Anzeige

aus Heft 08/2013 Mode Noch keine Kommentare

Die Stadt, der stille Star

Inspiration? Die suchen viele woanders. Aber dann landen sie doch alle hier: Denn Mailand ist der Ort, an dem aus Ideen Wirklichkeit wird.

Von Tim Blanks 




In Mailand arbeiten alle in der Modebranche oder reden darüber«, sagt die Gucci-Designerin Frida Giannini. »Deswegen muss ich alle zwei Wochen raus. Hin und wieder will ich auch noch Menschen treffen, die nichts mit meinem Beruf zu tun haben.«

Giannini hat in Rom, London und Florenz gelebt, ehe sie nach Mailand zog. »Florenz, das sind für mich die Uffizien, die Renaissance. Ich bin glücklich, sechs Jahre in so einer Umgebung gelebt zu haben, aber die Stadt ist einfach zu klein für mich. In Rom sind die Menschen freier, fröhlicher, lockerer. Sie haben eine künstlerische Ader. Die Frauen ziehen sich kreativer an, nicht immer so stylish, so Montenapoleone« – eine Anspielung auf eine Straße in Mailands berühmtem Quadrilatero d’Oro, dem Goldenen Viertel mit einer der weltweit höchsten Konzentrationen von Designer-Boutiquen. »Außerdem ist in Rom immer etwas los. Man fühlt sich nicht alleine. In Mailand dagegen werden um acht Uhr abends die Bürgersteige hochgeklappt.«

Es stimmt: Rom hat die chaotische Pracht einer imperialen Stadt, in Florenz kann man der Renaissance nahekommen, Venedig ist getränkt von melancholischer Romantik. Gegen das Arsenal dieser Waffen scheint Mailand einen schweren Stand zu haben. Und dennoch hat mich die Stadt in den dreißig Jahren, in denen ich regelmäßig hierherkomme, verführt – so sehr, dass ich nichts mehr übrig habe für das ewige Gejammere der Modemenschen. Zu deren Lieblingsbeschäftigungen gehört ohnehin, sich über die Orte zu beschweren, an denen sie ihrem Beruf nachgehen. New York, sagen sie, sei modisch reizlos, London viel zu teuer und Paris, nun ja, französisch. Den größten Missmut aber bekommt Mailand ab, als ob es dort so viel mehr zu bemäkeln gäbe als in anderen Metropolen. Kaum dass sie gelandet sind, zählen sie schon die Stunden, bis sie wieder weg dürfen. Mailand sei so grau, sagen sie immer. Richtig, Mailand ist eine sehr steinerne Stadt – aber langweilig, wie der Ausdruck zu implizieren scheint, ist es hier nicht.

Denn das Grau Mailands ist eine schimmernde Farbe, wie das Seidenfutter in einem Anzug von Ermenegildo Zegna oder der Morgennebel über der Piazza del Duomo. Grau ist eine Farbe, die sehr raffiniert Aufmerksamkeit erheischt, eine Farbe voller Geheimnisse. Auf den ersten Blick lässt sie die Stadt reserviert, geradezu verschlossen wirken. Doch hinter ihren Fassaden liegen prächtige Innenhöfe und exquisite Gärten, von denen viele zu privaten Palazzi gehören. Kürzlich sah ich durch eine Hecke etwas Pinkfarbenes aufblitzen und traute meinen Augen kaum, als ich einen Schwarm Flamingos entdeckte, die sich in der Kälte aneinanderschmiegten.

Ähnlich ergeht es mir mit dem Rasenrechteck im Innenhof jenes brutalistischen Hauptquartiers, das der japanische Star-Architekt Tadao Ando für Giorgio
Armani entworfen hat: schroffer, dunkel polierter Beton, der das Gras, das er umschließt, wie den letzten grünen Flecken auf Erden wirken lässt. Oder mit dem Innenhof von »10 Corso Como«, einem Gartencafé mit Art-Nouveau-Anmutung. Es ist das Herz von Carla Sozzanis außergewöhnlichem Concept Store, dessen Grundidee – nämlich eine sorgfältig kuratierte Shopping-Umgebung zu schaffen – sich von hier über die ganze Welt ausgebreitet hat. Neben dem Café gibt es einen Mode- und Designstore, ein Restaurant, eine Galerie und einen Buchladen, in dem ich vor Erfindung des Internets fast alle literarischen, musikalischen oder visuellen Raritäten finden konnte, nach denen mir je der Sinn stand.

Das Gemeinsame dieser beiden Orte: Sie drängen sich dem Mailand-Besucher nicht auf, sondern liegen im Verborgenen. Und sie verkörpern Extreme. Das ist noch so eine Sache, auf die Grau sich gut versteht – es ist eine Farbe, die Extreme überbrücken kann. In Mailand kann man die Zukunft kennenlernen, jedenfalls, wie sie sich für die Welt der Designer darstellt, sich aber auch in der Vergangenheit suhlen. Während einer
Fashion Week war ich beispielsweise einmal zu einer Party eingeladen, die in Leonardo da Vincis ehemaligem Wohnhaus stattfand. Hier lebte er zu der Zeit, als er gegenüber in der Kirche Santa Maria delle Grazie das Abendmahl malte. Ich muss gestehen, dass ich in diesem Haus einen größeren Schauer empfand als in der Kirche vor Leonardos Meisterwerk.

In Mailand begegnet man der Geschichte häufig auf eine Weise, die Größe in Intimität einbettet. Das »Grand Hotel« etwa beherbergte Giuseppe Verdi immer dann, wenn er ganz in der Nähe an der Scala tätig war. Als er 1901 hier im Sterben lag, hatte man auf der Straße vor dem Hotel Stroh gestreut, damit ihm der Lärm der Kutschen und Pferdehufe nicht seine letzten Stunden auf Erden vergällte.

Ich bin ein paar Mal hier abgestiegen und kann deshalb sagen: Wahrscheinlich hat sich das »Grand Hotel« seit Verdis Tagen nicht groß verändert. Was die Scala betrifft: Mich elektrisiert das Wissen, dass Luchino Visconti an ihr zwei Opern mit Maria Callas inszeniert hat, 1955 die Traviata und zwei Jahre später Anna Bolena. Visconti war ein Aristokrat, der seinen Stammbaum bis zu seinem Namensvetter, dem allerersten Luchino zurückverfolgen konnte, dem Herrn von Mailand zwischen 1339 und 1349. Zugleich war er aber auch der Regisseur von Rocco und seine Brüder, dem letzten seiner neorealistischen Klassiker. Darin erzählte er die Geschichte von Süditalienern, die in Mailand ihr Glück versuchen, auf so opernhafte Weise, dass Verdi in ihm sicher einen Geistesverwandten erkannt hätte. Der aristokratische Kommunist scheint ohnehin ein genuin mailändischer Charakter zu sein. Auch Miuccia Prada, deren Großvater ein Vermögen mit einem Lederwarenunternehmen gemacht hatte, war in jungen Jahren Mitglied der kommunistischen Partei und marschierte bei ihren Demonstrationen mit, gekleidet in Yves Saint Laurent.

Anzeige

Kommentare

Name:
Kommentar: