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aus Heft 51/2012 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man an Weihnachten verreisen, anstatt für die sozial isolierte Mutter ein Weihnachtsfest zu inszenieren?

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»Meinen Mann und mich interessiert Weihnachten nicht mehr, wir würden lieber verreisen. Wäre da nicht meine alte Mutter, die 600 Kilometer entfernt wohnt und sozial sehr isoliert ist. Seit Jahren holen wir sie also zu uns und inszenieren ein Weihnachten, mit absehbaren Folgen: Streit, Frust etc. Sie allein zu wissen, verdirbt mir den Urlaub, mitkommen will sie nicht. Für uns ist das eine große Belastung. Fällt Ihnen etwas ein?« Marianne F., Bremen





Es geht um Weihnachten, und das gilt doch gemeinhin als Fest des Friedens und der Familie. »Frieden, Frieden« flüstert dementsprechend auch unablässig der Engel auf der Spitze des Baumes in Heinrich Bölls Nicht nur zur Weihnachtszeit. In dieser Erzählung treibt Böll die Charakteristika des Festes auf die Spitze oder ad absurdum, weil eine gewisse Tante Milla sich angesichts des Abschmückens des Weihnachtsbaumes so erregt, in Geschrei und Wahnsinn verfällt, dass man ihr zuliebe das Feiern des Weihnachtsfestes fortsetzt. Täglich, das ganze Jahr hindurch, auf unbestimmte Zeit - mit allen negativen Folgen für das Gemüt sämtlicher Beteiligter. Außer für Tante Milla, die im dauernden seligen Weihnachtszauber schwelgt.

Ein wenig erinnert das von Ihnen zwangsweise inszenierte Weihnachten an Bölls Vision in gestreckter Form. Zwar müssen Sie nicht jeden Tag des Jahres, dafür aber jedes Jahr an diesem Tag etwas feiern, was nur eine der Beteiligten will, Sie hingegen wollen es nicht mehr. Die Absurdität ist geringer als bei Böll, aber vorhanden ist sie dennoch.

Bedeutet das, Sie können ruhigen Gewissens in Urlaub fahren? Ja, aber nicht an Weihnachten. Das sollten Sie meines Erachtens mit Ihrer Mutter feiern. Warum? Wegen einer Regel, die älter ist als das Fest: die Goldene Regel. Hinter dem »Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest«, steckt die einfache Idee, die Angelegenheit aus dem Blickwinkel des anderen zu betrachten. Und wenn Sie wirklich den Blickwinkel Ihrer Mutter einnehmen, statt sich nur an ihre Stelle zu versetzen, fällt Ihnen etwas auf: Das, was für Ihre Mutter gemeinsames Weihnachten bedeutet, kann für sie an keinem anderen Tag des Jahres erreicht werden. Bei Ihnen hingegen hängt die Freude am Urlaub nicht davon ab, dass er just den 24. Tag des letzten Monats des Jahres mit einschließt. Es geht also nicht um weihnachtliche Charakteristika oder darum, dass Sie Ihre Bedürfnisse grundsätzlich zurückstellen müssten, sondern darum, dass Sie ohne größere Einschränkung auch noch am 27. verreisen können, Ihre Mutter aber nicht mehr mit ihrer Familie Weihnachten feiern kann.

Übrigens hat die Goldene Regel gegenüber einer Berufung auf weihnachtliche Grundsätze noch einen großen Vorzug: Sie gilt immer. Nicht nur zur Weihnachtszeit.

Quelle:
Heinrich Böll, Nicht nur zur Weihnachtszeit, 1952. Zum Beispiel enthalten in: Heinrich Böll, Nicht nur zur Weihnachtszeit: Erzählungen. dtv 1992

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