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aus Heft 50/2012 Gesellschaft/Leben 8 Kommentare

»Wir steuern auf eine Katastrophe zu«

Ständig ist die Rede davon: Alles und jeder soll transparent sein, Gedanken, Steuersysteme, Politiker. Der Philosoph Byung-Chul Han hält diese Entwicklung für hochgefährlich: Denn wenn wir nur noch auf Durchschaubarkeit setzen, vertrauen wir einander gar nicht mehr.

Von Tobias Haberl (Interview)  Fotos: Michael Wolf




SZ-Magazin: Herr Han, egal an welchem Tag man die Zeitung aufschlägt, alle fordern mehr Transparenz: Die Piraten sowieso, aber auch die Katholiken, die Arbeitnehmer, die Verbraucher, die Politiker Seehofer, Trittin und Altmaier. Die Grünen loben sich selbst für ihre transparente Urwahl, sogar die Mitglieder des SV Babelsberg fordern mehr Transparenz in ihrem Verein. Warum ist das so?
Byung-Chul Han: Sie haben recht, die Forderung nach Transparenz nimmt inzwischen totalitäre Züge an. Das beunruhigt mich sehr.

Aber Transparenz sorgt für Informationsfreiheit, das kann doch wirklich nicht schlecht sein?
So lautet die allgemeine Rechtfertigung, aber ich denke, dass es eine tiefer liegende Ursache für die zunehmende Forderung nach Transparenz gibt. Um sie zu begreifen, müssen wir auf einer philosophischen, nicht auf einer Talkshow-Ebene darüber sprechen.

Einverstanden. Sie behaupten also, Transparenz sei schlecht.
Das habe ich nicht gesagt.

Sondern?
»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.

Aber dass Transparenz Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und Korruption verhindern kann, glauben Sie auch?
Das bestreite ich nicht, aber die Forderung nach Transparenz richtet sich inzwischen gegen jede Form der Macht. Und man darf Macht nicht auf die Möglichkeit des Missbrauchs reduzieren. Macht an sich ist nichts Schlechtes. Für politisches Handeln ist sie sogar elementar. Vergessen Sie niemals: Ohne Macht ist Politik nicht möglich. Und dieser Transparenzterror verdeutlicht, dass nicht irgendeine Koalition, sondern die Politik selbst in einer tiefen Krise steckt.

Worin besteht diese Krise?
Politiker werden nicht mehr aufgrund ihrer politischen Handlungen wahrgenommen. Denken Sie an Karl-Theodor zu Guttenberg oder Peer Steinbrück. Der eine musste sich nur noch mit seiner Doktorarbeit, der andere mit seinen Nebeneinkünften auseinandersetzen. Ich glaube nicht, dass sich die Wähler früher dafür interessiert hätten, ob Adenauer seine Frau betrügt oder zu viel Geld für einen Vortrag verlangt. Die Menschen hatten Respekt vor ihrem Kanzler. Was er in seinem Privatleben gemacht hat, fiel nicht ins Gewicht. Es gab ein Verständnis für Rollen und Rituale. Wer man wirklich ist, hat damals nicht interessiert. Heute gilt ein Politiker nur als authentisch, wenn er sein Privatgefühl zeigt. Wir leben im Terror der Intimität und Enthüllung.

Dann darf ein Politiker also machen, was er will, solange er politisch clever handelt?
Ich sage das ohne Bewertung. Ich behaupte nur, dass der Transparenzwahn die Demokratie nicht fördert, sondern gefährdet, und dass uns Werte wie Vertrauen und Respekt verloren gegangen sind.

Ist Macht auch ein Wert?

Macht ist ein wichtiges Medium in der Politik. Für politisches Handeln ist eine gewisse Informationsmacht notwendig, eine Souveränität über die Produktion und Verteilung von Information. Es gehört auch zur Politik, dass bestimmte Informationen zurückgehalten werden müssen. Politik ohne Geheimnis – das geht nicht. Politik ist strategisches Handeln, ein Spiel mit der Macht. Ein transparentes Spiel gibt es aber nicht.

Christian Wulff und Peer Steinbrück haben versucht, Vertrauen zurückzugewinnen, indem sie ihre Privatgeschäfte offenlegen. Kann das funktionieren?
Nein. Es ist das Wesen von Vertrauen, dass es keiner Beweise bedarf. Und es ist
lächerlich, wenn ein Politiker seine Kontoauszüge offenlegt.

Warum?
Weil er sich in eine tödliche Logik begibt. Das Verlangen nach Transparenz wird nur dort laut, wo Vertrauen schwindet. Wir erleben gerade, dass die Gesellschaft des Vertrauens vorbei ist. Stattdessen setzen wir auf Transparenz, mit der Folge, dass wir uns immer weiter von einer Gesellschaft des Vertrauens wegbewegen, weil Transparenz immer noch mehr Transparenz und Kontrolle notwendig macht. Gehen Sie mal auf die Website der Schufa: »Wir schaffen Vertrauen« steht da. Das ist reiner Zynismus. Die Schufa schafft kein Vertrauen, sie zerstört Vertrauen, indem sie auf totale Kontrolle setzt.

Peer Steinbrück wurde heftig angegriffen für seinen Satz: »Transparenz gibt es nur in Diktaturen.«
Dabei hatte er recht. Totale Transparenz ist nur durch totale Kontrolle möglich, und die gibt es nur in einer Diktatur. Es gehört zur Demokratie, dass die Menschen nicht alles wissen können. In der Demokratie gibt es Räume, die man nicht durchleuchten darf. »Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz«, hat der Journalist Ulrich Schacht geschrieben, der 1973 in der DDR wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Erst jetzt verstehen wir, was er gemeint hat. Es gibt eben nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmdummheit und Schwarmdiktatur.

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Kommentare

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Kommentar:

  • Alexander Pozza (0) Der "Philosoph der schlechten Laune." Großartig. Werde ich umgehend bei facebook posten.
  • Karsten Aalderks (0) Wer, außer 2% der Bevölkerung in Deutschland vertraut schon der Regierung ?. Misstrauen und Kontrolle durch Transparenz ist daher prinzipiell in Ordnung. Der Umgang mit Transparenz muss sich allerdings erst noch entwickeln.Technische Möglichkeiten werden immer erstmal eingesetzt, bevor die Gesellschaft nachdenkt und Regeln aufstellt. Der charismatische Politiker, heute generalistisch veranlagter Oberquatschkopf genannt, hat ausgedient. Wir leben im Zeitalter der Spezialisten und Teams besser Comunities.Die Themen werden immer komplexer, durch teils bewusste Verkomplizierung..Die Leute werden mundtot gemacht, weil Sie sich nicht mehr auskennen können, allein von Zeitaufwand der Informtionsbeschaffung..Zusätzlich wird ihnen Zeit genommen, da viele 2-3 Jobs annehmen müssen, um relativ zu unserem System überleben zu können.Dieser Grad von herrschender Ungerechtigkeit rechtfertigt angemessene Transparenz, oder ?
  • Wolfgang Thoma (6) Nähe in relation zu Transparenz ist wie Abstandslosigkeit zu Offenheit und Wahrhaftigkeit.
    Transparenz stellt ein technisches Merkmal dar. Transparenz ist keine Kulturleistung. Transparenz wird gerade wieder hergestellt durch die Änderung des Telekommunikationsgestzes, in dem die Exekutivbehörden weitreichenden Zugang zu internetbasierter Kommunikation erhalten. Es kommt auf die Sichtweise an, wer wessen Transparenz zu welchem Zweck nutzt.
  • Stephan Weiss (0) Der Mann dreht die Kausalkette um. Wir haben den Mächtigen (Geistliche, Politiker, Bankenchefs, Wirtschaftsbosse, Ärzte) ohne Kontrolle vertraut und sie haben unser Vertrauen für ihre eigene Zwecke missbraucht. Wer regelmässig die SZ liest weiss das. Der Ruf nach Transparenz ist nur eine Reaktion darauf. Deshalb ist Transparenz soweit sie Macht kontrolliert unbedingt erforderlich.
  • Benjamin Lebsanft (0) Was für ein Unsinn. Wieso sollte ich vor jemanden, der im Privaten unmoralisch handelt und keinen Respekt verdient, der Person als Politiker Respekt entgegenbringen? Politiker sind nunmal Personen, die integer sein wollen, ja sogar müssen, damit ich ihnen vertrauen kann. Nicht die Transparenz zerstört dieses Vertrauen, sondern das Handeln der Politiker. Und ich finde es gut, dass die Bevölkerung nicht mehr aufgrund des Amtes jemanden Respekt zollt, sondern aufgrund seiner Handlungen.
  • Frank Martis (0) Dieser verallgemeinerte Transparenzbegriff, noch dazu mit komplett anderen Themen vermischt, mutet wirklich sehr gefährlich an. Er lässt sich aber differenzieren (Nachvollziehbarkeit privat - öffentlich, Prozesse - Personen) und verliert dann seinen Schrecken.

    Der absichtliche Missbrauch ist viel erschreckender. Warum kann sich die CDU und der bayerische Fundamentalistenableger sowie die FDP derart in einer Nebenverdienstdebatte verschanzen? Die Antwort finden Sie in der bisher vergeblichen Suche der Gesellschaft nach Medienkompetenz in der Allgemeinheit - und das erklärt dann auch die Probleme mit dem Social Network.

    Ansonsten gefällt mir das Interview ganz gut. Auch wenn die Verallgemeinerungen und die Panikmache mal wieder sauer aufstoßen. Han ist ja aber auch ein erfolgreicher Buchautor. Sachbücher waren hingegen nie echte Kassenschlager.
  • jan. twoday.net (0) Hans Gedanken zur Politik und Transparenz sind sehr wahr und intelligent, aber was Social Media angeht ... da hat er, glaube ich, ein paar Zen-Bücher zu viel gelesen.
  • Yvonne von Langsdorff (0) Das ist ein wunderbares Interview. Es macht mir gute Laune, weil Herr Byung-Chul Han einfach gut in Worte fasst, wo ich oft als ein ratloses Gefühl empfinde und nicht weiss, was mir an der sogenannten Transparenz ein Unbehagen bereitet.
    Danke.