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aus Heft 49/2012 Deutschland 1 Kommentar

Wird schon gehen

Wenn Journalisten etwas über ihr Land rausfinden wollen, begeben sie sich gern auf Wanderschaft. Also haben wir Moritz von Uslar (ZEITmagazin) und Alex Rühle (SZ-Magazin) gegeneinander antreten lassen: Der eine wandert von Berlin nach München, der andere in die Gegenrichtung. Mal sehen, wer schneller ist. Oder mehr erlebt.

Von Alex Rühle  Fotos: Gerald von Foris



I.

Laufen. Einfach nur laufen. Geradeaus, ins Nachmittagslicht. Ich hab mich nach eineinhalb Stunden aus München rausgeschlängelt, über kleine Straßen und Parks, runter an die Isar. Im Tengelmann am Cosimapark noch schnell eine Zahnbürste gekauft und Studentenfutter, das jetzt in der rechten Jackentasche steckt. Am Oberföhringer Stauwehr noch mal die alten Wanderschuhe meines Vaters fester schnüren, Mütze und Handschuhe ausziehen, da reißt der Himmel auf. Von hier bis Freising nur Natur, jetzt kann es losgehen. Genauso fühlt es sich an: Es kann losgehen. Ich auch. Und Überich bleibt endlich mal daheim.

Na ja. Stimmt leider nicht, Überich läuft mit, oder schlimmer noch: mir entgegen. Von Berlin aus. Mein Konkurrent. Moritz von Uslar. Soll ja ein Wettwandern werden: zwei Männer, unterwegs durch Deutschland, »auf der Suche nach Geschichten, nach Gefühlen, nach Erkenntnis« – so zumindest haben die das in der Redaktion ausgedrückt. Spätestens seit Wolfgang Büscher vor zehn Jahren von Berlin nach Moskau zog, wandern lauter Leute schreibenderweise durch die Gegend: Andreas Altmann lief von Paris nach Berlin, Manuel Andrack stiefelte durchs deutsche Mittelgebirge, Landolf Scherzer erkundete die ehemalige Zonengrenze, Büscher umrundete Deutschland, Christian Jostmann pilgerte nach Rom. Und natürlich Hape Kerkeling.

Meist implizieren die aus diesen Wanderungen entstandenen Texte, dass man beim Laufen automatisch mehr erkennt, näher dran ist, authentischer erlebt. »Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt.« Steht schon bei Johann Gottfried Seume, dem Urvater des wilden Wanderns, den sie damals für verrückt erklärten, als er allein nach Syrakus spazierte.

Also los: ich zu Fuß von meinem Büro im Osten von München in Richtung Berlin, Dorotheenstraße, ZEITmagazin. Moritz von Uslar in umgekehrter Richtung. Fünf Tage lang. Soweit uns jeweils die Füße tragen. Der Rest per Anhalter. Von Haustür zu Haustür. Kein Zug. Das sind jetzt die Regeln.

In den Tagen vor dem Aufbruch hab ich viel über Konkurrenz nachgedacht. Soll ich schneller laufen als Uslar? Ist der nicht wahnsinnig stark? Der boxt doch, oder? Soll ich heimlich früher aufbrechen? Hundert Fragen an die Natur stellen? Krassere Sachen erleben? Aber ist Konkurrenzwandern nicht so absurd, als würde man um die
Wette meditieren?

Egal jetzt. Gehen ist großartig. Einfach nur diesen breiten Fußweg langlaufen, dreißig Kilometer die funkelnde Isar runter. Gehen. Atmen. Gehen. Schauen. Leichter Rückenwind, die Bäume schmeißen mir ihr letztes Gold hinterher, dazu die tiefe Sonne, die die Landschaft vor mir anstrahlt, als würde ich in eine prachtvolle Bühne reinwandern, die sich nach hinten immer weiter öffnet.

Ich weiß nicht, was während des Laufens tief unten in meinem Metabolismus passiert, ich verstehe aber, warum es in nahezu allen Kulturen das Pilgern gibt. Wandern zentriert. Das Denken bekommt beim Laufen einen anderen Ruhepuls. Im Alltag steht man inmitten von Verstehensanfängen, das Gehirn ist am Abend verstopft wie ein Flusensieb, lauter kleine rote Fäden, von denen man weiß, irgendwie waren die doch alle wichtig heute, aber es ist alles wieder abgerissen, weil dann kam ja der Kollege rein. Hier kommt keiner.

Doch. Ein Fischer. Mit dickem Barsch an der Angel, »a sauwara Striezi«, wie er sagt. Und ein Spaziergänger mit seinem Hund, ein ehemaliger Moosburger Kesselbauer, mit dem ich am Nachmittag zwei Kilometer unter der Einflugschneise durchwandere und der über den Flughafen schimpft, der habe alles versaut, preislich jetzt, er habe das Gefühl, den Mieten seit Jahren davonziehen zu müssen, immer weiter nach Norden raus.

Als ich abends im Freisinger Hotel den Bademeister in der »Wellnessworld« frage, was denn bei Muskelkater und wunden Füßen am besten sei, Sauna, Dampfbad, kalte Wanne, sagt er: »Können Sie alles vergessen. Am besten, ich leih Ihnen eine Badehose und Sie machen mit beim Aquatraining.« So endet dieser erste Tag mit einer neongrünen Schwimmnudel zwischen den Beinen. Aus dem CD-Player der Schwimmlehrerin dröhnt It’s Raining Men. Die Enden der Nudel schauen hinten und vorn aus dem Wasser, und ich bewege mich, allein unter zehn älteren Damen, langsam tretend, in Fahrradfahrerpantomime im Kreis.

Wirklich gewirkt hat die Gymnastik nicht, meine Beine fühlen sich am nächsten Morgen so hart und klobig an, als hätte ich Holzscheite in den Schenkeln. Trotzdem: Ich will nur los und weiter, raus aus der Klimaanlagenluft und dem Cateringgeklapper, rein in die Landschaft hinter Freising. Nach nächtlichem Dauerregen wirkt alles wie frisch gewaschen und gewienert, ich laufe nach Norden raus, in Richtung Holledau.

Laufen. Hügel. Laufen. Laub. Laufen. Grün. Tote Katze. Bauernhof. Laufen. Atmen. Oh du bayerisch weiter Himmel. Laufen. Mehr nicht. Aber sehen Sie dieses feine Licht, das alles zum Leuchten bringt? Das Gold? Das Glück? Wunderbar. Sie können zwischen den Zeilen lesen, und ich kann mir alle weitere Wanderlyrik sparen.

Zumal es dann übel wird. Hinter Freising fängt die Landschaft an zu schwingen, hügelan, hügelab, ziemlich hinterfotzig das Ganze, man merkt das anfangs gar nicht, aber auf die Dauer eines Tages macht es einen fix und fertig. Vielleicht hätten mir die Worte der Zollinger Apothekerin, bei der ich Mineraltabletten gegen den Muskelkater kaufe, eine Warnung sein sollen. Auf die Frage nach einem Wanderweg in Richtung Attenkirchen sagt sie: »Wandern? Wandern tu ich in den Alpen.« Das aber bekomme ich vor lauter Morgeneuphorie gar nicht mit, im Gegenteil, ich beschließe ein bizarres Projekt: Heute ist doch Obama-Wahl – ich laufe jetzt einfach immer weiter, die Landstraße lang, die ganze Nacht durch, ich hier allein an der Bundesstraße, so lang, bis drüben die Swingstates kippen, yes, we can.

Keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam, vielleicht, weil ich am Abend noch in Werner Herzogs Buch Vom Gehen im Eis gelesen hatte. Der Regisseur ist 1973 ebenfalls im November bei Regen aufgebrochen: Er hatte erfahren, dass Lotte Eisner in Paris im Sterben lag, die große Filmkritikerin und ferne Übermutter der jungen deutschen Regisseure. Herzog nahm sich vor, sie zu retten, er schloss eine Art Pakt mit dem Schicksal: Wenn ich zu Fuß durch Regen, Wind und Schnee laufe, wird »die Eisnerin« nicht sterben. Was soll man sagen, es hat geklappt: Als er ankam, war sie auf dem Weg der Besserung und hat dann noch zehn Jahre gelebt.

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Kommentare

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  • Susa Müller (1) Also der von Uslar hat Themaverfehlung. Wenn Sie das nächste Mal von einer Stadt zur anderen gegen die Zeit laufen sollen, Herr Rühle, suchen Sie sich auch einen hübschen Radlweg an einem hübschen Fluss. Während man bei Ihnen den Expeditionscharakter erkennt und gespannt liest, fragt man sich beim von Uslar, wie er ein paar Schritte und viel Zug mit Berlin-München gleichsetzen kann. Schade, denn sonst hat sich die Zeit bei ihren Konkurrenzinhalten mehr Mühe gemacht.