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aus Heft 50/2012 Politik 2 Kommentare

»Alle Meinungen, die Claudia vertritt, halte ich für falsch« – »Geht mir genauso mit dir!«

Claudia Roth und Günther Beckstein waren mal erbitterte Gegner. Heute sind sie Freunde, jenseits aller Parteigrenzen. Und haben sich eine Menge zu sagen. Vor allem zur Frage, wie sehr man bei den Niederlagen des anderen mitleidet.

Von Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Bert Heinzlmeier



SZ-Magazin: Frau Roth, Herr Beckstein, Sie beide sind seit vielen Jahren befreundet. Wie ungewöhnlich ist diese Freundschaft in der Politik?

Günther Beckstein: Ich sage mal: Alle Meinungen, die Claudia Roth vertritt, halte ich für falsch.
Claudia Roth: Geht mir genauso mit dir!
Beckstein: Und um ehrlich zu sein: Die Art, wie sie öffentlich argumentiert, so emotional, die regt mich auf. Das nervt mich.
Roth: Genau das soll’s!
Beckstein: Aber ich respektiere sie, weil sie authentisch ist und das, was sie sagt, auch so meint. Sie ist der Prüfstein meiner Toleranz. Ich nehme sie sehr ernst, was ich nicht mit jedermann mache.

Und Sie, Frau Roth, was mögen Sie an Herrn Beckstein?
Roth: Der Günther bleibt sich treu, das schätze ich. Da gibt es andere in der CSU, die legen eine hohe Flexibilität an den Tag, da weiß man nicht, woran man ist. Vielleicht ist es das, was uns verbindet: die Treue zu Auffassungen. Aber unsere Freundschaft hat erhebliche Irritationen in meiner Partei ausgelöst. Und in Günthers Partei. Ich erinnere mich an eine schlimme Rede von Stoiber, in der es sinngemäß hieß: Das wird dem Beckstein auch nichts nützen, dass er sich mit der duzt. Und ich hab E-Mails gekriegt: Wie kannst du jemanden duzen, der Kinder abschieben wollte? Das alles wirft aber eher ein Licht auf die anderen.

Trotzdem würde man Sie beide nicht zusammenbringen. Sie haben sich früher ja regelrecht bekämpft.
Beckstein: Aber es gibt auch vieles, was uns verbindet: Sie ist nicht Anhängerin vom FC Hollywood, sondern vom FC Augsburg. Ich bin Nürnberg-Fan. Sie ist aus Schwaben, was mir mentalitätsmäßig liegt: Ich komme aus dem Fränkischen.
Roth: Stimmt, da muss man zusammenhalten, gegen Oberbayern.
Beckstein: Toleranz heißt ja nicht, unterschiedliche Meinungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Toleranz heißt, auch bei seinen Standpunkten zu bleiben, sie nicht ohne Weiteres zur Disposition zu stellen. Sich ernsthaft mit der anderen Meinung zu beschäftigen. Sonst kapiert man den anderen ja überhaupt nicht.
Roth: Wir führen keine Freundschaft, bei der man sich jeden Tag sieht oder ständig telefoniert. Aber wir können etwas unter vier Augen besprechen und müssen nicht befürchten, das morgen in der Zeitung zu lesen. Oder dass es sofort per SMS weiterverbreitet wird.
Beckstein: Stimmt, da besteht ein Vertrauensverhältnis.

Wie haben Sie beide sich besser kennengelernt?
Roth: Das war beim Jubiläumsfest der Süddeutschen Zeitung 2005 in München. Ein Riesenauflauf. Kurz nach der Bundestagswahl. Wir hatten gut abgeschnitten, aber es kam dann die große Koalition an die Regierung. Günther Beckstein befand sich im internen Wettstreit um den nächsten bayerischen Ministerpräsidenten. Da kam er auf mich zu, mit viel Presse drum herum, und sagte, jetzt kennen wir uns so lange, er möchte mir das Du anbieten. Ich war schockiert und habe spontan gesagt: »Aber Sie wollen doch was werden, Herr Beckstein!« Weil ich dachte: Was wird das auslösen in seinem Umfeld!

Aber Sie haben das Du angenommen.
Roth: Ja, das habe ich. Das war wie raus aus dem ideologischen Schützengraben. Kurz danach waren wir eingeladen zu einer Sendung bei Sabine Christiansen und haben natürlich komplett unterschiedliche Meinungen vertreten. Es ging um die Sicherheitsbehörden. In der Maske haben wir uns überlegt: Sollen wir uns siezen?
Beckstein: Ich habe gesagt: Wir siezen uns, aber mit Vornamen.
Roth: Und dann hat er sich in der Sendung mächtig aufgeregt und gesagt: Claudia, was erzählst du da für einen Mist … Da war’s raus.
Beckstein: Und du darauf: Günther, jetzt bist du aber still!
Roth: Dann kamen die E-Mails.

Herr Beckstein, warum haben Sie ihr damals das Du angeboten?
Beckstein: Für mich ist Claudia Roth eine ganz starke Marke. Ich hatte damals in der Tat höchste Ambitionen. Für mich war es wichtig, auf jemanden zuzugehen, der einen wesentlichen Teil Bayerns darstellt und grün ist. Damals haben wir die Grünen ja noch als Terroristen abqualifiziert …
Roth: Wir waren doch keine Terroristen, Günther!
Beckstein: Früher haben wir die Grünen ethisch nicht ernst genommen. Ihr wart unser Feindbild. Ich sage nur Chaostage oder Wackersdorf, das ich ganz schlimm in Erinnerung habe. Da wurde mit Stahlkugeln auf Polizisten geschossen …
Roth: … und auf uns wurde eingeprügelt.
Beckstein: Ich war im Hubschrauber und habe mir das von oben angeschaut. Seit ich die Claudia kenne, hat sich bei mir einiges geändert. Ich nehme die Grünen jetzt ernst. Sie sind zwar von der Sozialisation her völlig anders als ich, aber im Prinzip wollen sie im Zusammenleben der Menschen was gestalten, was vernünftig ist. Dass sie vor der Atompolitik sprichwörtlich Angst gehabt haben, erschien mir völlig lebensfremd damals.
Roth: Was du da beschreibst, war genau meine politische Sozialisation! Auf der einen Seite die Staatsmacht im Hubschrauber und mit Wasserwerfern, auf der anderen Seite die, die was Gutes wollen, aber kriminalisiert werden. In Brokdorf wurden Tiefflüge auf uns Demonstranten gemacht, der Staat zog sein Visier runter gegen uns. Diese Konfrontation gibt es heute nicht mehr. Und der Günther war einer der Auslöser dieses Wandels. Ich vielleicht auch.
Beckstein: Ich wollte bei aller Unterschiedlichkeit deutlich machen, dass ich Respekt vor einer solchen Politik und Persönlichkeit habe.
Roth: Du hast gesagt: Es soll ein Zeichen sein, dass du dich, falls du Ministerpräsident werden würdest, für einen anderen Umgang mit uns Grünen einsetzen würdest.

Noch klingt Ihre Freundschaft ziemlich nach Parteitaktik.

Beckstein: Nein. Ich fand die Claudia sehr sympathisch. In einem anständigen Abstand, sage ich jetzt mal. Es gefällt mir, dass sie so spontan ist. Das liegt mir.
Roth: Vielleicht kamen wir uns auch näher, weil wir über all die Jahre so viel miteinander zu tun hatten, immer wieder. Konfrontativ, hart in der Sache, aber auch vertrauensvoll.

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Kommentare

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  • Georg Schmidt (0) wenn die Maus satt ist, schmeckt das Mehl bitter!
  • Alfred Butemann (0) Wenn man sich menschlich achtet und versteht sehe ich keinen Grund die Parteibrille im privaten Kontakt aufzubehalten.
    In faßt allen Parteien gibt es Gemeinsamkeiten, die über tolerante Personen, dann auch gemeinsam beschlossen werden müssen.
    Deswegen sind Freundschaften auch über die Parteigrenzen erforderlich, denn sie sollen die Gewähr geben, dass man sich auf seinen Gegenüber auch verlassen kann.