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aus Heft 01/2013 Politik 3 Kommentare

Erwin, wie tief willst du noch sinken?

Solche Fragen muss sich Erwin Huber jetzt von Parteifreunden gefallen lassen. Als Politiker hat er fast alles erreicht, war CSU-Generalsekretär und Parteichef. Aber er hat sich entschlossen, noch einmal für den bayerischen Landtag zu kandidieren – als einfacher Abgeordneter. Warum tut er sich das an?

Von Annette Ramelsberger  Fotos: Armin Smailovic



Zwei Diener vor dem Herrn: Erzengel Michael und CSU-Mann Huber, am Eingang der Pfarrkirche Reisbach.

Das Kartell der Verdienstvollen sitzt vorne am Tisch. Drei Herren in dunklem Anzug. Drei Herren jenseits der 60. Drei Herren, die wissen, was sie wollen: keine Überraschungen. Als Erstes steht der altgediente Landrat auf. Geschlossenheit, sagt er, darauf komme es an. Eigentlich müsse die CSU gar keinen Wahlkampf machen, man könne doch überall die Früchte ihrer erfolgreichen Politik sehen. Und der Mann, der das möglich gemacht habe, müsse wieder in den Landtag, der Beste, das sei doch klar. »Ich bin dankbar, Erwin, dass du dich wieder bereit erklärt hast, zu kandidieren.« Dann erhebt sich der langjährige Kreisvorsitzende. Er fragt: »Gibt es weitere Bewerber?« Er wartet genau zwei Sekunden. Es gibt keine.

Es ist Anfang November und es ist der wichtigste Tag in diesem Jahr für Erwin Huber. Es geht um seine Zukunft, vielleicht sogar sein Leben, auf jeden Fall um den Sinn seines Lebens. Er will noch einmal in den Landtag, noch einmal fünf Jahre in die Politik. Es sitzen 150 CSU-Mitglieder im Saal des »Gasthauses Köck« in den niederbayerischen Weiten hinter Landshut. Sie sollen ihn nominieren – und dort hinten im Saal scharren sie schon mit den Füßen. Die Jungen, Hungrigen, Ehrgeizigen, von der Frauen Union, von der Jungen Union, all diese Zweiten Bürgermeister, die riechen, dass man jetzt wieder etwas werden kann in der CSU. Denn die Umfragen stehen gut für die bayerische Regierungspartei, vielleicht kann sie sogar die absolute Mehrheit zurückgewinnen. Doch da vorne steht Huber, seit 34 Jahren im Landtag, Ex-Generalsekretär, Ex-Finanzminister, Ex-Wirtschaftsminister, Ex-Staatskanzleichef, Ex-Parteichef. 66 Jahre alt.

Wer es gut mit ihm meint, hat ihm abgeraten, noch einmal anzutreten. Wer ihn schätzt, will nicht hören, wie seine Parteifreunde tuscheln, warum er ihnen das antue. Eine langjährige Vertraute hat ihn entgeistert angestarrt und spontan gefragt: »Erwin, wie tief willst du noch sinken?« – »Ich bin süchtig«, hat er geantwortet. »Es gibt für mich nichts Schöneres als Politik.«

Sie sitzen da hinten im Saal, mit dem unterdrückten Grimm derer, die nicht wagen aufzumucken. Dann spricht Huber. Er braucht jetzt einen coolen Spruch. Einen, der den Kritikern klarmacht, warum nur er infrage kommt für den Landtag, trotz allem. Er sagt: »Jugend ist keine Garantie für Innovation.«

Hinten ächzen sie.

Huber war vor ein paar Tagen im Kino. Er hat den neuen James Bond gesehen. Und er hat bei Bond abgeschaut, wie man im Job überlebt, obwohl man durch die Tauglichkeitstests fällt. Bond sagt das mit der Jugend und der Innovation zu seinem neuen Waffenmeister »Q«, einem milchgesichtigen Computer-Nerd. Huber aber sagt ihn zu einem Saal voll ehrgeiziger Nachwuchspolitiker.

»Wir Jungen sind dann nicht innovativ, oder?«, mault ein stämmiger Kerl aus der Jungen Union. »Das will er uns doch sagen, der James Bond von Reisbach.« Aus Reisbach stammt Huber. Ein ganz Schneidiger sagt: »Huber hat viele Türen geöffnet, aber jetzt schlägt er auch viele Türen zu. Es geht doch nicht, dass immer die eine Stimme gegen Seehofer von Huber kommt. Das bringt uns nichts.«

Es sind die Gleichen, die sonst über Resopalplatten-glatte Berufspolitiker klagen, über Partei-Klone, die ihre Meinung den Umfragen anpassen. Und die die großen kantigen Männer aus längst vergangener Zeit rühmen, einen Franz Josef Strauß oder einen Willy Brandt.

Dann stimmen sie ab. 108 Stimmen könnte Huber bekommen, er bekommt 87. Es ist, als halte der Saal den Atem an. Das war nicht vorgesehen. Zwei, drei Abweichler – gewiss. Aber 21? Schnell nimmt Huber die Wahl an. Er packt den Blumenstrauß ein, den sie ihm geben. Keine Diskussionen jetzt. Er ist nominiert. Die Wahl des CSU-Mannes bei der Landtagswahl im Herbst 2013 ist nur noch Formsache. Hinten im Saal sitzen zerknirscht die Jungen. Hätten Sie doch aufstehen sollen?

Nein, sagt Christian Fertl, 28 und Chef der Jungen Union im Landkreis. »Das bin ich dem Erwin schuldig, dass der jetzt noch sein Lebenswerk vollenden kann. Ich mag dem Erwin noch in zehn Jahren in die Augen schauen können.«

Denn Erwin Huber ist in einer empfindlichen Phase. In der Rehabilitierungsphase. Er ist von ganz oben gekommen, tief gefallen und an einem Punkt gelandet, wo andere aufgegeben hätten. »Ich habe nicht bei null angefangen, sondern weit unter null«, sagt er. Man konnte es sehen: Bei seinem 60. Geburtstag – als Minister – quoll der »Schlappinger Hof« in seiner Heimat Reisbach über vor Gästen. Beim 65. Geburtstag war wieder der ganze Saal festlich gedeckt, aber die Hälfte der Tische blieb leer. Dazwischen lag der Milliardenskandal der Landesbank, die die marode Kärntner Bank Hypo Alpe Adria gekauft hatte – und Huber übernahm als Finanzminister die Verantwortung. Und dazwischen lag der Verlust der absoluten Mehrheit für die CSU – nach 46 Jahren. Da ist Huber auch als Parteivorsitzender zurückgetreten.

Vier Jahre lang rackert Huber jetzt schon, um wieder hochzukommen. Er will die Scharte von 2008 auswetzen, die »Schmach« der Wahlniederlage. Er, der Mann, der die CSU liebt wie kein anderer, hat es nicht geschafft, ihre absolute Mehrheit in Bayern zu verteidigen. Er musste zusehen, wie Horst Seehofer der Vorsitzende seiner Partei wurde, dieser Partei, über die Huber wacht wie ein eifersüchtiger Vater über seine pubertierende Tochter. Und ausgerechnet mit dem Hallodri Seehofer hat sich seine CSU eingelassen. Mit dem Mann, von dem Huber einmal sagte, er werde noch auf dem Sterbebett die Hand heben, um Seehofer zu verhindern. Und nun, da ist Huber sicher, treibt Seehofer der CSU die Seele aus.

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Kommentare

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Kommentar:

  • Georg Schmidt (0) ich habe das Buch Macht und Missbrauch auch gelesen-seitdem ist meine Achtung vor den bayrischen Politikern auf NULL-war schon vorher nicht besonders hoch, eigentlich sollte man solche Bücher verbieten-sie zeigen dem Volk-wie es von der politischen Elite manipuliert und sogar verachtet wird-bei der Beerdigung von Strauss sagte ein Mädchen: jetzt ist der letzte Politiker gestorben, dem ich noch was geglaubt habe ! hoffentlich hat das Mädchen dieses Buch nicht noch gelesen!
  • Josef Roedl (0) "Auf dem Abendgymnasium machte er das Abitur nach. Er schaffte es mit der Note 1,6. Und dann studierte er Volkswirtschaft, auch nebenher."

    Dazu Wilhelm Schlötterer in seinem Buch "Macht und Missbrauch":

    "Als er (Erwin Huber) noch Inspektor im Pressereferat des Finanzministeriums war, hatte er nämlich die dienstliche Erlaubnis erhalten, neben seiner Berufstätigkeit das Abendgymnasium zu besuchen und anschließend Volkswirtschaft zu studieren. Und zwar unter Fortzahlung des vollen Gehalts! Wie ein Beamter aus dem Personalbereich beklagte, ließ man ihn, der damals politisch schon sehr aktiv war, "praktisch auf Staatskosten studieren". Und das, während man gleichzeitig einem in der Registratur des Finanzministeriums beschäftigten Beamten, der lediglich das Abendgymasium nachmachen wollte, dies abschlug. Ihn stellte man vor die Alternative: Entweder Staatsdienst oder Abendgymnasium."
    ...
    "In vergleichbarer Lage (wie Erwin Huber) waren viele andere auch. Sie mussten ihr Studium mit Stipendien und angenommenen Jobs finanzieren, wie es auch heute noch bei vielen Studenten der Fall ist."
  • david nopotis (0) Wunderbar wie Frau Ramelsberger den Abstieg Erwin Hubers analysiert und sein Wirken in der CSU. Nur die unterschwellig angeführte Sympathie für die Jungen in den hinteren Reihen, die ist fehl am Platze. Anders wie Erwin Huber handelt es sich dabei allzuoft nicht um fleißige und gescheite Leute die verdientermaßen nach vorne streben, sondern um Karieristen oder müsige Opportunisten deren Parteizugehörigkeit oder nur entfernte Verwandtschft zu einem CSU-Granden als ausreichend erachtet wird, zu fordern, wenn schon nicht in Regierung oder Parlament, dann wenigstens im öffentlichen Dienst des CSU-dominierten Feistaates vollumfänglich mit Posten versorgt zu werden. Posten und Einkommen, die ihnen nicht zustehen. Wenn Huber der beste Steuerinspektor seines Jahrgangs ehedem war, so sind die auf sein Mandat Lauernden womöglich gar die Leistungsschwächsten. Während er sich treu geblieben ist, hat sich die Warnehmung gegenüber der CSU geändert. Sie erscheint als Partei der Leistungsverweigerer, der Pfründe und Vetternwirtschaft. Eine Organisation der Beliebigkeit wie auch der gefeuerte Ex-Staatssekretär Bernd Weiß meinte, zur Versorgung ihres Nachwuchses via öffentlichen Dienstes.