Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 10/2013 Gesellschaft/Leben

In Trauer verbunden

Seite 2: »Ich gehöre zu Deutschland.«

Lara Fritzsche (Interview)  Fotos: Peter Rigaud

Gamze Kubasik, 27, ist die Tochter des achten Opfers, Mehmet Kubasik. Seinen Namen hat sie sich auf den rechten Unterarm tätowieren lassen.

In welchen Situationen fällt Ihnen das Durchhalten besonders schwer?
Simsek: Immer wenn ich an meinen Papa denke. Wenn ich einen Mercedes Sprinter sehe, so einen hat mein Vater gefahren. Mit dem ist er immer montags nach Holland zum Blumengroßmarkt gefahren. Oder wenn ich ein Snickers sehe, denn diesen Riegel hat er immer irgendwo im Wagen für mich versteckt. Wenn ich ihn fand, durfte ich ihn essen. Oder wenn jemand grillt, das hat mein Papa auch so gern getan.
Kubasik: Bei mir sind es vor allem die Nachrichten im Fernsehen, die mich fertigmachen. Dann hört man erst nur dieses Schlucken von mir und dann gehe ich schnell ins Bad, drehe den Wasserhahn auf, setze mich auf die Klobrille und weine erst mal.

Ihre Väter, Mehmet Kubasik und Enver Simsek, sind schon seit sieben beziehungsweise 13 Jahren tot. Erinnern Sie sich noch an die Umstände?
Simsek: Natürlich. Ich wurde nachts aus dem Internat geholt und ins Krankenhaus in Nürnberg gefahren. Dort wurde ich erst verhört. Die haben mich gefragt ob mein Papa eine Waffe gehabt habe, ich habe gesagt: »Er hat ein Blumenmesser, mit dem er immer die Stiele kürzt.« Dann durfte ich zu ihm. Ich habe gesehen, dass eines seiner Augen ausgelaufen war, er hatte Schusswunden, das Kissen war ganz blutig. Ich habe mich nicht getraut, ihn anzufassen, weil er so fremd aussah. Ich hätte seine Hand streicheln können, ich hätte ihn ja nicht küssen müssen. Dass ich das nicht gemacht habe, bereue ich sehr.
Kubasik: Ich kam von der Berufsschule. Ich bin also aus der Bahn ausgestiegen und zur Mallinckrodtstraße gelaufen, wo sein Kiosk war. Plötzlich fingen die Leute, die davorstanden, an zu tuscheln: »Die Tochter, die Tochter kommt.« Da habe ich verstanden, dass was mit Papa ist, und bin unter der Absperrung durchgerannt, aber ein Polizist hat mich festgehalten. An seinen Augen hab ich gesehen, dass etwas Schlimmes passiert ist. Dann war ich weg. Ohnmacht. Die kommenden zwei Tage wurde ich mit Spritzen beruhigt.

Wird der Schmerz weniger mit den Jahren?
Kubasik: Ich habe mich damit abgefunden. Aber das Vermissen wird jeden Tag schlimmer. Wir waren Freunde, haben früher jeden Tag geredet, wenn ich ihn im Kiosk abgelöst habe, damit er einkaufen fahren kann. Er hat immer gesagt, ich sei seine rechte Hand. Deshalb habe ich mir nach seinem Tod seinen Namen in den rechten Unterarm tätowieren lassen.
Simsek: Ich bin wirklich eifersüchtig auf die Gamze, die so viel Zeit mit ihrem Vater hatte. Meine Erinnerung hören auf bei Mathe lernen, Snickers verstecken und Ärger kriegen, wenn mein Bruder und ich mit unseren Inline-Skates verbotenerweise den steilen Berg runtergesaust sind.

Frau Simsek, Sie schreiben in Ihrem Buch Schmerzliche Heimat, dass Sie beim Aufräumen mal einen Schuhkarton mit Liebesbriefen gefunden haben, die Ihre Eltern sich geschrieben haben, und Sie durch diese Briefe Ihren Vater das erste Mal als Mann wahrgenommen haben.

Simsek: Ja, das stimmt. Damals, Anfang der Achtziger, hat meine Mutter schon in Deutschland gelebt und mein Vater noch in der Türkei, weil er dort seinen Militärdienst ableisten musste. Ihre ersten beiden Ehejahre haben sie sich ständig geschrieben. Mein Vater war ganz schön romantisch und wahnsinnig verliebt in meine Mutter. Für sie hat er sogar seine Brüder und Schwester zurückgelassen und ist nach Deutschland gekommen. Das hat denen gar nicht gefallen.

Und dann wird er in Deutschland ermordet und die Ehefrau ist die Verdächtige.
Simsek: Diese Verdächtigungen haben den Familienzusammenhalt zerstört. Die Familie meines Vaters hat meiner Mutter und ihren Brüdern nicht mehr getraut. Bis heute grüßen wir uns nicht, wenn wir uns sehen. Ich habe im Sommer geheiratet, selbst zu diesem Anlass habe ich nichts von ihnen gehört.

Dann war es doch sicher eine Genugtuung für Sie beide, als die Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gefunden wurden?

Simsek: Zuerst war es eine Genugtuung. Jeder hatte Mitleid, plötzlich war ich nicht mehr die naive Tochter eines Straftäters, die es nicht wahrhaben will, sondern das Opferkind, das schon immer die richtige Ahnung hatte. Aber nach ein paar Tagen ging mir dann auf, was das eigentlich bedeutet. Nämlich dass ich, als Deutsche mit türkischen Wurzeln, hier nicht erwünscht bin. Ich hab mich gefragt: Wie sicher bin ich überhaupt noch in diesem Land?

Frau Simsek, Sie sind im vergangenen Sommer in die Türkei gezogen. Können Sie sich das für sich und Ihren Mann auch vorstellen, Frau Kubasik?

Kubasik: Der Gedanke kommt und geht, aber eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen. Und vor allem im Moment noch nicht. Es sind zu viele Fragen offen, als dass ich hier mit allem abschließen könnte.

Was sind das für Fragen?
Simsek: Warum musste mein Vater sterben? Haben die Nazis ihn gekannt? Oder war das Zufall? Es sind fünf angeklagt, aber was ist mit all den anderen? Wie kann es sein, dass beim Verfassungsschutz Menschen arbeiten, die in ihrem Ort »kleiner Adolf« genannt werden, obwohl sie eigentlich die rechte Szene überwachen und überführen sollen?
Kubasik: Überhaupt: Welche Rolle spielt der Verfassungsschutz? Wieso wurden Akten geschreddert? Und wieso haben diese ganzen Ermittlungsfehler für niemanden Konsequenzen?
Simsek: Das macht mich so wütend. Und es gibt keinen, der einem mal eine ordentliche Antwort gibt. Ich will Aufklärung. Deutschland ist ja meine Heimat. Deswegen erzähle ich alles wieder und wieder. Ich könnte ja auch sagen, Deutschland ist mir egal, ich lege mich in der Türkei unter einen Mirabellenbaum. Aber es ist mir eben nicht egal. Und wird es auch nie sein. Ich gehöre zu Deutschland.
Semiya Simsek, 26, ist die Tochter des ersten Opfers Enver Simsek, der mit acht Schüssen hingerichtet wurde.
Anzeige



Seite 1 2

Lara Fritzsche konnte am Ende des Interviews mit ihren beiden Gesprächspartnerinnen auch noch über etwas Schönes sprechen: Babynamen. Semiya Simsek ist im fünften Monat schwanger mit einem Sohn und hat vor, ihn Can zu nennen. Das ist Türkisch und bedeutet Leben.

  • Gesellschaft/Leben

    Geht's noch?

    Segway, Hoverboard, Elektroroller - das beschleunigte Leben bringt ständig neue Fortbewegungsmittel hervor. Ist normales Laufen bald überholt?

    Von Silke Wichert
  • Anzeige
    Gesellschaft/Leben

    Was mich an Freundschaften stört

    »Wir gegen den Rest der Welt« – ist die typische Freundeskreis-Haltung nicht eine problematische Einstellung? Till Raether kommt ins Zweifeln über zwischenmenschliche Beziehungen.

    Von Till Raether
  • Gesellschaft/Leben

    Die Frau in Weiß

    Gloria schaut sich jeden Abend den Sonnenuntergang in der Straße an, in der unsere Autorin wohnt. Die beiden kommen ins Gespräch. Wenig später zieht Gloria in die Garage unserer Autorin.

    Von Michaela Haas