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aus Heft 02/2013 Reise Noch keine Kommentare

Vorfreude ist die schönste Freude

Nervt Sie die ewige Dunkelheit auch so? Wir helfen uns ja durch den Winter, indem wir einfach jetzt schon Sommerreisen ans Nordkap planen. Im Juni geht da oben die Sonne wochenlang nicht unter.

Von Karen Cop (Text und Fotos) 



Die meisten Norweger werden im Spätherbst geboren, heißt es. Lauter Winterbabys, die sich später im Leben nach Licht sehnen - so wie ich. Vor allem wenn der deutsche Sommer wieder viel zu kurz war, überfällt mich spätestens ab November der Herbstblues. Darum wollte ich unbedingt mal bei denen sein, rund um die Uhr Sonne tanken, als Polster für den Winter. Über dem Polarkreis ist das alles möglich. Am Nordkap bleiben die Tage im Winter dunkel, aber im Sommer geht die Sonne zwischen dem 14. Mai und 29. Juli nicht unter - nie. Einige Schiffe fahren die Hurtigruten ab, den alten Postschiffweg entlang der norwegischen Küste von Bergen bis Kirkenes. Ich dachte immer, die Fahrt sei unbezahlbar für mich. Stimmt gar nicht. Die Hurtigruten-Schiffe sind eigentlich Fähren. Wer will, steigt nach ein paar Stunden ein oder aus, mit Auto oder ohne, mit Kurzstrecken-Ticket für ein Bad an Deck oder Buchung einer Kabine für die große 12-Tage-Runde hin nach Kirkenes im Norden und zurück nach Bergen. Im Juni habe ich endlich aufder MS Finnmarken eingecheckt, einem Riesenschiff mit schönen Kabinen, warmem Pool und Liegestühlen an Deck, von Bergen nach Kirkenes.

Das Städtchen Bergen ist bunt, das Leben mediterran. Da die Norweger 18 Grad schon heiß finden, lümmeln echte (!) Blondinen in kurzen Hosen in den Cafés und essen Erdbeerkuchen. Norwegische Erdbeeren sind besonders süß, die Sonne scheint hier im Sommer länger als in Italien. Unter dem Polarkreis knallt sie noch um 22 Uhr steil ins Gesicht, dann schwimmt sie stundenlang als Feuerball am Horizont. Toll für ein erstes romantisches Abendessen an Bord, bei dem man Langusten knackt, Lachs in allen Varianten isst, Kaviar löffelt. Zum Glück für mich sind noch andere Alleinreisende da.

Weiter nördlich, hinter dem Polarkreis, gibt es kein Rotlicht mehr. Bei der Insel Hestmannøy beginnt das Land der Mitternachtssonne. Als wir dort den 66. Breitengrad überqueren, geht die Sonne nicht mehr unter, und wir tanken 24 Stunden nonstop strahlendes Licht. Der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg isst Mitternachts-Fischsuppe mit uns an Deck, bevor er Hand in Hand mit seiner Frau in der Kajüte verschwindet. Nur um zu sagen, dass man auf den Hurtigruten nahezu jeden treffen kann. Die »Polartaufe« feiern wir am nächsten Morgen wie Kindergeburtstag: Ein als Neptun verkleideter Seemann lässt Eiswürfel in die Pullis der Passagiere rutschen, bis sie kreischen. In»Babettes Café« an Bord wird durchgetanzt. Komisch nur, wie unwirklich Betrunkene irgendwann wirken, im gnadenlos bleibenden, alles zeigenden Sonnenschein.

Bei der Inselgruppe der Lofoten steigen viele Reisende aus. Norweger machen dort gern Urlaub, der Golfstrom fließt vorbei, man badet an Stränden mit feinem Sand. Einige Skandinavierinnen tragen unterm Schneeanzug Bikini, weil man an einem Tag alle Jahreszeiten erleben kann. Ich tanze auf einem Wikingerfest, liege dann wieder eingemummelt an Deck zwischen Honeymoonern aus Asien und alten Pärchen, die friedlich nebeneinander dösen. Es ist ja taghell. Schäre um Schäre zieht vorbei. Gletscher spiegeln sich im Wasser. Riesige Seeadler sitzen wie ausgestopft in den Bäumen am Meerstraßenrand. Auf Holzgestellen, man nennt sie Kathedralen der Arktis, trocknen Stockfische. Einmal gehe ich von Bord, um Huskys zu besuchen, Schlittenhunde, die sich im Sommer ausruhen und vermehren. Ich darf Welpen streicheln, leider nicht mitnehmen. In Tromsø zeigt das Museum wie Roald Amundsen sich ausstattete, bevor der Polarforscher Richtung Nordpol in der Barentssee verschwand. Ab hier wird die Landschaft zunehmend arktischer. Ich ziehe in den Panorama-Salon der MS Finnmarken um. Dort sitzt man wie in einem Raumschiff auf Expedition zu den Anfängen der Erde. Die Landschaft wird zunehmend karger, noch traumhafter. Manchmal ruft einer der anderen Passagiere »Delfine!« oder »Wale!« Meistens schweigen wir andächtig. Dabei ist es hell, hell, hell. Jetzt weiß ich, warum die Norweger rund um die Uhr Kaffee trinken: An Schlaf ist nicht zu denken. Das Licht bleibt mit jeder Menge Lux, leicht silbrig manchmal, unwirklich, aber es verschwindet nicht. Das Hirn schüttet begeistert Hormone aus: jede Menge Serotonin, das Glückshormon.

Als wir am sechsten Tag das Nordkap erreichen, reagiert mein Hormonhaushalt mit einer Art Dauerhigh auf die Sonnensause. Meine Aufzeichnungen sind krakelig. Ich fühle mich ständig so, als hätte ich eine Nacht durchgemacht, schaue auf die Uhr, um die Zeit darauf doch nicht zu glauben. Bei der Ankunft am Flughafen in Kirkenes, nahe der russischen Grenze, schwankt der Boden. Dass ich eine Woche lang kaum geschlafen habe, merke ich erst richtig, als ich zu Hause bin und die Sonne wieder untergeht. Das war mal ein langer Tag! Nach so viel Licht muss ich mich erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen. Im Kopf leuchtet es noch wochenlang nach. Aber jetzt kann ich verstehen, wie man sich als Norweger auf den langen Winter freuen kann: endlich ausschlafen, während höchstens grüne und lila Polarlichter über den Himmel tanzen, vielleicht ein Winterbaby zeugen, das dann wieder dem Sommer entgegendämmert. Am liebsten in der Koje eines Hurtigruten-Schiffs.


INFORMATIONEN

www.hurtigruten.de
7 Tage auf der Strecke Bergen–Kirkenes kosten je nach Boot, Kabine, Reisedauer und Reisezeit ab 935 Euro inkl. Vollpension. Die Schiffe fahren im Winter wie im Sommer.

(Foto von Nordlichtern: Getty)

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