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aus Heft 49/2012 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

Faust um Faust

Machetenkämpfe und Mordaufträge, Razzien und Verhaftungen: 2012 ist das Jahr, in dem die Polizei zum ersten Mal hart gegen die Hells Angels durchgreift. Wenn man so will, ein Kampf Gang gegen Gang. Wir haben die Ermittler bei der Arbeit begleitet.

Von Christoph Cadenbach  Fotos: Kania



Der Sauerstoff wird langsam knapp, in dieser Halle, die aussieht wie ein Parkhaus, 500 Menschen, die meisten schon mit einigen Bieren im Bauch, blicken zum Ring, auf die zwei Prachtkerle im Neonlicht, Schwergewichtler, die mit ihren rasierten roten Köpfen fast an die Betondecke stoßen, sich jetzt voreinander aufbauen, Nase an Nase, noch einmal die Muskeln schütteln. Die Frage dieses Abends, ganz klar: Wer hat die dicksten Eier?

Im Ring. Und im Publikum. Denn in der einen Ecke der Halle, im VIP-Bereich, hat es sich Berlins mächtigster Hells Angel auf einer Couch bequem gemacht: André Sommer, im Juni sechsmal angeschossen, sitzt jetzt, Mitte November, breitbeinig da. Mit einem Arm hält er lässig die Sofalehne umschlungen. Die Botschaft: alles im Griff.

Natürlich ist er nicht allein gekommen zu diesem Boxturnier in einem Köpenicker Kampfsportverein, beim Fußball würde man sagen: eine Drittliga-Partie. Um Sommer herum, auf der Couch und auf Klappstühlen, wachen seine Clubbrüder über ihren Präsidenten, tätowierte Schwergewichtler wie die beiden im Ring, die nun aufeinander losgehen, die Deckung noch oben, die Schläge dosiert, ein Belauern. »Komm schon, Keule!«, feuern die Hells Angels ihren Favoriten an.

In einer anderen Ecke der Halle, in Blickweite, stehen sechs LKA-Beamte. Obwohl sie in Zivil sind, erkennt man sie sofort: an ihren Trekkinghosen, den Windjacken. Und, wenn man näher herangeht, an den durchsichtigen Funkkabeln, die zu ihren Ohren führen. Mit eingefrorenen Gesichtern beobachten sie die Rocker, die ab und an zurückstarren. Das Ganze wirkt wie zwei konkurrierende Straßengangs. Auch hier: ein Belauern.

Einer der LKA-Beamten sticht aus der Gruppe heraus: Er ist zwei Meter groß, hat eine Gewichtheber-Statur, einen grauen Stoppelbart und die Präsenz eines Baggers. Sein echter Name darf nicht geschrieben werden, nennen wir ihn: Thomas Groß. Vor einer Woche hat er in seinem Büro, wo man ihn zum Gespräch getroffen hat, einen bemerkenswerten Satz gesagt, der zur Situation hier passt: »Wir« – damit meinte er die Polizei – »sind die größte Bruderschaft Berlins.« Jetzt hat er nicht viel Zeit zu reden. Der Kampf nimmt Fahrt auf.

In der vierten Runde blutet Keule aus der Nase, in der fünften nimmt sein Gegner kurz die Deckung runter, grinst, eine Provokation. Das hätte er nicht tun sollen. Keule treibt ihn jetzt vor sich her, paff, paff, es klingt dumpf, als würde auf einen Sack Reis eingehauen. »Zeig’s ihm, Keule!« Es ist ein archaisches Spiel, im Ring und im Publikum. Je länger der Kampf dauert, desto mehr Rocker versammeln sich in der Halle, sie müssen gerade erst gekommen sein, türkische Hells Angels aus dem Wedding, Hells Angels aus Dänemark, und die Red Devils, ein befreundeter Club. Der Aufmarsch ist beeindruckend und finster. Die LKA-Beamten sprechen in ihre Funkgeräte, draußen warten mehrere Einsatzhundertschaften, schon auf dem Weg in diese Boxhalle in Köpenick hatte die Polizei sämtliche Zufahrtsstraßen gesperrt und jedes Auto, jedes Motorrad kontrolliert, als würden Terroristen gesucht. Die Botschaft: Wir haben die Hosen an.

Deutschland ist Kampfplatz zwischen verfeindeten Rockerclubs und der Polizei, diesen Eindruck bekommt man seit ein paar Jahren, wenn man sich die Zeitungsberichte ansieht. Es geht um Waffenbesitz, Massenschlägereien, Machetenkämpfe und Tote. Im August 2009 beispielsweise wird in Berlin-Hohenschönhausen ein Mann auf offener Straße erschossen, der von den Hells Angels zu den Bandidos gewechselt sein soll, dem anderen großen, weltweit agierenden Motorradclub mit aggressivem Geltungsdrang. Wenige Wochen zuvor hatten Bandidos in Brandenburg Hells Angels überfallen, einem schlugen sie mit einem Beil fast das Bein ab, und schon damals war auch André Sommer, der Berliner Hells-Angels-Präsident, unter den Opfern. Mit einer abgebrochenen Messerklinge im Rücken lieferte er sich selbst im Krankenhaus ein. Im März 2010 erschießt in Rheinland-Pfalz ein Hells Angel einen SEK-Beamten, der mit seinen Kollegen die Wohnung des Rockers stürmen wollte. 2012 schließlich schlägt der Staat massiv zurück: Spezialeinheiten der Polizei durchsuchen im ganzen Bundesgebiet Clubhäuser und Privatwohnungen der Rocker, bei manchen Razzien ist sogar die GSG 9 dabei, die für den Antiterrorkampf geschult ist.

Die blutigste Arena in diesem »Krieg«, wie es in den Zeitungen immer wieder heißt, ist Berlin. Der Innensenator Frank Henkel, CDU, beschreibt die Lage so: »Bei den kriminellen Rockerbanden handelt es sich um eines der brutalsten und gefährlichsten Phänomene überhaupt. Wir fahren bei ihrer Bekämpfung eine Null-Toleranz-Strategie.«

Dafür hat die Berliner Polizei ein eigenes Dezernat eingerichtet, Dutzende Beamte des Landeskriminalamtes, die fast ausschließlich gegen Rocker ermitteln. Thomas Groß, der Bagger, gehört dazu. Seine Dienststelle: das LKA 64, Mobiles Einsatzkommando, kurz MEK, Rocker und Rotlicht.

Sein Büro wirkt wie die Kulisse einer amerikanischen Cop-Serie. Die Holzdielen sind abgewetzt, die Decken hoch wie in einem Loft. In einem Metallregal neben der Tür liegen schwarze Taschen griffbereit, darin: kugelsichere Westen und anderes Einsatzequipment. Einer seiner Kollegen trinkt seinen schwarzen Kaffee aus einer Tasse, auf die das Logo der New Yorker Polizei gedruckt ist: NYPD. Es ist die Woche vor dem Boxturnier in Köpenick. Zur Begrüßung blickt Thomas Groß nach unten und sagt: »Na, Sie sind aber jung.«

Über Hells Angels wie André Sommer gibt es Artikel und Filmbeiträge, über die, die gegen sie ermitteln, weiß man so gut wie nichts.

Als Erstes fällt die Kleidung auf: Thomas Groß trägt Baggy-Jeans, wildlederbraune Fila-Boots, die Schnürsenkel offen, eine schwarze Adidas-Fleece-jacke, vor dem Schritt hängt ein Hip-Bag von Eastpak. Groß ist ein sogenannter szenekundiger Beamter, das heißt, er kennt die Rocker aus dem fast täglichen Gespräch. Wenn deutsche Streifenpolizisten in ihren Uniformen manchmal bieder wie eine Blaskapelle wirken, ist er der Frontmann einer Rockband, ein Stück Straßenlässigkeit, die der bürokratische Sicherheitsapparat zulässt. Thomas Groß, 46, kann rumlaufen, wie er will.

In seiner Heimatstadt Berlin sind zurzeit die Hells Angels der mit Abstand größte Motorradclub im Blickfeld der Polizei, und damit in seinem. Es gibt die Westberliner, das älteste sogenannte Charter, die ihr Clubhaus früher in Charlottenburg hatten, mit Blick auf den Schlosspark. Rocker wie aus einem Klaus-Lemke-Film, über die auch Thomas Groß mit gewissem Respekt spricht. »Die haben bis zum Ellenbogen in der Ölwanne dringesteckt«, sagt er. »Die musst du nicht leiden können, aber ich habe sie akzeptiert.« Dann gibt es die Ostberliner aus der Plattenbau-Tristesse von Hohenschönhausen, von denen viele eher wie Hooligans aussehen. André Sommer ist ihr Präsident. Einer ihrer Treffpunkte: die Kneipe »Germanenhof« mit einem Bild von einem Wikinger über der mittelalterlichen Holztür. Und seit etwa fünf Jahren hat sich im Norden der Stadt, in Wedding und Reinickendorf, wo es nach Shisha-Tabak und Kebab duftet, eine dritte Gruppe breitgemacht: türkisch- und arabischstämmige Männer, Bodybuildertypen, solariumbraun, die Sportklamotten tragen wie Gangster-Rapper. Diese Gruppe um ihren Präsidenten Kadir Padir gehörte erst zu den Bandidos und ist 2010 dann zu den Hells Angels übergelaufen, was in der Szene ein Hochverrat ist, als würde ein NPD-Mann zum Islam konvertieren. Die Machtverhältnisse unter den verfeindeten Clubs wurden dadurch für die Hells Angels entschieden. Aber diese Gruppe um Kadir Padir war es auch, die mit ihrem Verhalten die Staatsmacht erst so richtig sauer gemacht hat.

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