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aus Heft 05/2013 Essen & Trinken

Was tun gegen den hier?

Peter Praschl  Illustrationen: Martin Nicolausson

Für jedes Leiden findet die Wissenschaft ein Mittel - nur nicht für den Kater. Aber überall auf der Welt wird danach gesucht. Vom Kampf gegen das Tief nach dem Rausch.



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Es pocht der Kopf, es sticht das Licht, es pelzt der Mund, es rollt der Magen. Der Kater ist ein Elend, bei dem einem niemand hilft, die Wissenschaft schon gar nicht. Sie hat den Oralverkehr bei Fruchtfledermäusen erforscht und nachgewiesen, dass Schimpansen einander auch an Fotos ihrer Hinterteile erkennen können, sie hat Menschen auf den Mond geschossen und gesund wieder nach Hause gebracht, aber sie gibt ihnen kein Mittel gegen das alkoholische Post-Intoxikations-Syndrom. Warum auch? Der Kater geht von selbst vorbei, da soll der Säufer durch und zweitens dabei lernen, dass er nicht so viel saufen soll, der blöde Hund.

Bis heute hat die Forschung die Ursachen des Katers nicht restlos ermitteln können. Zwei Hauptschulen stehen einander gegenüber. Die Methanol-Theoretiker behaupten, das Schädelbrummen werde vor allem von den Begleitgiften und Fuselstoffen im Alkohol ausgelöst, die der menschliche Organismus schwer verkrafte. Deswegen ist Weißwein bekömmlicher als der Rote, sind Wodkasäufer unverkaterter als Whiskeyfreunde, Billigtrinker gefährdeter als die Privilegierten, die sich guten Stoff leisten können. Die Äthanol-Fraktion dagegen vertritt die Auffassung, es sei das Acetaldehyd, das den Morgen danach so unangenehm macht, eine giftige Substanz, die beim Alkoholabbau durch die Leber entsteht und bei zu großer Betankung hochkonzentriert durch die Blutbahn schießt, ehe die Leber sie in einem zweiten Arbeitsgang in harmlose Essigsäure verwandelt. Man kann es auch so ausdrücken: Erst holt man sich eine Alkoholvergiftung, dann vergiftet sich der Körper beim Entgiften ein zweites Mal; offensichtlich verträgt der Mensch weder den Rausch noch die Ernüchterung. Ein dritter Erklärungsansatz wird seit Langem von der Wissenschaft zurückgewiesen, ohne dass es sich zu allen Trinkern durchgesprochen hätte: Kater sei nichts anderes als Alkoholentzugsschmerz, weswegen man ihn mit Konterbieren, Bloody Marys und anderen Reparatur-Drinks therapieren könne.

Warum der Mensch Alkohol so unbefriedigend verkraftet, ist eine Frage, die immer noch ins Spekulative führt. Es muss etwas mit unserem evolutionären Erbe zu tun haben. Die Organismen von Fleischfressern sind auf die Verarbeitung von Alkohol nicht eingerichtet, Pflanzenfresser dagegen, bei ihrer Nahrungssuche eher mit vergorenen Früchten und folglich mit Alkohol konfrontiert, haben im Verlauf der Naturgeschichte Stoffwechselstrategien entwickelt, um dessen Gifte abzubauen. Dabei sind Vögel besonders effizient (allerdings nur, wenn es sich um Frucht- und Beerenfresser handelt), selbst mit 3,1 Promille gelingt ihnen immer noch das Fliegen. Ein Star mit dem Körpergewicht eines Menschen, so hat der Ornithologe Roland Prinzinger ermittelt, könnte jede einzelne Minute ein Glas Wein kippen, ohne davon betrunken zu werden – so bewundernswert viel schafft seine Leber weg. Der amerikanische Evolutionsbiologe Neil Shubin übrigens macht für den Drehschwindel von Verkaterten die Fischnatur verantwortlich, die immer noch im Menschen steckt: Das Karussellgefühl im Kopf stellt sich ein, sobald das Äthanol über die Blutbahn das Gleichgewichtsorgan im Innenohr erreicht, ein evolutionäres Erbe jenes Organs, mit dem Fische Strömungsbewegungen im Wasser feststellen.

Mag die Wissenschaft über alle Ursachen des Katzenjammers immer noch im Dunklen tappen, kann sie doch Auskunft über das subtile Zusammenspiel der mit ihm verbundenen Qualen geben. Der trockene Mund beim Erwachen: dem Umstand geschuldet, dass Alkohol entwässert. Bei seinem Konsum wird die Ausschüttung eines antidiuretischen Hormons namens Vasopressin gehemmt, der Trinker muss öfter raus, das fehlt ihm am Tag danach. Das Schädelweh: durch Gefäßverengungen verursacht, auch sie eine Folge der Entwässerung. Die Übelkeit beruht auf der vermehrten Produktion von Magensäure, die die Magenschleimhaut reizt. Und dass sich die Knie wie Pudding anfühlen, liegt daran, dass beim übermäßigen Pinkeln auch Elektrolyte und Glucose den Trinkerkörper verlassen haben. Ein Spaß ist das nicht.

Mit vernünftigen Argumenten lässt sich kaum begründen, dass die Forschung so wenig Bereitschaft zeigt, ein wirksames Medikament gegen all das zu entwickeln. Erstens könnte man mit einer wirksamen Anti-Kater-Pille vermutlich noch größere Gewinne machen als mit Viagra. Zweitens lässt sich schwerlich leugnen, dass für den Kater nicht nur der Trinker, sondern oft genug die Gesellschaft büßen muss. Katerinduzierte Arbeitsunfälle und Fehlzeiten durch Eintagesgrippe verursachen enormen volkswirtschaftlichen Schaden. Finnland etwa mit seiner Bevölkerung von fünf Millionen Menschen verzeichnet jährlich eine Million Fehltage durch Kater, und eine amerikanische Studie aus dem Jahr 1998 berechnete den Schaden durch Blaumachen und schlechte Arbeitsleistung nach trunkenen Nächten auf 148 Milliarden Dollar pro Jahr. Doch solange den Menschen beim Nüchternwerden nicht wirksam geholfen wird, werden viele von ihnen sich mit dickem Kopf ins Büro schleppen und dort jede Menge Fehler machen. Oder sich in ein Flugzeugcockpit setzen, mit signifikant verschlechterten Reaktionszeiten, obwohl die Promillewerte längst schon wieder legal sind.

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Peter Praschl weiß auch nicht, wie man einen ausgewachsenen Kater verscheucht, aber immerhin, wie man sich über ihn amüsieren kann: Die beiden Hangover-Filme (als DVD erhältlich) sind ein großer Spaß, dem man auch lädiert folgen kann. Und Kingsley Amis’ schmales Buch Anständig trinken (Rogner & Bernhard) sorgt für viele schöne Erleuchtungen - zum Beispiel, dass Kafka in seiner Verwandlung einen Kater beschrieben hat.

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