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aus Heft 03/2013 Theater

Die Pause entfällt

Gabriela Herpell  Fotos: Gianni Occhipinti

Karin Beier ist Mutter, Ehefrau und die gefragteste Theaterintendantin Deutschlands. Im Sommer übernimmt sie das Hamburger Schauspielhaus. Begegnung mit einem Kraftpaket, das an seine Grenzen stößt.



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Das Karin Beier will: so viele Leben wie möglich führen, gleichzeitig.

Der Preis, den sie zahlt: Sie rennt gegen die Uhr. Sie ist, wie sie nicht sein möchte. Am Anschlag. »Ich bin unfreundlich, ungeduldig, auf der Straße, beim Bäcker. So:«, sagt sie und knurrt wie ein Hund. »Jede rote Ampel ist eine Bedrohung für mein Timing. Das ist als Lebenszustand katastrophal.«

Hamburg, im November 2012. Im Laufen trägt Karin Beier einen Kaffeebecher aus Keramik vor sich her. Der Kaffee schwappt fast aus der Tasse heraus. Keine Ahnung, wie sie es schafft, daraus zu trinken. Eigentlich hat sie immer einen Kaffee in der Hand, sagt sie, im Theater, zu Hause, unterwegs wie jetzt in Hamburg. Nur nicht, wenn sie ihre Tochter morgens mit dem Rad zur Schule bringt.

Den leeren Becher räumt sie in ihren kleinen schwarzen Lederrucksack. Weiter geht’s im Sauseschritt, der Becher auf dem Rücken scheppert den Takt dazu.

Karin Beier, 47, verheiratet (erstes Leben), eine Tochter (zweites Leben), ist seit fast sechs Jahren Intendantin des Kölner Schauspiels (drittes Leben) und hat dabei alle Preise abgeräumt, die im Theater-Ranking zählen: Sie wurde mehrfach als erfolgreichste Intendantin und als erfolgreichste Regisseurin des deutschsprachigen Theaters gefeiert. In dieser Zeit hat sie auch ihre Tochter bekommen und aufgezogen. Und die ersten sechs Jahre mit Kind sind nicht die entspanntesten für eine Mutter.

Im Sommer 2013 übernimmt Karin Beier die Intendanz des Schauspielhauses in Hamburg. Und wie man hört, wünschen sich die besten Schauspieler aus Deutschland mit Engagements an den besten deutschen Bühnen bei den besten Intendanten, sie würde sie zu sich ins neue Ensemble holen. Es wird spannend bei Karin Beier in Hamburg, das will niemand verpassen.

Die Leitung eines Theaters übernimmt man nicht am ersten offiziellen Arbeitstag zu Beginn der neuen Spielzeit. Denn da ist bereits Premiere des Stückes, mit dem man sich und sein Ensemble präsentiert. Und da steht bereits ein großer Teil des Spielplans, mit dem man seine Themen setzt. Also steckt Karin Beier, die noch das Kölner Schauspiel leitet, schon mitten in den Vorbereitungen für den neuen Job. Mitten in einem vierten Leben, wenn man so will.

Sie hatte sich fest vorgenommen, in Hamburg jeden Tag zu Fuß zum Theater zu gehen, an der Alster entlang. Ganz in Ruhe. Sie hat es nicht gemacht. Sie ist mit dem Auto gefahren und ein einziges Mal mit dem Fahrrad, total eilig natürlich. »So«, sagt sie, faucht: »Platz da!« und tut so, als würde sie mit beiden Armen Hindernisse aus dem Weg schieben.

Sie kann fauchen. Und sie kann über sich selbst lachen, ein ausgelassenes Rheinländerlachen. »Alle waren im Weg. Das war das Gegenteil von dem, was ich wollte. Aber bis zum Sommer krieg ich das in den Griff.« Pause. »Ist irgendwie ein Frauending, dieses Planen, oder? Dass man sich was vornimmt. Und wenn man es dann nicht schafft, das einzuhalten, ist man unzufrieden. So will ich nicht sein. So macht das Leben einfach keinen Spaß.«

Bis eben war der Schauspieler Markus John bei ihr in der Wohnung, um über ein Stück zu sprechen, das sie das Brasilien-Projekt nennen, eine von drei großen Baustellen. Karin Beier, riesige, fiebrig glänzende blaue Augen unter schmal gezupften Brauen im blassen Gesicht, hat gesagt, dass sie endlich wissen muss, wohin es geht, sonst dreht sie durch.

Er hat widersprochen: »Wir haben doch schon so oft ohne Text angefangen.«

Sie hat gelacht. »Ich brauche doch keinen fertigen Text zum Probenbeginn! Aber ich hab noch nichts. Ist es ein Monolog? Gibt es Wechsel, Szenen? Ich muss eine Struktur vor mir sehen.«

Struktur: Das ist eins ihrer Lieblingswörter. Und wenn man Leute fragt, die sie gut kennen, sagen die meisten als Erstes einen Satz wie diesen: »Sie ist unglaublich strukturiert.«

Am liebsten würde sie mit den Schauspielern eine Minitestphase machen, hat sie zu Markus John gesagt und versucht, mit ihm einen gemeinsamen Termin zu finden zwischen Proben und Premieren, Treffen mit dem Bühnenbildner, Treffen mit der Dramaturgin. Und dem ganz normalen Intendanten-Alltag in Köln: Mappen durchgehen und unterschreiben; Konferenz mit den Abteilungen Ton, Licht, Technik, Betriebsbüro; kurze Dramaturgiesitzung; Öffentlichkeitssitzung; Endproben; Abendessen, beruflich natürlich.

Oft fliegt sie am Morgen nach einem langen Arbeitstag in Köln nach Hamburg, um ihre Tochter von der Schule abzuholen. Mittags fliegen die beiden zusammen zurück nach Köln, weil am Wochenende eine Premiere ist. Oder sonst was Wichtiges. Und weil auch der Schauspieler Michael Wittenborn, ihr Ehemann und der Vater der Tochter, noch in Köln lebt und arbeitet.

Die beiden haben sich 1994 am Hamburger Schauspielhaus kennengelernt. Das erste Gespräch verlief nicht harmonisch, dann flirteten sie heftig und wurden ein Paar. »Karin hat einen Ehrenkodex: sich nicht gehen zu lassen«, sagt er über sie. »Very british – ihre Mutter ist ja Londonerin. Das ist ein großer Unterschied zwischen uns: als Schauspieler lebe ich ja gewissermaßen davon, mich gehen zu lassen; sie will oder muss die starke Auffangstation all dieser sich gehen lassenden Egos um sich herum sein.«

Karin Beier hat ihre Tochter in Hamburg eingeschult, damit sie nicht nach einem Jahr die Schule wechseln muss. Bis zum nächsten Sommer, wenn ihr Mann mit einem Teil des Kölner Ensembles auch nach Hamburg übersiedelt, ist sie quasi alleinerziehend. Sie findet Schule »echt Mist«, weil sie so früh aufstehen und auch früh ins Bett gehen muss, »um halb zwölf, das ist für einen Theatermenschen ja keine Zeit.« Alles machbar, sagt sie.

Aber mit den zwei Theatern stößt sie an ihre Grenzen. Zwar braucht sie ein gewisses Maß an Überforderung, vor allem in künstlerischen Prozessen. »Es ist hilfreich«, sagt sie, »sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die sich einem nicht sofort erschließen.« Nicht hilfreich ist es, an so viele Sachen gleichzeitig denken zu müssen. Durch das Übermaß an Arbeit zurzeit macht sie dicht. Schottet sich ab von Dingen, die sie mitkriegen müsste. Die Hamburger Lokalpolitik, zum Beispiel. »Ich muss aufpassen. Das wäre tödlich, als Theatermensch im Kokon zu sein.«

Theater, so wie Karin Beier es versteht, ist Mitmischen. Eine Haltung haben. Verantwortung übernehmen. »Man geht ins Theater, um emotional berührt und intellektuell wachgeküsst zu werden«, sagt sie. »Das Publikum erreicht man, indem man es auf Augenhöhe anspricht. Die Zuschauer können intellektuell genauso viel aushalten wie ich.«

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Als Gabriela Herpell Karin Beier nach Lieblingskneipen fragte, musste die passen. Weil es stimmt, was alle denken: dass Theatermenschen wirklich immer in der Kantine sitzen, beim berühmten Absacker. Oder bei fünf Absackern. Um die Probe zu besprechen, gemeinsam Ängste abzubauen und »den Feind klein zu halten«.  

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