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aus Heft 49/2012 Politik 4 Kommentare

Ich und er

Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder: Höchste Zeit, dass sich die zwei Kontrahenten aussprechen. Doch zum Treffen kam nur einer.

Von Evelyn Roll  Foto: Stephanie Füssenich



Über Lafontaine wurde oft gesagt, er sitze zwischen allen Stühlen. Jetzt lässt er extra einen frei - aber kein Gerhard Schröder in Sicht. Doch, es funktioniert noch immer, das Lafontaine-Phänomen. Sogar im Nahversuch.

Oskar Lafontaine sitzt vor weiß-gestärktem Tischtuch in Saarbrückens feinstem Italiener, dem »Roma« in der Hafenstraße. Vorspeise: »Duetto vom Thunfischtatar und Schwertfischcarpaccio«. Dazu gut gekühlten Sancerre und eine mittelgroße Lafontainsche Ereiferung über das Wort Staatsschuldenkrise: »Was für ein Lügenwort! Wir haben doch keine Staatsschuldenkrise. Wir haben eine Bankenkrise, die eine gewaltige Umverteilung von unten nach oben bedeutet. Gewinne werden privatisiert, Schulden sozialisiert!«

Schon in seinen Jugendjahren hat er Texte dazu verfasst, dass Sprache von den Machtstrukturen bestimmt ist, und wie man mit den Begriffen auch die Logik und die Ideologie übernimmt, solche Sachen. Aber jetzt erst sieht er die Zusammenhänge wirklich ganz deutlich, sagt er.

»Arbeitnehmer und Arbeitgeber, damit fängt es ja schon an. Die, die ihre Arbeit geben, werden als Arbeitnehmer bezeichnet. Da gibt es dann also den Arbeitgeber, den gütigen Patron, der gibt dir die Arbeit. Danke, lieber Onkel, hast mir die Arbeit gegeben. In Wahrheit gebe ich dem ja meine Arbeit. Und er gibt mir nur einen Teil des Geldes, das mir zusteht. Den Rest sackt der ein. Solange wir Kapitalismus sagen, werden wir nicht verstanden. Wenn wir aber sagen, wir leben in einer Gesellschaft, in der eine Minderheit dadurch reich wird, dass sie die Mehrheit für sich arbeiten lässt, dann kapieren das die Leute.«

Das Lafontaine-Phänomen geht so: Man ist kein bisschen Sympathisant der Linken, eigentlich auch nicht einmal mehr SPD-Wähler, seitdem die SPD gar nicht mehr sozialdemokratisch ist. Dann spricht Oskar Lafontaine im Fernsehen oder, noch besser, in einem Saal, neokeynesianistisches, vulgärmarxistisches Zeug, wie man zur Abwehr gerne denkt. Während er aber spricht, muss man andauernd nicken. Viele, denen das neoliberale Zeitalter Verstand und Herz noch nicht ganz kaltgemacht hat, haben sich schon dabei ertappt. Willy Brandt hat nach einer Rede von Lafontaine einmal gesagt: »Es war, als ob man Jesus über die Saar hat kommen sehen.«

Es funktioniert in Sälen noch besser als in Talkshows. Und im Nahversuch also auch.

Und jetzt soll das aus und vorbei sein? Weil Oskar Lafontaine nur noch hier im Saarland eine Weile den Oppositionsführer gibt für die Linken? Für eine kleine Landespartei in einem Bundesland, das 7000 Einwohner weniger hat als Köln? Mit diesem kleinen Büro im Landtagsflur ganz hinten rechts? Mit der neuen, jungen Frau, Sahra Wagenknecht. Und einem kleinen Privathaus, das schon fast nicht mehr in Deutschland liegt?

Von der Terrasse aus kann man nach Frankreich rüberblicken. Napoleon von der Saar im Austragshäusl. Unvollendet. Gescheitert. Nächstes Jahr wird er 70.

Und es gibt kein Zurück mehr in die Bundespolitik?

»Nach menschlichem Ermessen nicht.«

Was immer das heißt: nach menschlichem Ermessen. Aussehen und argumentieren tut er vollkommen anders: fit, entspannt, angriffslustig, gesund.

Gesund?

»Es war ja Krebs, wissen Sie ja. Wenn man die Prostata bei der Operation ganz rauskriegt, und es ist nichts durchgekommen, passiert da nichts. Da ist man auf der sicheren Seite.«

Es kommt die Hauptspeise, der Babysteinbutt. Sieht gut aus. Es kommen die Honora-tioren der Stadt. Lafontaine kennt offenbar jeden in diesem Lokal. Sie nähern sich respektvoll, freundschaftlich, fast höfisch.

Wir wollen über die SPD reden. Muss sich Geschichte eigentlich immer wiederholen? Aufgestellt wird ein Kandidat der Mitte wie Peer Steinbrück, mit der Idee, dass der mehr Wähler fischt als ein Linker. Ist der Kandidat dann gewählt und Kanzler, schaltet die SPD-Linke um auf Opposition und bekämpft ihren eigenen Kanzler als viel zu rechts. So haben sie es mit Hermann Müller-Franken gemacht in der Weimarer Republik, mit Helmut Schmidt in der Bonner Republik, mit Gerhard Schröder in Berlin. Bei den letzten beiden hatte Oskar Lafontaine entscheidenden Anteil am Geschehen.

»Aber mit Steinbrück wird es nicht so kommen. Weil er gar nicht Kanzler wird. Weil die SPD ja keine Strategie mehr dafür hat, den Kanzler zu stellen. Weil sie sich festgebissen hat in der Ablehnung der Linken. Es ist ja auch ziemlich gleichgültig, ob Steinbrück der Kanzler ist oder Angela Merkel. Steinbrück könnte genauso gut in der CDU sein. Dieses Urteil mache ich mir nicht leicht, ich habe sein letztes Buch sorgfältig studiert. Da gibt es keinen Unterschied. Steinbrück ist lebendiger als Redner, rhetorisch besser. Aber die Rechnung, wir stellen jetzt einen Mann auf, der dasselbe erzählt wie Merkel, und dann werden wir gewinnen, wird nicht aufgehen.«

Zum Wohl. Weiter.

»Die SPD wird ein Ergebnis unter 30 bekommen und deutlich auf Platz zwei landen. Dann kann sie den Vizekanzler stellen. Und wenn sie mit der FDP was versucht, dann kann sie sich endgültig verabschieden als sozialdemokratische Partei, was sie nach meiner Ansicht längst getan hat. Die Ernsthaftigkeit, etwas durchsetzen zu wollen, fehlt ja völlig. Schröder wollte zumindest noch die Macht. Er war ja auf seine Art, das hat mir immer imponiert, auch ehrlich. Einmal habe ich zu ihm gesagt: Was willst du eigentlich? Sag mir mal, was du eigentlich willst. Da saßen wir, so wir jetzt hier sitzen, zu zweit, und es ging um inhaltliche Dinge. Und seine Antwort war: ›Ich will die Macht und die Kohle.‹ Die Macht und die Kohle. So war der. Und das ist ja auch, was ich an ihm geschätzt habe. Er hat in dieser etwas merkwürdigen Brutalität immer gesagt, was er denkt und will. Er war bereit, jede Volte zu schlagen, um die Macht zu erreichen. Seitdem er weg ist, sind die Nachfolger noch nicht einmal dazu in der Lage.«

Gerhard Schröder also. Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine, noch ein nicht zu Ende erzähltes Kapitel sozialdemokratischer Geschichte. Leider bekommt man die beiden einfach nicht an einen Tisch. Eines Tages wird es ausgehen wie bei Willy Brandt und Helmut Schmidt. Dann gewinnt am Ende der, der länger lebt. Deutungshoheit nennt man das.

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Kommentare

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  • Alf Suletzki (0) Artikel ohne Wählerbetrug und Selbstbetrug der besser-?verdienenden? Meinungsmacher über Lafontaine in den Leitmedien sind selten, auch im SZ-Wirtschaftsressort. Aber durch den Interview-Artikel der sachkundigen Evelyn Roll wird man für vieles entschädigt.
  • Reinhard Ettel (0) Etwas Interessantes ist mir in diesem Artikel auch noch aufgefallen. Da wird begrifflich einmal richtig gestellt, was ich vor vielen Jahren schon in der Schule gelernt habe.
    Und zwar geht es um die Begriffe Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Es ist eben tatsächlich so, daß das seit je im Kapitalismus total verkehrt dargestellt wird.
  • Rainer Baumann (0) Ja, Oskar Lafontaine hatte immer recht. Schröder hat die SPD runtergewirtschaftet und das Land.
    Wie kann ein Journalist sagen, dem Land geht es doch gut? Wo lebt er?
    So lange sich die SPD nicht von Hartz IV distanziert und Schröder aus der Patei wirft, wird diese Partei nicht mehr auf die Beine kommen.
  • Reinhard Ettel (0) Was sollte ein Gerhard Schröder dabei beitragen. Man brauchte nicht unbedingt einen Lafontaine, um zu der Erkenntnis zu gelangen, welche Ziele er verfolgte.
    Verloren hat er die Macht, geblieben ist das Geld. Und das war ihm wohl wesentlich wichtiger.
    Von der SPD war schon vorher sehr wenig übrig, geblieben ist davon nun gar nichts mehr. Geworden ist daraus ein neoliberaler Haufen ohne jegliche Idee einer Alternative.
    Und natürlich wird diese Partei auch bei der nächsten Wahl einen undankbaren zweiten Platz erobern, bei dem ihr nur eine Wahl bleibt, wenn sie an der Macht teilhaben will, eine große Koalition.Mit oder auch ohne Steinbrück.
    Absagen an Koalitionen kennen wir auch aus dieser Richtung und wir kennen auch die Ernsthaftigkeit solcher Erklärungen. Sie gelten immer nur bis nach der Wahl.