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aus Heft 03/2013 Gesellschaft/Leben

Verstehen Sie Spaß?

Seite 2: Ist es wirklich immer noch lustig?

Tobias Haberl  Illustrationen: Andy Rementer


Da kommt der Quatsch Comedy Club – hochkorrekt von einem Schwulen moderiert – wie ein erlösendes Ventil daher: endlich ein Ort, an dem wir machen können, ja sollen, was wir sonst nicht dürfen, weil sich irgendjemand diskriminiert fühlen könnte, nämlich dicke Frauen eklig, türkische Proleten lächerlich und schwarze Putzmänner putzig finden. Oliver Pocher fragte letztes Jahr bei einem Auftritt in die vollbesetzte Berliner Max-Schmeling-Halle: »Was wäre Deutschland ohne Türken?« Die Antwort: »Sauber und sicher.« 8000 Zuschauer johlten, Menschen, die ganz sicher dafür sind, dass die NPD endlich verboten wird. Auch Ceylan stellt Vorurteile auf die Bühne: der Pole, der Autos klaut, der Libanese, der für eine Bombenstimmung sorgt, der Deutsche, der gern wandern geht und so klingt wie Adolf Hitler. »Aber«, findet er, »die Klischees werden gebrochen, indem die Leute drüber lachen.«

Die Frage ist, ob das stimmt: Ist es wirklich immer noch lustig, »die« statt »der« Westerwelle zu sagen? Und steckt nicht in jedem Gelächter immer auch die Erleichterung darüber, dass es einen nicht getroffen hat, ein kollektives Aufatmen, dass man nicht gemeint ist? 2007 erschien eine Studie zu den Humorformen in deutschen Comedysendungen. Das Ergebnis: 33 Prozent der Witze beinhalteten Aggressivität und Feindlichkeit. Immerhin 16 Prozent der Pointen zielten auf Ausländer, elf Prozent auf Schwule. Witze über Behinderte kamen nicht vor. »Was hast du eigentlich gegen Ausländer?«, wurde Bülent Ceylan mal nach einem Auftritt von einem achtjährigen Jungen gefragt. Es ist bekannt, dass in seinem Publikum nicht nur Erwachsene sitzen. Es ist diese »interkulturelle Verwirrung« (Taz), aus der nicht nur Thilo Sarrazin, sondern auch die Ethno-Comedians Kapital schlagen.

Natürlich haben Ceylan und Yanar das Türkenbild der Deutschen auch positiv geprägt. Allein die Tatsache, dass sie Erfolg haben, ist der Beweis dafür. Ein türkischstämmiger Komiker vor 40 000 Menschen in einem deutschen Stadion – vor zwanzig Jahren wäre so was nicht möglich gewesen. Das Thema Integration liegt beiden am Herzen, aber was sagt es aus, dass ein Comedian mit Migrationshintergrund offenbar nur dann erfolgreich sein kann, wenn er diesen ständig thematisiert? Der Dramatiker René Pollesch erkennt auf unseren Bühnen einen gefährlichen Kreislauf von Repräsentation und Reproduktion von Vorurteilen: »Im Theater werden schwarze Schauspieler fast immer als Zimmermädchen oder Sklaven eingesetzt. Einen schwarzen Hamlet, einen schwarzen König Lear, einen schwarzen Don Carlos findet man selten.« Dabei ist die Geschichte, die in den jeweiligen Stücken erzählt wird, auch ihre Geschichte. Das Problem ist die fixe Rollenzuschreibung: Der Schwule bleibt immer der Schwule. Der Schwarze der Schwarze. Die Dicke die Dicke. Und der Türke der Türke, selbst wenn er gar keiner ist. Man kann darin schon ein Problem sehen.

Bülent Ceylan spricht kein Türkisch. Er erwähnt das ständig, zum Beispiel wenn er erzählt, dass er die türkischen Leserbriefe nicht versteht, und überhaupt, er sei ja integriert. Der Migrationsforscher Thomas Faist sieht darin eine »problematische Distanzierung von der eigenen Gruppe«, also auch vom Türkenproll Hasan, der anschließend auf der Bühne mit Kamm und Goldkettchen karikiert wird. Streng genommen macht sich da also einer nicht über sich selbst lustig, sondern über die anderen, die weniger Integrierten, die, die nicht auf einer Bühne, sondern in Neukölln am U-Bahnhof stehen. Faist nennt das »Hierarchisierung innerhalb der Minderheitsgesellschaft« und erkennt in der deutschen Stand-up-Szene durchaus ein mehrheitsfähiges Biotop für Diskriminierung – genau wie im Fußball: »Nationalist sein ist verboten – außer im Fußballstadion.«

Andere Soziologen argumentieren genau umgekehrt: Gerade der perfekte Mannheimer Dialekt Ceylans trage dazu bei, seine Rollenklischees ironisch zu brechen, und überhaupt sei es doch ein schöner Moment geglückter Integration, wenn Türken und Deutsche in einer Halle sitzen und im gleichen Moment lachen. Aber wird jemand automatisch nicht diskriminiert, nur weil er sich nicht diskriminiert fühlt? Und ist es korrekt, jemanden zu diskriminieren, nur weil man es ironisch tut? Im Februar 2012 forderte der hessische Landesausländerbeirat eine öffentliche Entschuldigung vom Hessischen Rundfunk. Der hatte in seiner Sendung Frankfurt Helau die Witze einer als Türkin verkleideten deutschen Zahnärztin gesendet. Einer ging so: »Was heißt Babywindel auf Türkisch?« Antwort: »Gülle-Hülle.« Die Frage ist, ob der Gag an sich türkenfeindlich ist oder nur, weil er von einer Deutschen kommt.

Natürlich ist Witz eine Kulturtechnik, ein kontrolliertes Überschreiten von Grenzen mit dem Ziel, das Unsagbare diskutierbar zu machen. Wo Menschen lachen, wird immer mehr verhandelt als nur ein Gag. Es geht um Denkverbote, Toleranzgrenzen, Herrschaftsverhältnisse, Macht und Ohnmacht. Aber empirische Studien haben gezeigt, dass Menschen mehr über Witze lachen, je besser die Opfer des Witzes den eigenen Vorurteilen entsprechen. Ob es da sinnvoll ist, wenn ein Schwarzer einen schwarzen Klomann bei »McDonald’s« spielt, dessen beste Freunde ein paar Illegale und Hartz-IV-Empfänger sind? Oder Cindy aus Marzahn, bei der jede zweite Pointe darauf beruht, dass sie für irgendwas zu dick oder zu hässlich ist: für ein Kleid, für eine Sendung, für einen Mann. Es ist wie beim »Türk«, die Leute finden das lustig, immer wieder, es ist eine Art Leitmotiv, ein Running Gag geworden. Und natürlich kann man sich darüber freuen, dass eine übergewichtige Frau im Deutschland des 21. Jahrhunderts erfolgreich sein kann.

Man könnte aber auch sagen: Gerade weil sie Erfolg hat, ist sie der pinkfarbene Beweis dafür, dass übergewichtige, nicht attraktive Frauen in unserer Gesellschaft nach wie vor heftig diskriminiert werden. Sie ist lediglich der kalkulierte Tabubruch, die Ausnahme von der Regel, der es gelungen ist, aus ihrer Not eine Tugend zu machen. Gerade weil sie für eine Wetten, dass . . ?-Assistentin zu dick ist, hat sie die Stelle bekommen – als bestmögliche Karikatur von Michelle Hunziker. Dass sie ihre Rolle aus einer Position der Stärke heraus spielt, ändert nichts an der Mechanik. Im Dezember erschien ein Porträt über sie in der New York Times: »Mit ihrer lockigen, wasserstoffblonden Perücke und dick aufgetragenem pinkfarbenen Lidschatten« verkörpere sie die »schlimmsten Vorurteile über eine weibliche Sozialhilfeempfängerin aus Ost-Berlin«. Jetzt wissen sie also sogar an der amerikanischen Ostküste, wie eine Sozialhilfeempfängerin aus dem Osten aussieht.

Die Comedy-Bühnen mögen bunt dekoriert sein, die Inhalte, die dort zur Sprache kommen, sind oft gefährlich verallgemeinernd, undifferenziert und diskriminierend. Die Atmosphäre ist eher unfein, laut und grell – ein bisschen wie Ingo Appelt. Der lässt in einem Sketch einen Türken zu sich sagen: »Hey, du hast meine Mutter gefickt.« Darauf Appelt: »Ja, doch, ich erinnere mich, war das so eine kleine Dicke mit Kopftuch?« Was hier fehlt, ist eine Wärme, auch eine Sympathie für das, worüber man sich lustig macht. Die innere Haltung trägt extrem dazu bei, ob ein Witz als diskriminierend oder integrativ zu bewerten ist. Auch der türkischstämmige Kabarettist Serdar Somuncu sagte vor einem Jahr mal in einem Interview, »dass einige nicht mehr unterscheiden können, ob ich ihr Ressentiment bestätige oder unterwandere«. Er hat sich inzwischen von seinen Stand-up-Kollegen distanziert – mit einem Rap-Song, Titel: Comedy. Eine Textstelle geht so: »Im Grunde genommen ist das Lustigsein/ ein Job wie jeder andere auch/ du machst dich nur klein (…) Wenigstens hab ich ihnen die Wahrheit gesagt/ hab Kanaken gespielt und auf Durchbruch gezielt/ hab den Ausländer gegeben/ alle dachten, es wär Leben.«
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