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aus Heft 51/2012 Gesellschaft/Leben 2 Kommentare

Jauchzet, frohlocket

Die Chancen standen nie gut für einen türkischen Jungen aus dem Arbeiterviertel - trotzdem wurde Deniz Germec einer der weltberühmten Wiener Sängerknaben. Die ganz besondere Geschichte eines ganz normalen Kindes.

Von Sybille Hamann  Fotos: Peter Rigaud


Deniz steht im Salon, neben einem Flügel, der einst Maurice Ravel gehörte. Er soll ein Lasso werfen. Zumindest soll er sich das vorstellen: Dreimal das Seil über dem Kopf kreisen lassen und dann die Schlinge, gemeinsam mit einem einzelnen Ton, in die andere Ecke des Raumes schleudern, hinüber zur barocken Flügeltür. Man muss fest auf beiden Beinen stehen, damit das gelingt, aber gleichzeitig in der Hüfte locker bleiben. Man braucht Kraft, ohne verbissene Anstrengung. Und man muss loslassen können.

Wo Deniz gerade steht, musizierten schon Johannes Brahms, Franz Liszt, Richard Wagner und Gustav Mahler. Der Junge zögert. Er zupft sich die Kapuzenjacke zurecht, holt tief Luft, setzt an. Er trifft den Ton, aber er ist zu leise. »Trau dich!«, ruft der Mann am Klavier. »Fest! Laut! Du bist Lucky Luke! Dort laufen deine Kühe! Die müssen dich hören!«

Der Mann am Klavier heißt Gerald Wirth und ist künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben. Deniz Germec ist zehn Jahre alt und singt zweiten Sopran. Deniz hat einen türkischen Pass. Er ist Muslim. Seine Mutter ist Putzfrau, der Vater Koch, beide sprechen nur wenig Deutsch, obwohl sie seit 14 Jahren in Wien leben. Gastarbeiter nannte man solche Menschen früher.

Deniz wohnt seit mehr als einem Jahr in einem Palais, das einst den Habsburgern als Jagdschloss diente, mitten im barocken Augarten, einem der schönsten Parks der Stadt. Dort ist das Internat des berühmtesten Knabenchors der Welt. Etwa hundert Buben, von zehn bis 14 Jahre alt, gehen hier zur Schule, erhalten nebenbei eine musikalische Ausbildung und geben weltweit Konzerte. Gegründet wurden die Sängerknaben 1498 als Teil der Hofmusikkapelle der Habsburger, heute sind sie ein Verein und finanzieren den Schulbetrieb durch CD-Verkäufe und Konzerttourneen.

Gerade kam Deniz von seiner ersten großen Reise zurück: Singapur, Australien, Neuseeland, Taiwan, Südkorea – neun Wochen, 27 Konzerte. Er hat von jeder Station Sticker mitgebracht und auf seinen Rollkoffer geklebt. Derzeit stehen Proben für die Weihnachtskonzerte in Deutschland an, außerdem Aufnahmen für die neue CD.

Deniz besuchte noch vor anderthalb Jahren eine sogenannte Problemschule in einem Arbeiterbezirk, wohnte in einer engen Zweizimmerwohnung und wollte Profifußballer werden. Er hörte gern Tarkan und Justin Bieber. Inzwischen ist ein neues Lieblingslied dazugekommen: Gaudete, ein polyphoner Choral aus dem 16. Jahrhundert. Sein Berufswunsch lautet jetzt Komponist. Was sich nicht geändert hat: Er ist immer noch Fan von Fenerbahçe Istanbul, isst am liebsten Döner mit Reis, sieht gern fern und spielt Fußball-Games auf der Playstation. Natürlich ist er auch musikalisch. Seine Mutter erinnert sich, dass er sich schon als Baby am besten mit Liedern beruhigen ließ. Aber ist er deswegen etwas Besonderes? Ein musikalisches Wunderkind?

Wohl kaum. Er ist eines von Tausenden Kindern mit musikalischem Talent, die ohne Babydisco, Frühförderung und private Geigenstunden aufwachsen und die von sich aus kaum je den Weg in die Staatsoper, den Musikvereinssaal oder das Konzerthaus finden würden. Und schon gar nicht zu den Sängerknaben. »Wir brauchen diese Kinder«, sagt Gerald Wirth. »Aber wir können nicht darauf warten, dass sie zu uns kommen. Wir müssen zu ihnen hin.«

Das ist für die 500 Jahre alte Institution eine ziemlich neue Erkenntnis. Die Sängerknaben sind schon seit ihrer Gründung international besetzt. Im 15. Jahrhundert kamen viele aus Flandern, im frühen 17. Jahrhundert aus Italien. Heute stammen die Knaben aus Tiroler Bergdörfern und aus ostasiatischen Millionenstädten, sie kommen aus großbürgerlichem Haus oder aus zerrütteten Verhältnissen. Zwei Brüder entstammen einer Flüchtlingsfamilie aus dem Kongo, andere schauen auf mehrere Generationen Sängerknabenvorfahren zurück. Immer wieder lesen die Sängerknaben auf ihren Tourneen Kinder auf, die unbedingt mitmachen wollen und die bereit sind, sofort aus Kuala Lumpur oder Hongkong nach Wien zu übersiedeln, ganz allein.

Doch dass sich der Chor auch um die Talente in seiner unmittelbaren Nachbarschaft kümmern könnte, in den Einwanderervierteln vor den Toren des Augartens etwa – auf diese Idee kam jahrzehntelang niemand. Die hatte erst Gerald Wirth.

»Singen ist Integration«, sagt er. »Man wird im Chor immer Teil von etwas Größerem.« Wirth leitet Chöre, seit er einen Taktstock halten kann. Er erzählt von einem Kind in seinem Heimatdorf in Niederösterreich, das hartnäckig das Sprechen verweigerte, bis es im Kirchenchor plötzlich zu singen begann. Wirth hat Radaubrüder gesehen, die im Chor ganz weich wurden, und schüchterne Kinder, die plötzlich aus sich herausgingen. Manche Kinder, sagt er, würden beim Singen zum ersten Mal die Erfahrung machen, dass ihnen jemand zuhört.

Vor zwei Jahren gründete er gemeinsam mit dem Wiener Konzerthaus und der Caritas das Projekt »Superar«. Er bildet Tutoren aus, die an sozialen Brennpunkten der Stadt mit ausgewählten Klassen singen. Täglich. Mehrmals im Jahr gibt es öffentliche Konzerte. Es ist nicht Hauptzweck von »Superar«, dabei Nachwuchs für die Sägerknaben zu rekrutieren. Aber es kann passieren, wie bei Deniz. Er war der erste Junge, der auf diese Weise entdeckt wurde, vom »Superar«-Tutor Rafael Neira Wolf.
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Kommentare

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  • Hans J. Pfisterer (0) Liebe Regina, seit nunmehr 3 Jahren gibt es für jeden Wiener Sängerknaben nach dem Stimmbruch die Möglichkeit die Ausbildung im Oberstufen Realgymnasium die Ausbildung bis zur Matura (Universitätsreife) fortzusetzen. Etwa 50% der Knaben nehmen dieses Angebot bereits an (Tendenz steigend). Das ORG der Wiener Sängerknaben ist übrigens auch offen für Mädchen und Buben die nicht aktive in den Chören mitgesungen haben.
  • Regina Bormann (1) ...und was passiert mit Deniz (und nicht nur mit Deniz, sondern allen, die aus sozialen Brennpunkten kommen!), wenn er 14 ist und bei den Sängerknaben ausscheidet? Wie kann er sich dann in seiner alten Umgebung wieder einfinden? Gibt es eine soziale "Nachsorge", weitere schulische Förderung? Werden die Famiien, aus denen Kinder wie Deniz kommen, unterstützt, damit die Jungs nach ihrem Ausscheiden bei den Sängerknaben nicht an den Unterschieden zwischen den Lebensumständen im Chor und ihrem alten Umfeld zerbrechen?