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aus Heft 07/2013 Gesundheit

Klinik unter Palmen

Lara Fritzsche  Fotos: Ed Kashi

Deutsche Familien lassen demente Angehörige im Ausland betreuen. Weil es günstiger ist. Aber ist es auch in Ordnung? Ein Heimbesuch in Thailand.



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Es ist nur ein kurzes Memo, das sie sich selbst hinterlassen hat. Woran sie sich jeden Morgen erinnern will, das hat sie auf dieses Blatt Papier geschrieben, in krakeliger Schrift, mit farbigen Stiften, und es dann mit Tesafilm an den Kleiderschrank geklebt, der direkt gegenüber von ihrem Bett steht. Wenn Elisabeth morgens aufwacht, die Augen öffnet und sich mühsam aufsetzt, dann schaut sie unweigerlich darauf. Sie bräuchte eigentlich so viel mehr Platz, als dieses Blatt Papier bietet, um aufzuschreiben, was los ist, wer sie ist und warum sie hier in diesem fremden Zimmer aufwacht. Aber das Blatt ist zu klein. Daher hat sie sich auf das Nötigste beschränkt: »Ich bin in Thailand. Dies ist eine Alzheimer-Einrichtung.«

An diesem Sonntag im Dezember ist es die Pflegerin La, die neben ihr aufwacht. Auf einer dünnen Matratze, die tagsüber gerollt im Schrank aufbewahrt wird, hat die 27-Jährige die ganze Nacht vor Elisabeths Bett auf dem Boden verbracht. Sie beantwortet heute die ersten Fragen. Die beiden sprechen Englisch miteinander.

»Mit wem bin ich hier?«
»Allein.«
»Wie lange bin ich schon hier?«
»Seit fast vier Jahren.«
»Wann geht es zurück nach Hause?«
»Gar nicht.«
»Muss ich hier sterben?«
Ihre Betreuerin La lügt grundsätzlich nicht, deshalb sagt sie: »Ja.«

Elisabeth nickt dann meistens einsichtig. Sie ist 90 Jahre alt, für lange Diskussionen über vollendete Tatsachen hat sie keine Zeit mehr. Sie steht auf und guckt sich um. Vor ihrem kleinen Fenster ist ein Spielplatz. An dem rostigen Klettergerüst hängen nasse T-Shirts und Hosen an Kleiderbügeln zum Trocknen in der Sonne. Der Rasen unter dem Spielgerät ist verdorrt. Die Luft ist warm. Elisabeth will mehr sehen, noch im Schlafanzug greift sie nach ihrer kleinen schwarzen Handtasche, hängt sie sich um und geht durch den Flur hinaus auf die Terrasse. Links steht ein Gartentisch mit Stühlen, eine ältere Frau sitzt hier und lächelt selig ins Nichts. Mopeds knattern, viele, gar nicht so weit weg. Es riecht nach gebratenem Hühnchen, Sojasauce und geröstetem Knoblauch. Elisabeth wendet sich nach rechts: In ihrem Vorgarten steht eine Palme. Sie fasst sich an den Kopf, als wolle sie sich versichern, dass wenigstens der noch dort ist, wo sie ihn erwartet. Mit drei routinierten Handbewegungen richtet sie sich ihre kurzen weißen Locken, dann geht sie zum Briefkasten und kehrt mit der Bangkok Post zurück ins Haus. Dies ist jetzt ihr Leben.

Hier in Thailand ist betreutes Wohnen für Demenzkranke mit individueller Betreuung rund um die Uhr bezahlbar. Dort, wo die Kranken herkommen, aus Deutschland und der Schweiz, ist es das nicht. Eine Frau wie Elisabeth beispielsweise bekäme von einer deutschen Versicherung – und das auch erst seit Anfang des Jahres – 120 Euro Pflegegeld im Monat. Den Rest müssen die Angehörigen aufbringen, sofern kein Vermögen da ist. Und selbst wenn sich Elisabeths körperliche Fähigkeiten so verschlechtern würden, dass sie sich nicht mehr anziehen könnte, nicht mehr selbst den Löffel halten oder allein auf die Toilette gehen könnte, läge der monatliche Höchstsatz bei 700 Euro. Auch damit kommt man nicht allzu weit.

Wer einen dementen Angehörigen rund um die Uhr gepflegt, betreut und gefördert wissen will – und zwar legal –, der zahlt in Deutschland mindestens 2500 Euro im Monat. Eine deutsche Pflegekraft, die mit dem Pflegefall in dessen Wohnung lebt und medizinisch geschult ist, kostet schnell doppelt so viel. Miete und die Lebenshaltungskosten für Patient und Betreuungskraft sind da noch nicht mit eingerechnet. Kaum bezahlbar.

Vor zehn Jahren war Martin Woodtli der Erste, dem das auffiel. Seitdem führt der Schweizer das Alzheimerzentrum Baan Kamlangchay in Chiang Mai im Norden Thai-lands. Angefangen hat es mit einem Haus, einer Patientin und drei Pflegerinnen, inzwischen sind es sieben Häuser, zwölf Patienten und Patientinnen, 36 Pflegekräfte, zwei Putzfrauen und ein Koch. 2700 Euro bezahlen die Angehörigen für ihren Pflegefall pro Monat für Wohnen, Essen, Pflege. Hinzu kommen nur noch die individuellen Extras: Wenn die Patienten noch so mobil sind wie Elisabeth, sind das ein wöchentlicher Friseurbesuch, mal ein Abendessen im Restaurant oder eins der bunten Halstücher, die sonntags immer nach dem Gottesdienst verkauft werden. Wenn die Patienten nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen und kaum noch alleine aufrecht sitzen können, dann sind es Windeln, Medikamente oder besondere Matratzen, auf denen man sich nicht so leicht wund liegt. Und natürlich die Anreise nach Thailand und die Rückführung des Leichnams. Dazwischen hat man keine Arbeit mit seinen Angehörigen, wenn man es nicht will. Das machen alles die Pflegerinnen. Jeder im Heim wird von drei jungen Frauen betreut, die sich abwechseln, 24 Stunden, an jedem Tag der Woche.

Es ist morgens um neun in Chiang Mais Stadtviertel Faham. Zeit fürs Frühstück. Die Frau, die eben noch auf der Terrasse lächelnd ins Nichts geblickt hat, ist inzwischen aufgestanden. Sie steht in der Einfahrt an der Hand ihrer thailändischen Pflegerin, die ihr zum Schutz vor der Sonne einen aufgespannten Regenschirm über den Kopf hält. Elisabeth trödelt noch im Bad herum, aber gleich werden sie und ihre Pflegerin sich genauso auf-stellen: nebeneinander, unter einem Schirm, Hand in Hand. Es ist ein anrührendes Bild, das sich da mehrmals am Tag bietet, wenn alle Patienten mit ihren Pflegerinnen losziehen: eine Parade aus gebräunten Weißhaarigen, die konzentriert einen Schritt nach dem anderen tun in ihren Trekkingsandalen mit Klettverschluss, und schwarzhaarigen jungen Frauen, die lachen und wild durcheinanderquatschen, aber in ihren Flipflops gewissenhaft das Lauftempo der Patienten übernehmen. Der Weg führt von den Wohnhäusern, in denen immer zwei Patienten zusammen betreut werden, zum Haus von Martin Woodtli. In dessen Vorgarten steht ein Pavillon, in dem gemeinsam gefrühstückt und zu Mittag gegessen wird.

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Lara Fritzsche wurde von den thailändischen Pflegerinnen ausgelacht, weil sie noch nicht verheiratet ist. Am nächsten Tag zeigte eine ein Foto von ihrem Bruder her, einem schmächtigen 22-Jährigen - sie kenne keinen Älteren, der noch frei sei.

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