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aus Heft 50/2012 Gesellschaft/Leben 9 Kommentare

Spiel des Lebens

Ein Frankfurter Elektroinstallateur gewinnt eine halbe Million Euro in der Spielbank Wiesbaden. 19 Stunden später wendet er sein Auto auf der A3 und rast mit 160 Stundenkilometern in den Gegenverkehr. Chronologie eines unbegreiflichen Tages.

Von Thomas Bärnthaler und Christoph Cadenbach  Illustrationen: Matthew Woodson



Die Wahrscheinlichkeit, den Jackpot an einem Bingo-Automaten zu gewinnen, liegt bei eins zu 2,5 Millionen. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall zu sterben, ist deutlich höher: eins zu 15 000. Dass das eine irgendwie zum anderen führt, ist fast unvorstellbar. Aber was sind schon Wahrscheinlichkeiten?

Als Marco Sutalo* am Freitag, dem 4. November 2011 gegen 20 Uhr die Spielbank Wiesbaden betritt, hat er 1000 Euro dabei, um sein Glück herauszufordern, das ihn in letzter Zeit scheinbar verlassen hat. Er ist Elektroinstallateur, seine Firma hat momentan kaum Aufträge, er kann seine Mitarbeiter nicht bezahlen. Am Nachmittag erst musste er das Auto seines Sohnes verkaufen. Für den Audi A4 mit Motorschaden bekam er noch 2000 Euro.

Am Abend bittet er seinen Sohn, ihn zum Casino zu fahren. Er fährt nicht selbst, er weiß, dass er Alkohol trinken wird. Sutalo, 48, war seit 2008 insgesamt 107 Mal hier, wird später im Polizeibericht stehen. Und er hat öfter gewonnen: mal 130 000 Euro, mal 48 000 Euro.

An der Bar bestellt er Rotwein, mit den Angestellten ist er per Du. Im Raum vor ihm: einarmige Banditen, Pokermaschinen, sie heißen »Cash Express« oder »Money Heat« und blinken grellbunt wie die Fahrgeschäfte auf einem Volksfest. Die Spielbank Wiesbaden, eines der traditionsreichsten Casinos in Deutschland, hat zwei Gebäude: das Kurhaus mit klassizistischen Säulen vor dem Eingang und Roulettetischen drinnen, und das Automatenspielcasino nebenan; schwarzer Teppichboden, blaue Jalousien vor den Fenstern. Die Luft riecht süßlich, an die Decke sind goldene Sternzeichen gemalt.

Wie immer spielt Sutalo am Bingo-Automaten, eine Art Lotto. Die Zahlen tippt er so, dass sie auf dem Bildschirm die Form eines Kreuzes ergeben. Es nimmt immer die gleichen Zahlen: 13, 14, 15 in der Horizontalen und 4, 14, 24, 34, 44, 54, 64, 74 in der Vertikalen. Als um 1.35 Uhr sein Automat plötzlich zu leuchten beginnt, spielt Sutalo gerade an einem anderen Gerät. Erst eine Minute später bemerkt er die Meldung auf dem Bildschirm: »Gratulation Jackpot gewonnen – 514 242,06 Euro.«

Er trommelt mit den Fäusten auf den Hocker, schreit: »Jackpot! Danke, Gott!«, die anderen Gäste applaudieren. Es ist der Beginn eines Tages, der ihn reich, aber nicht glücklich machen wird.

Etwa fünf Stunden später, frühmorgens in Zagreb, Kroatien. Die Familie Radosovic* steigt in ihren schwarzen 5er-BMW. Sie haben Urlaub in der alten Heimat gemacht und wollen nun zurück nach Duisburg, wo sie seit 22 Jahren leben. Vorn sitzen Ante Radosovic, 56, der eine Import-Export-Firma betreibt, und seine Frau Marta, 54, hinten der 17-jährige Sohn Luka.

Sie fahren den ganzen Samstag durch, mehr als 13 Stunden, etwa tausend Kilometer – bis am Abend auf der A3 kurz nach Frankfurt plötzlich zwei Lichtkegel vor ihnen auf der Überholspur auftauchen. Die Radosovics fahren 160 Stundenkilometer, das Auto, das ihnen entgegenschießt, auch. Zum Ausweichen bleibt keine Zeit.

Ante Radosovic wird in seinem Wagen eingeklemmt und stirbt noch am Unfallort. Seine Frau Marta und sein Sohn Luka werden verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Aus dem anderen Auto, einem silberfarbenen VW Touareg, klettert aus der Beifahrertür: Marco Sutalo, der Jackpot-Gewinner. Noch bevor die Polizei am Tatort eintrifft, verschwindet er in der Nacht. Helikopter mit Wärmebildkameras werden nach ihm suchen. Der Verdacht der Ermittlungsbehörden: Mord. Weil sie davon ausgehen, dass Sutalo absichtlich auf der Autobahn gewendet hat, womöglich mit Suizidgedanken. In den Zeitungen wird er in den nächsten Tagen der »Geisterfahrer-Killer« genannt.

August 2012, neun Monate nach dem Unfall. Marco Sutalo sitzt im Büro seines Anwalts und zündet sich die fünfte Zigarette in einer halben Stunde an. Unter seinen Augen zeichnen sich dunkelgraue Ringe ab. »Ich kann nachts nicht schlafen«, sagt er. Der Unfall lässt ihm keine Ruhe. Er hat 15 Kilo zugenommen. Wenn er nachts nicht schlafen kann, geht er zum Kühlschrank. Und natürlich macht er sich Vorwürfe: »Was habe ich nur angerichtet?«

Sutalo ist ein wuchtiger Mann, Handwerker, das sieht man an seinen kräftigen Händen. Die obersten drei Hemdknöpfe trägt er offen, um den Hals blitzt ein goldenes Kreuz. Geboren wurde er in Sinj, Kroatien, aber er spricht breites Frankfurterisch. »Isch hab mein Lebe lang geschafft«, sagt er, als er von sich erzählt. Aufgewachsen ist Marco Sutalo in Frankfurt-Fechenheim, einem Arbeiterviertel am östlichen Stadtrand. Braune Mietshäuser, Gewerbegebiet. Seine Eltern waren von Kroatien nach Deutschland gezogen, als er vier Jahre alt war. Er besucht das Wirtschaftsgymnasium, wirft aber hin, als die Eltern sich scheiden lassen, und fängt als einfacher Hilfsarbeiter in einem Betrieb für Elektroinstallationen an. Die Arbeit liegt ihm, bald schon darf er Projekte leiten. 1994 gründet er seine eigene Firma. Die Geschäfte laufen gut, er stemmt Millionenaufträge, zwischenzeitlich trägt er Verantwortung für 24 Angestellte. Er arbeitet auf Bauvorhaben von Aldi, dem Bundeskriminalamt in Wiesbaden und der Lufthansa. »Ich bin ein ungelernter Kerl, der sich hochgearbeitet hat«, sagt er, und für einen Moment spürt man den stolzen, selbstsicheren Mann, der er mal war.

Das Geschäft ist dann irgendwann schwieriger geworden. Auftraggeber haben sich verkalkuliert oder ihre Rechnungen nicht bezahlt. Sutalo musste Insolvenz anmelden, hat danach zwar einen neuen Betrieb aufgebaut, doch die Zeiten blieben schwierig. Zuletzt musste er einen Kredit über 40 000 Euro aufnehmen. Und dann wurde in einer Nacht alles anders.

»Mit dem Jackpot war die Welt auf einmal in Ordnung«, sagt er. »So viele Endorphine kann man gar nicht haben. Wenn jemand gesagt hätte, flieg irgendwo hin, hätte ich angefangen zu flattern.«

Er und sein Anwalt haben versucht zu rekonstruieren, was passiert ist in den 19 Stunden zwischen Jackpot-Gewinn und Autounfall. Wo er überall war. Welche Menschen er getroffen hat – auf einer etwa 450 Kilometer langen Fahrt.

*Alle Namen von der Redaktion geändert
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Kommentare

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  • Berndt Schönwald (0) Der Artikel sollte besser nicht Mitleid heischen mit diesen Mann, der seinen Charakter selbst offenbart: "Und das Geld? [Er] zuckt mit den Schultern. Da ist nicht mehr viel da. Ich habe die Firma meines Sohnes saniert, dass man wieder richtig arbeiten kann."
    Hätte er nicht eher die Familie des Mannes "sanieren" sollen, den er getötet hat?

    (Redaktion: Bitte mein Doppelposting unten entfernen!)
  • Berndt Schönwald (0) @Heidrun Schuppan: Ich kann hier, wie Sie, nur mit dem Kopf schütteln. Bei vorsätzlich oder fahrlässig herbeigeführter Schuldfähigkeit durch Einnahme von Drogen kann zwar die Tat selbst juristisch nicht bestraft werden, doch man kann bis zu fünf Jahre ins Gefängnis wandern, weil man diesen unverantwortlichen Zustand herbeigeführt hat; besonders, wenn man es schon wiederholt getan hat und die Folgen von früher her bereits kannte. Näheres dazu, siehe WIKIPEDIA "Vollrausch"
  • Berndt Schönwald (0) @Heidrun Schuppan: Ich kann hier, wie Sie, nur mit dem Kopf schütteln. Bei vorsätzlich oder fahrlässig herbeigeführter Schuldfähigkeit durch Einnahme von Drogen kann zwar die Tat selbst juristisch nicht bestraft werden, doch man kann bis zu fünf Jahre ins Gefängnis wandern, weil man diesen unverantwortlichen Zustand herbeigeführt hat; besonders, wenn man es schon wiederholt getan hat und die Folgen von früher her bereits kannte. Näheres dazu, siehe WIKIPEDIA "Vollrausch"
  • Heidrun Schuppan (1) Ganz unabhängig von dem vorliegenden Fall kann ich einfach nicht nachvollziehen, weshalb einem Mensch, der sich nach solchem Alkoholkonsum ans Steuer setzt, 'verminderte Schuldfähigkeit' attestiert wird. Gut, der Alkohol sorgt wohl dafür, dass jemand nicht mehr klar denken und handeln kann, so weit, so gut ? aber das weiß doch jeder ansonsten klar denkende und handelnde Mensch. Und wenn es sich trotzdem ans Steuer setzt, ist das nur 'fahrlässig'?
  • Günter Planck (0) bitte entschuldigen Sie meine Mehrfachposts - der letzte Teil will sich augenscheinlich nicht veröffentl. lassen ;-)
  • Günter Planck (0) ,der zur Aufgabe hat "Interpretieren Sie den Artikel vor dem Hintergrund des Schalgwortes>Sensation
  • Günter Planck (0) .....>Sensation
  • Günter Planck (0) @Dieter Wondrazil,
    Guten Abend Herr Wondrazil,
    zunächst ist zu sagen, dass es -nicht nur immer sehr befremdlich ist, wenn sich Leser zu Artikel äußern, die sie nicht (zuende) gelesen haben und dieses auch noch betonen, sondern auch tatsächlich zu bescheidenen Folgerungen, auch und gerade im Zusammenhang mit der eigenen Argumentation führt: "unverletzt" ist ein Produkt ihrer Vorstellung, "ein gebrochenes Brustbein, sechs gebrochene Rippen und ein Schädel-Hirn-Trauma " ist die Feststellung der ärzlichen Expertiese gewesen. Dieses hätten Sie dem weiteren Text entnehmen können, anstatt sich -zumindest in dieser Hinsicht- künstlich aufzuregen (auch eine Form der von Ihnen benannten "Sensationsheischerei").

    Abseits der Faktenlage erlaube ich mir noch ein persönl. Kommentar: Wenn Ihre Interpretation die Aufprallgeschwindigkeit und (ausbleibende) Verletzungen vor dem Hintergrund eines "Sensationsgedankens" in den Vordergrund rückt, denke ich, würde unter einem Schulaufsatz -einer weiterführenden Schule -,der zur Aufgabe hat "Interpretieren Sie den Artikel vor dem Hintergrund des Schalgwortes>Sensation
  • Dieter Wondrazil (0) Mit 160km/h Frontalcrash und dann unverletzt aussteigen?
    Wer soll das glauben?
    Den Rest des Artikerls habe ich nicht mehr gelesen. Wenn der auch so unglaubwürdig ist... was soll die Sensationsheischerei?