. Aber schön, dass Ihre Leser auch mal Ihre blasierte Seite kennenlernen durften. Das Konzept der Geschmackssache kennen Sie, ja?
  • Bettina Ulrich (1) Ist es von Belang, ob die Fragen ausgedacht oder eingereicht wurden? Solange sich Leser unterhalten fühlen, spielt das wohl nur für notorische Nörgler eine Rolle ... Und in der erläuterten Situation fühlte sich der Frager ja scheinbar eben nicht wohl - eine neutrale Abwägung ist manchesmal eben hilfreich, zumindest aber regt es dazu an, einmal über den eigenen Tellerrand zu sehen ...
  • Kerstin C (0) Ich habe hier bereits mehrere Fragen eingereicht und auch eine von Herrn Dr.Dr. Erlinger beantwortet bekommen. Zur Qualität der Antworten: Manch Philosophie-Professor zeigt einmal im Jahr - bei der Weihnachtsfeier - auf, warum die Erlingerschen Gewissensfragen gar nicht besonders gut beantwortet werden. naja...
  • martin rohwer (0) Wie der Autor frage ich mich auch eine Menge. Kann es sein, dass dies gar keine echte Frage ist, sondern eine ausgedachte? Dämlich genug ist sie ja. Sind möglicherweise alle Fragen dieser Rubrik ausgedacht, damit der Autor sein enzyklopädisches Wissen und seine Fabulierkunst präsentieren kann? Und hätte in diesem Fall als Antwort nicht gereicht: Machen Sie doch was Sie wollen, wenn Sie sich gut dabei fühlen passts schon?