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aus Heft 51/2012 Außenpolitik 3 Kommentare

Ein Land hebt ab

Unser Autor war nur ein paar Jahre weg. Aber als der SZ-Korrespondent jetzt nach China zurückkehrte, war plötzlich alles anders. Beobachtungen aus einem Reich, das seine Mitte nicht mehr findet.

Von Kai Strittmatter  Fotos: Zhang Xiao


Mit Peking ist das so eine Sache. Ich muss an den Spruch eines Freundes denken: Da bist du ein Jahr weg, kommst wieder, und Peking ist verschwunden. Stattdessen steht da eine neue Stadt, und die nennt sich wieder Peking. Ich war sieben Jahre weg. Kurz vor dem Landeanflug: mongolisches Grasland, Sanddünen, sanft gefaltet wie das goldene Betttuch eines Buddhas, dann die Berge, kurz ist die Große Mauer zu sehen, Bollwerk gegen die Barbaren, die einfach immer drüberstiegen, wenn es ihnen passte. Gleich kommt die Stadt. »Temperature 32 degrees. Clear sky«, sagt der Pilot. Das darf man nicht wörtlich nehmen, er will wohl sagen: Es regnet nicht. Die gelb-braune Decke, durch die das Flugzeug stößt, kommt mir bekannt vor. Auch sonst verleugnet sich Peking nicht völlig. Der Taxifahrer am Flughafen, der mir mit einem stummen Nicken bedeutet, meine Koffer selbst in den Kofferraum zu wuchten, und der dann zwei trockene Flüche ausstößt, als er mein Ziel erfährt. Soll heißen: zu nah. Er ist umsonst zwei Stunden Schlange gestanden. Sein Tag ist im Arsch.

»Welcome back!« Tiancheng, der alte Freund, der halb in Peking, halb in Kanada lebt, seit einigen Jahren jetzt schon, sein Englisch ist noch nicht viel besser geworden. »Komm!«, und plötzlich ist es, als sei ich nie weg gewesen. Die nächsten zwei Wochen wird mich Tiancheng jeden Abend in ein anderes Lokal schleppen und jeden Tag Punkt zwölf anrufen, ob ich schon zu Mittag gegessen habe. Außerdem mit Vermietern verhandeln, mir Handwerker besorgen und mich vor den falschen Nudelläden warnen. Wie früher. Wer in China Freunde hat, fällt weich. »Aah«, sagt Tiancheng. »Mala tang, shui zhu yu – manche Dinge ändern sich nie.« Mala tang, das ist ein pfefferscharfer Hotpot, shui zhu yu, das ist der »in Wasser gekochte Fisch«, eine Explosion aus Fisch und Chilis. Dazu ein wenig Sellerie mit weißer Lilienknolle und Wasserspinat mit Knoblauch. Nicht gleich zulangen. Tief durchatmen. Chiligeschwängerte Luft, das kitzelt in der Nase, als rauche der Nachbar einen Joint. Angekommen.

Hinterher ist mir, als spürte ich noch tagelang die Detonationen der Fischhäppchen in meinen Eingeweiden. Aber ich werde die Erinnerung an diesen ersten Abend auch wegen der Worte von Tiancheng nicht los: »Das Herz sitzt nicht mehr, wo es sein soll. Es hüpft den Leuten davon. Mal hierhin, mal dorthin, immer da, wo’s ihnen am meisten nutzt.« Tianchengs Hände versuchen vergeblich die zwischen unseren Schüsseln umherhüpfenden Herzen einzufangen. Er imitiert die Pumpgeräusche: »Badumm, badumm, badumm.« Dann klopft er sich an die linke Brust: »Nur da ist leer.« Die Dongzhimen ist wie früher in ein Meer roter Laternen getaucht, »Geisterstraße« nennen sie die Pekinger, hier kann man auch um drei Uhr morgens noch Krebse essen. Vor einem Lokal steht ein Flachbildschirm, mitten auf dem Gehsteig, es läuft eine bekannte Show: Die Reporterin interviewt gerade einen zum Tode Verurteilten, was er sich dabei gedacht habe, seine Mutter umzubringen. Der junge Mann antwortet nur stockend, später sieht man ihn zu seiner Hinrichtung trotten, die Kamera hält drauf. Es schaut kaum einer hin. Die Krebse, der betäubende Sichuanpfeffer, deshalb sind die Leute hergekommen.

Die Obsession der Chinesen mit dem Essen, sie ist geblieben. Haben ja auch das beste. Mittags und abends, zweimal am Tag die Fahrkarte zum Glück. Einmal brauche ich eine Kopie meines Passes. Tiancheng und ich schlängeln uns einem Schild folgend durch ein Gässlein, vorbei an einem daoistischen Wahrsager und einem Laden, der einem – für den neugeborenen Sohn, für die Firma – glückbringende Namen sucht, dann stehen wir in einem Copyshop, der eigentlich nur eine Ecke des Wohnzimmers der Familie ist. Die Frau kommt an die Tür geeilt mit einer dampfenden Schüssel in der Hand, macht meine Kopien und fragt nebenbei, ob wir denn auch schon gegessen hätten. »Ja«, sagen wir. Dann blickt sie auf und wendet sich an Tiancheng: »Kann der denn essen?«, fragt sie. Sie meint: Kann der Ausländer denn unser chinesisches Essen essen? Aber das sagt sie nicht. Sie sagt: Kann der denn essen? So, als käme ihr gar nicht in den Sinn, das, was wir Ausländer sonst so zu uns nehmen, als »Essen« zu bezeichnen. Ein paar Tage später fiel einer meiner Lieblingssätze, als die Frau eines Freundes all die Seufzer am Tisch beiseite fegte und in trotziger Vorfreude auf das bestellte Sichuan-Essen quer durch den ganzen Raum rief: Bu la, bu geming. »Isses nicht scharf, isses nicht revolutionär.« Beim selben Essen fiel dieser Satz: »Wie gerne würden wir dieses Land lieben. Aber sie lassen uns nicht.«

Das ist wie früher: Die Leute tanzen frühmorgens und spätabends auf dem Gehsteig, auf kleinen Plätzen. Tango, Walzer, Cha-Cha-Cha. Noch immer laufen manche rückwärts durch Parks und Straßen, weil das angeblich das Gehirn trainiert. Überhaupt, die kleinen Überraschungen, die Peking an jeder Ecke bereithält. Der Alte, der sich beim Joggen durch die Straßen mithilfe eines Drahtkäfigs einen Ball auf den Kopf geschnallt hat. Die ondulierte Dame im Café, die Interessierten verlegen kichernd vorführt, wie ihr ebenfalls ondulierter Pudel Pekingoper singt. Huhu Huuuu.

Und das ist neu: Man muss im Supermarkt nun eigens um Plastiktüten bitten; die früher ganzjährig in ein Kleid aus Plastikfetzen gehüllten Alleebäume sind damit Vergangenheit. Die Rikschas fahren jetzt elektrisch, man kann sie nun also mieten, ohne sich gleich als menschenschindender Kolonialherr zu fühlen. Die Pekinger, die noch vor Kurzem raufend und Hiebe verteilend die Busse stürmten, stehen in den neuen U-Bahnen nun Schlange, ganz diszipliniert und so, als hätten sie es schon immer getan. Der bei der Begrüßung laut ausgerufene Satz: Ni pang le, »Du bist aber dick geworden«, ist mit einem Mal nicht mehr als Kompliment gemeint. Schleichende Verwestlichung? Es gibt andere Anzeichen: In den öffentlichen Toiletten gibt es immer mehr Sitzklos. Und: Die jahrtausendelang laktoseintoleranten Chinesen essen mit einem Mal Käse. Es gibt sogar Snackläden, die nichts anderes verkaufen: gesüßten Frischkäse. »Käseessen ist doch eine alte Pekinger Tradition«, sagt meine Vermieterin, die ein paar Schälchen als Willkommensgeschenk serviert. »Na ja, eine neue alte chinesische Tradition«, ergänzt ihr Mann auf meinen erstaunten Blick hin. Das nämlich hat sich nicht geändert: das ebenfalls jahrtausendealte Talent der Chinesen, Neues blitzschnell zu absorbieren und schon im nächsten Moment als Ureigenes zu verkaufen.

Der Wirbelsturm, der jeden Stein in diesem Land und in dieser Stadt umgedreht hat, er hat auch meine Freunde nicht unberührt gelassen. Es ist, als träfe ich keinen, der sich nicht in den sieben Jahren meiner Abwesenheit neu erfunden hätte. Tiancheng, der damals Antiquitäten nach Nordamerika verkaufte, arbeitet gerade als Regieassistent beim Film. Der Dichter ist plötzlich Maler. Dafür ist die Malerin buddhistische Nonne und betreibt im Südwesten eine Schule für tibetische Kinder. Die einstige Drehbuchschreiberin hat Abschied genommen vom Fernsehen und missioniert nun fürs Christentum. Der Untergrund-Rock-’n-Roller wurde nicht nur zum bekannten Musiker, er ist jetzt ein ebenso bekannter Mikroblogger und Aktivist.

Manche Dinge ändern sich nie. Mang Ke zum Beispiel. Mang Ke ist heute 62, und wieder hat er eine neue Frau an seiner Seite. Wieder ist sie in ihren Zwanzigern, wieder ist sie hübsch und klug, hat lange Haare und Kunst studiert, oder in diesem Fall: Kunst-geschichte. Und wieder erwartet Mang Ke ein Kind. Sein viertes. Mang Ke ist Dichter. War Dichter. Nicht irgendein Dichter, sondern, für Leute, die sich für Poesie interessieren, eine Legende. Vor mehr als drei Jahrzehnten gab der junge Mang Ke mit seinem Freund Bei Dao das Untergrundmagazin Heute heraus. Mao Zedong war gerade gestorben, es war die Zeit der »Mauer der Demokratie«, die jungen Dichter entrissen den Tyrannen die von diesen lebend begrabene Sprache und füllten sie wieder mit Seele und Blut. Bei Dao ging später ins Ausland, wurde immer wieder als Kandidat für den Nobelpreis genannt. Mang Ke, Pekinger mit Leib und Seele, blieb. Er ließ sich seine Bücher weiter verbieten und seine Mahlzeiten und den Erguotou, den Pekinger Schnaps, von den Freunden bezahlen, die nach und nach alle zu Geld kamen. Die Abende mit Mang Ke endeten regelmäßig in fröhlichen Besäufnissen, bei denen das Leben gegen alle Widrigkeiten gefeiert wurde. Und bei einem wie Mang Ke nahmen die Widrigkeiten kein Ende. Plötzlich mussten Schulgebühren für die Kinder bezahlt werden, verlangten die Frauen von ihm eine eigene Wohnung. Können wir nicht leben wie andere auch?

Wie gesagt, als ich ging, war Mang Ke noch Dichter. Jetzt komme ich wieder, und Mang Ke ist Maler. Ein »bemerkenswert erfolgreicher« Maler, wie die neue Ausgabe des Historischen Lexikons der modernen chinesischen Literatur von Li-Hua Ying vermerkt. Mang Ke, du? Ein Maler? Wie kam denn das? Mang Ke kichert sein heiseres Raucherkichern. »Kann ich eine?«, fragt er und hält eine Schachtel Zigaretten hoch. Seine hochschwangere Frau sitzt daneben, die Geburt ist schon zwei Tage überfällig. Rauchen? Neben ihr? Mang Ke winkt ab. »Ach, der Smog hier ist viel schlimmer.« Dann zündet er sich eine an und erzählt. Von dem Druck. Vom Geld, das er dringend brauchte. Von dem Freund, der ihn auf die Idee brachte: Schau dich um, wer hier über Nacht reich geworden ist, wem die Ausländer die Werke aus der Hand reißen. Maler, natürlich. Der Freund kaufte ihm Pinsel und Tuben und Leinwand. Dann legte Mang Ke los. Zu seiner ersten Ausstellung lud er alle seine reichen Freunde ein. Danach konnte er sich die Wohnung kaufen. »Ich sag dir, meine Bilder verkaufen sich nicht schlecht, echt. Außerdem mal ich schnell: Drei Tage für ein Bild, dann hat sich das. Ach, Gedichtbände, wer kauft denn das noch? Zehn Jahre schreibst du an einem, dafür kriegst du dann mit etwas Glück 20 000 Yuan (2500 Euro), wenn er nicht sowieso verboten wird. Und meine Bilder? Schau, das letzte hat mir einer für 50 000 Yuan abgekauft. Eigentlich müsste ich noch schneller malen. Ich bin mit 20 Bildern im Rückstand: So viele Leute haben mir alle schon das Geld für ein Bild gegeben. Mir geht’s nicht schlecht jetzt. Wir können anständig leben. Ich kann den Unterhalt für die Kinder bezahlen. Bloß selbst wohnen wir noch immer zur Miete. Jedes Mal, wenn ich mich scheiden lasse, kriegen meine Ex-Frauen die Wohnung und alles andere, beim letzten Mal blieben mir kaum 10 000 Yuan.«

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Kommentare

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  • Bernhard Ströbel (0) ich schätze Kai Strittmatter als Autor und Korrespondent sehr. Seine "Gebrauchsanweisung für Istanbul" ist geradezu excellent. Jetzt ist er also wieder nach China zurückgekehrt. Ich wünsche Ihm dort viel Glück und weiterhin eine gut gespitzte Feder mit der er hoffentlich kritisch und objektiv das Geschehen vor Ort skizziert. Ich hoffe die SZ hat immer den Mut, Kai Strittmatters Artikel eins zu eins abzudrucken.
  • Lars Schmitt (0) Lieber Herr Strittmatter,
    vielen Dank für diese interessante Reportage über das heutige China. Sie hat mir sehr gut gefallen. Es ist das beste, was ich seit langem über China gelesen habe. Ich habe seit vielen Jahren die SZ abonniert und mochte Ihre Artikel und Reportagen aus China, Taiwan & Co immer sehr. Ich war traurig, als sie vor sieben Jahren China verließen. Ich bin sehr froh, dass Sie nun wieder zurück sind und freue ich mich auf viele interessante Artikel, Kommentare und Reportagen von Ihnen. Machen Sie bitte weiter so!
  • Christine Müller (1) Lieber Herr Strittmatter, das ist eine ganz großartige Reportage! Ich habe von 1988 bis 1990 in Peking gelebt und war seither nicht mehr dort. Ihr Bericht füllt all die Lücken in den Geschichten aus dem Wirtschaftwunderstaat China. Ich hoffe, er findet viele Leser unter den Leuten, die uns den chinesischen Weg als nachahmenswert darstellen wollen.