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aus Heft 04/2013 Gesundheit 3 Kommentare

Das falsche Signal

Seite 2: Wenn man von allen so behandelt wird, als ob man bald sterben müsse, glaubt man das irgendwann auch

Von Werner Bartens  Fotos: Markus Burke




Nach der Einnahme von Medikamenten leiden Patienten - je nachdem, was auf dem Beipackzettel steht - verstärkt unter unerwünschten Nebenwirkungen wie trockenem Mund, Hautausschlag, Müdigkeit, Sehstörungen, Verstopfung.

Was ihre Prognosen anrichten können und dass sie auf manche Patienten wie eine furchtbare Verwünschung wirken, ist Ärzten häufig nicht bewusst und es geschieht in den meisten Fällen auch nicht absichtlich. Dem Amerikaner Sam Shoeman etwa wurde in den Siebzigerjahren ein fortgeschrittener Leberkrebs im Endstadium diagnostiziert. Shoeman, seine Familie und auch seine Ärzte glaubten, dass er nur noch wenige Monate zu leben hatte. Und tatsächlich starb er einige Wochen später.

Als der Leichnam untersucht wurde, wunderten sich die Ärzte allerdings: Der Tumor war mit drei Zentimetern Durchmesser ziemlich klein geblieben, hatte keine anderen Organe infiltriert und auch keine Metastasen gebildet, wie die Autopsie ergab. »Der Mann starb nicht an Krebs, sondern daran, dass er glaubte, an Krebs zu sterben«, sagt Meador. »Wenn man von allen so behandelt wird, als ob man bald sterben müsse, glaubt man das irgendwann auch. Alles im Leben dreht sich dann nur noch um das Sterben.« Meador findet daran nichts Mystisches, auch wenn er die Verwunderung darüber nachvollziehen kann, dass symbolische Handlungen, Vorstellungen oder Worte eine bisweilen sogar tödliche Kraft entfalten. »Das fordert das mechanistisch geprägte Bild heraus, das viele Ärzte von ihren Patienten haben.«

Der Frankfurter Chirurg Bernd Hontschik zählt zu den seltenen Medizinern, die das duale Weltbild von Ursache und Wirkung anzweifeln. »Wir Ärzte erleben doch jeden Tag, dass eine Behandlung oder eine ärztliche Diagnose praktisch bei jedem Menschen andere Folgen hat.« Er tritt dafür ein, die Psychosomatik in jede ärztliche Fachrichtung zu integrieren. »Je nachdem, welche Bedeutung der Patient der Therapie oder dem Wort des Arztes beimisst, kann eine ärztliche Handlung entsetzlich sein oder aber auch wunderbar wirken. Lebewesen funktionieren nicht wie Maschinen, hier gibt es neben Ursache und Wirkung mindestens noch die Ebene der Bedeutungserteilung.« So verbinde der eine Patient mit einer Chemotherapie eine helle, stärkende Kraft, die ihn heilt. Der andere denkt, dass er durch die Behandlung vergiftet wird, und erteilt allem, was der Doktor anstellt, eine negative Bedeutung. Für einen Arzt gehöre die Kenntnis der physikalischen und chemischen Wirkung einer Therapie zwar zur Grundausrüstung. »Ärztliche Kunst besteht aber darin, die Bedeutungserteilung durch den Patienten zu kennen und zu nutzen – alles andere kann auch ein Handwerker«, sagt Hontschik.

Seit geraumer Zeit versuchen Placebo-Forscher, den Geist oder zumindest seine Auswirkungen materiell fassbar zu machen. Sie haben entdeckt, dass, egal ob nur eine schmerzlindernde Wirkung erwartet wird oder tatsächlich ein schmerzstillendes Medikament verabreicht wird, dieselben Rezeptoren im Gehirn von Patienten angesprochen werden. Neuerdings widmen sie sich in ihrer Forschung auch der Kraft negativer Gedanken, die ebenfalls messbare Spuren im Gehirn hinterlassen. Zum Beispiel dämpfen sie das Dopamin-System im Gehirn, hat Jon-Kar Zubieta von der University of Michigan in Ann Arbor beobachtet. Dopamin gilt als das Glückshormon, das euphorische Gefühle vermittelt. Fabrizio Benedetti von der Universität Turin entdeckte, dass die Schmerzerwartung im Gehirn über einen Botenstoff geregelt wird, er heißt Choleszystokinin. Blockierten die Forscher pharmakologisch diese Substanz, tat es den Probanden sogleich weniger weh.

»Der Schaden durch Nocebos geht in die Milliarden«, sagt Manfred Schedlowski, Psychologe an der Universität Essen. »Viele Menschen nehmen ihre Medikamente aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen nicht ein – Ärzte müssten viel besser darüber aufklären.« Schedlowski ärgert sich, dass kaum ein Mediziner seinen Patienten die beruhigende Wahrheit sagt: Die Pharmafirmen sind aufgrund immer strengerer Sicherheitsbestimmungen verpflichtet, jede Nebenwirkung, die jemals irgendwo aufgetreten ist, in Beipackzetteln aufzulisten, und sei sie noch so selten. Die möglichen Schäden lesen sich dann selbst bei den harmlosesten Medikamenten wie eine Horrorliste – »auch wenn es wahrscheinlicher ist, vom Blitz getroffen zu werden als diese Nebenwirkung zu erleiden«, so Schedlowski.

Kaum zuträglicher für die Genesung von Patienten ist deren Gefühl, zu billig behandelt zu werden. In einer Studie wurden Probanden mit ein und demselben Medikament behandelt, erhielten aber unterschiedliche Angaben über den Preis des Mittels. 85 Prozent der Teilnehmer, die ein angeblich teureres Medikament bekamen, berichteten daraufhin von nachlassenden Schmerzen; in der Gruppe mit dem vermeintlich im Preis herabgesetzten Mittel waren es nur 61 Prozent. Diese Haltung kennen Ärzte auch aus der täglichen Praxis. So bevorzugen viele Patienten rezeptpflichtige teure Schmerzmittel gegenüber rezeptfreien billigen. Viele Patienten klagen auch darüber, dass preisgünstige Generika bei ihnen nicht so gut wirken wie das teure Original – obwohl der Wirkstoff des Nachahmermittels chemisch absolut identisch ist mit dem des Ursprungspräparats. Der Essener Placeboforscher Manfred Schedlowski fordert daher, Patienten eingehender an der Therapie zu beteiligen. »Ärzte sollten sich mehr Zeit nehmen und Patienten erklären, dass diese Mittel genauso gut wirken wie die teuren, statt ihnen nur zu sagen: Die Krankenkasse bezahlt die anderen nicht mehr.«

Der amerikanische Psychologe Dan Ariely bemängelt, die meisten Ärzte säßen dem Glauben auf, »dass es die Arznei an sich ist und nicht ihre Begeisterung für ein bestimmtes Medikament, die eine Therapie wirksam macht. Wir sollten uns wirklich Gedanken über die Feinheiten der Interaktion zwischen Arzt und Patient machen.«

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Kommentare

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  • Georg Schmidt (0) heute machen das die Arzt TV Runde, es ist erwiesen, dass, wenn am Abend eine dieser Ärzte talkschows läuft, am nächsten tag jede Menge kranke Menschen in den Praxen sind, den Rest übernehmen heute die Internetforen, also ich habe so ein Forum einige Zeit besucht, bin aber ausgestiegen, weil ich die Kommentare oft sehr anstrengend fand, wenn Laien über Behandlungen und Krankheiten diskuttieren, ist das manchmal extrem belastend!
  • Ekkehard Durst (1) Könntet ihr beim nächsten Artikel über ein Medizinthema bitte ein Fotomodell nehmen, das nicht schwerst untergewichtig aussieht? Es geht ja schließlich nicht um Dr. Mengele ... DANKE
  • Klaus Protz (1) "Der Mensch glaubt das, was er glauben will"
    Einem Patienten mit einer tatsächlichen Haselnuss-Allergie wird bei diffusen Verdauungsbeschwerden gesagt, dass das auch Folgen einer Allergie sein könnten. Inzwischen meint er nun, wirklich, allergisch gegenüber Weizenmehl, Tomaten, Paprika, Blumenkohl u.v.m. zu sein. Er ist Privatpatient und so wird er von seinem Arzt in diesem Glauben unterstützt.
    "Mein liebster Patient ist ein gesunder Dauerpatient."
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