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aus Heft 08/2013 Die Gewissensfrage 6 Kommentare

Die Gewissensfrage

Darf man sich toll fühlen, wenn man sich besonders moralisch verhält?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»Ich versuche ein moralisch richtiges Leben zu führen. Dazu gehören für mich Veganismus und das Bemühen, den ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Ich fühle mich besser, wenn ich mich so verhalte, frage mich aber manchmal: Liegt meinem Verhalten damit nicht doch ein selbstsüchtiger Antrieb zugrunde, der meiner Zufriedenheit dient und nicht meiner Umwelt?« Hartmut L., Tübingen


Beim ersten Nachdenken könnte man meinen, man sei schon wieder bei der alten Unterscheidung zwischen Handeln aus Neigung und Handeln aus Pflicht. Aber nach Ihrem eigenen Bekunden leben Sie ja nicht vegan, weil Ihnen Gemüse so gut schmeckt, oder verzichten auf Autofahren, weil Sie so gern zu Fuß gehen, sondern weil Sie ein moralisch richtiges Leben führen wollen. Was bedeutet, Sie tun es aus Pflicht im Sinne Kants. Jetzt aber wird es interessant: Sie schreiben, Sie halten sich gern an diese Pflicht, weil Sie sich dann besser fühlen, und meinen nun, indirekt sei das doch wieder selbstsüchtig, weil es aus Neigung geschehe.

Das ist eine Variante des Problems, das man in der Moralphilosophie als »psychologischen Egoismus« kennt. Damit bezeichnet man die Idee, dass auch Motive, die auf den ersten Blick nicht egoistisch erscheinen, auf den zweiten Blick durchaus egoistisch sind oder zumindest sein können. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn man nur deshalb altruistisch oder moralisch richtig handelt, weil man andernfalls Sanktionen fürchtet. Bei klassischen staatlichen oder elterlichen Strafen mag man das noch abgrenzen können, aber sowie es um innerliche oder verinnerlichte Strafen geht, wird es schwierig: Wer Moral für wichtig hält, weil er Angst hat, bei unmoralischem Verhalten geächtet, also aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, hält aus egoistischen Motiven die Moral hoch. Noch komplizierter wird es, wenn man das Gewissen im Sinne Freuds als Über-Ich und damit als verinnerlichte elterliche Instanz ansieht: Wer seinem Gewissen folgt, tut dies nach dieser Interpretation letztlich, um Strafen zu entgehen, nur nennt man die in diesem Fall Gewissensbisse.

Auch wenn man darüber diskutieren kann, halte ich die Betrachtungsweise im Grunde für richtig: Im Endeffekt handelt jemand moralisch, hilft dem Nächsten oder schont die Natur, weil er oder sie es besser findet, das zu tun, als es nicht zu tun. Damit agiert er letztlich wieder aus Motiven, die in ihm oder ihr liegen. Nur liegt das meines Erachtens zugleich in der Natur der Sache oder des Menschen – es ist gewissermaßen ein Konstruktionsprinzip, das aber den Wert der objektiv guten Motivation nicht schmälert. Im Gegenteil: Es zeigt, dass Sie nicht nur moralisch handeln, sondern dass auch Ihre Grundeinstellungen moralisch sind.

Quellen:

Dieter Birnbacher, Analytische Einführung in die Ethik, Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2. Auflage 2007. Dort Kapitel 7. Moralische Motivation und moralischer Wert, insbesondere ab 7.6 Die Herausforderungen des psychologischen Egoismus, S. 312ff.

Bernard Williams, Egoismus und Altruismus, in: Bernard Williams, Probleme des Selbst. Philosophische Aufsätze 1956-1972, aus dem Englischen übersetzt von Joachim Schulte, Reclam Verlag Stuttgart 1978, S. 398-423

Robert Shaver, "Egoism", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2010 Edition), Edward N. Zalta (ed.)
Online abrufbar hier

Stephen Stich, John M. Doris, Erica Roedder, "Altruism," in John M. Doris (ed.), The Moral Psychology Handbook, New York: Oxford 2010, S. 147-205

Elliott Sober, What is psychological egoism. In: The blackwell guide to ethical theory. Blackwell, Malden, MA, 2000, S. 129-148.

Zum Unterschied zwischen Handeln aus Pflicht und pflichtgemäßen Handeln die bekannte Stelle in: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie Ausgabe S. 397
Online aufrufbar hier


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Kommentare

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  • Georg Schmidt (0) warum soll ich baaf sein, ich habe eine Frage gestellt und Immerwahr hat sie beantwortet-jeder/e kann sein/ihr Leben einrichten, wies passt, solang er/sie nicht meint, andere damit zu nötigen oder zu belästigen, zu müssen ,also, ist doch ok!
  • Stephen Immerwahr (0) Ja, Herr Schmidt, setzten Sie sich, atmen Sie tief durch und staunen Sie: Veganer tragen keine aus Tieren gefertigte Kleidung! Die sind nämlich selber schon auf den Trichter gekommen, dass Veganismus per Definition über die Ernährung hinaus gehen muss. Jetzt sind Sie baff, gell?
  • Georg Schmidt (0) es gibt Menschen, die meinen, auch in den Pflanzen oder Steinen sind Seelen, tja, wenn sich vegan ernährt ist ok, aber was zieht man an-Strohschuhe-kein Leder-oder sonstige aus Tieren gefertigte Produkte ?
  • Liane Herzog (0) Darf man sich toll fühlen, wenn man sich besonders moralisch verhält?

    Diese Frage stellte ich mir bisher gar nicht...was ist denn moralisch und was nicht?...wer bestimmt denn die Antwort darauf?
    Ich dachte bisher, ich ernähre mich moralisch richtig, wenn ich als Veganer lebe...naja, das ist MEINE ANTWOERT...die Antwort meiner Umwelt ist gaaaanz anders....meine Umwelt reagierte darauf, als wäre ich aufsässig...unnormal...gar "von einem anderen Stern" und man findet mich in meinen Essgewohnheiten mit vielen Erklärungen warum, wieso und weshalb nicht würdig, mich mit anderen "normal Essern" auf einer Stufe zu stehen...also was ist denn moralisch?! Vegaer finden sich moralisch...normal Essende finden uns Veganer teils dumm in unseren Ansichten...wer ist denn nun moralischer, der NORMAL ESSENDE oder der Veganer ????!!!!! ...in diesem Sinne, schöne Grüße
  • Justus Well (1) Herr Erlinger hat ja wirklich Seelenmassage betrieben in seiner Antwort.
    Schillers etwas spöttischer Kommentar zu der etwas angestrengten kantschen Unterscheidung von Handeln aus Neigung oder aus Pflicht war:
    "Gerne dient ich den Freunden, doch tue ichs leider mit Neigung, und so wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin."
    Auf die für mich näherliegende Frage, was denn überhaupt der Sinn des eigenen Lebens sein soll, und welchen Gebrauch wir von der Welt machen dürfen, um diesen Sinn zu erreichen, ist Herr Erlinger aber nicht gekommen. Glück (als erster Lebenssinn) besteht ja nicht nur im maximalen Lustgewinn für sich selbst, sondern auch darin, andere glücklich zu sehen. Ein zweiter Lebenssinn kann das Bedürfnis sein etwas über das eigene Leben hinaus in der Welt zu hinterlassen. Das verbietet aber, die Welt so zu hinterlassen, dass sie nicht mehr lebenswert ist. Sieht man das Ganze also von der Sinnfrage her, ist es gar keine Frage, dass man das machen muss, was als Lebenssinn erkanntes nicht gefährdet. Und wenn einen das dann glücklich macht, dann ist noch ein zweiter Sinn erfüllt. So hätte ich geantwortet und als Beleg für Glück als Lebensziel z.B. Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik angeführt. Aber das letztere nur, um etwas anzugeben. Das macht nämlich auch einen unbändigen Spaß.
  • Justus Well (1) tut nicht