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aus Heft 10/2013 Gesellschaft/Leben

In Trauer verbunden

Lara Fritzsche (Interview)  Fotos: Peter Rigaud

Die Väter von Semiya Simsek und Gamze Kubasik wurden von Neonazis erschossen, mitten in Deutschland. Ihr geteiltes Schicksal hat sie zu Freundinnen gemacht.

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Semiya (links) und Gamze sind Nebenklägerinnen im Prozess gegen die Rechtsextremistin Beate Zschäpe, der am 17. April beginnt.


SZ-Magazin: Ihre Väter wurden von den Nazis der Zwickauer Terrorzelle ermordet. Ihr Vater, Semiya Simsek, wurde bereits 2000 in Nürnberg erschossen. Ihrer, Gamze Kubasik, sechs Jahre später in Dortmund. Wie haben Sie beide sich kennengelernt?
Semiya Simsek: Im Mai 2006 in Kassel auf dem Schweigemarsch für Halit Yozgat. Er war das neunte Opfer, er wurde in seinem Internetcafé erschossen. Dort unter den Trauernden habe ich Gamze gesehen und sie angesprochen. Ich wusste, dass der Mord an ihrem Vater gerade erst ein paar Wochen her war. Und ich habe in ihren Augen diese Ratlosigkeit erkannt, die ich auch damals gespürt hatte. Sie tat mir so leid.

Was haben Sie gesagt, Frau Simsek?
Simsek: Ich glaube, so was wie »Dein Vater könnte noch leben. Ihn hätte man retten können.«

Gamze Kubasik: Ja, das werde ich nie vergessen, weil es mich sehr berührt hat. Semiyas Vater Enver war das erste Opfer, ihn konnte man nicht schützen. Aber hätten die Behörden nach dem ersten Mord oder den ersten zwei, drei Morden richtig ermittelt, dann wäre mein Vater noch am Leben. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann ist es das, was mir richtig weh tut: dass es nicht hätte passieren müssen.

Waren Sie sich damals, 2006, schon sicher, dass die Taten zusammenhängen und es einen rechtsradikalen Hintergrund gibt?
Simsek: Gedacht habe ich das schon 2000, als mein Vater erschossen wurde, aber 2006 war ich mir dann vollends sicher. Und alle anderen auch.
Kubasik: Ich war zwar noch unter Schock, aber ich erinnere mich, dass wir Opferfamilien nach dem Marsch in diesem türkischen Vereinsheim in Kassel beim Tee zusammensaßen und jeder noch mal den Tathergang von seinem Angehörigen erzählt hat, um Gemeinsamkeiten zu finden.

Warum hatten Sie die Hoffnung in die Behörden zu diesem Zeitpunkt schon verloren?
Simsek: Weil die sehr schlecht mit uns umgegangen sind. Eine Theorie nach der anderen haben sie an uns ausprobiert. Erst haben sie meine Mutter verdächtigt und ihre Brüder; Mord aus Habgier haben sie unterstellt. Zur Zeit des Mordes war mein Vater auf dem Höhepunkt des wirtschaftlichen Erfolges mit seinem Blumengroßhandel. Da hat er richtig gut verdient. Unter der Matratze meiner Eltern waren immer bündelweise Scheine versteckt. Später hieß es deshalb, mein Vater sei vermutlich Dealer gewesen und habe in Holland gar keine Blumen gekauft, sondern Drogen. Und dann: Die türkische Mafia habe ihn wegen Spielschulden ermordet.
Kubasik: Erzähl mal das mit der Geliebten.
Simsek: Einmal haben die Ermittler meiner Mutter ein Foto von einer blonden Frau gezeigt, die sexy angezogen war, und gesagt, sie sei die Geliebte meines Vaters, mit der er ebenfalls zwei Kinder habe.

Hat Ihre Mutter das geglaubt?
Simsek: Keine Sekunde, deswegen haben sie den Bluff auch bald aufgelöst. Sie hätten nur mal gucken wollen, wie sie reagiert. Der Frau Boulgarides, der Ehefrau eines der beiden Münchner NSU-Opfer, haben sie das Bild von dieser Frau übrigens auch gezeigt. Ihr haben sie erzählt, es sei die Prostituierte, zu der ihr Mann gegangen sei.

Frau Kubasik, waren Sie und Ihre Familie auch so vielen Verdächtigungen ausgesetzt?
Kubasik: Ja, klar. Am Tag, nachdem mein Vater erschossen worden war, wurden wir alle zu Hause abgeholt, meine Mutter, ich, meine zwei kleinen Brüder. Jeder von uns wurde acht Stunden lang verhört. Einen Tag nach seinem Tod. Das war furchtbar.

Was wurden Sie damals von den Polizisten gefragt?
Kubasik: Ob mein Vater Drogen verkauft hat. Ob ich je den Eindruck hatte, der Kiosk sei nur Tarnung. Ob es eine andere Frau gebe. Die haben mir allerhand Fotos von Ausländern vorgelegt, die sollte ich durchgucken, ob ich Freunde von uns erkenne. Nachher habe ich erfahren: Das waren alles verurteilte Straftäter. Das ging über Jahre so. Mir hat sehr geholfen, dass Semiya mich beraten und gestützt hat. Sie kannte das ja schon, die Verhöre, die Verleumdungen. Ich bewundere sie sehr. Sie ist so stark.

Was macht Ihre Freundschaft aus?
Simsek: Die Basis ist natürlich, dass wir das Gleiche erlebt haben. Dass ich einfach mitfühlen kann, was sie fühlt. Und sie, was ich fühle. Seit sieben Jahren sind wir befreundet. Und obwohl es mit dem Teilen der Trauer angefangen hat, reden wir nun auch über viele andere Sachen. Wir erleben ja auch Schönes.
Kubasik: Für mich ist Semiya die besonderste Freundin, die ich habe. Wir sind uns ähnlich. Ich weiß zum Beispiel, dass Semiya jetzt in diesem Augenblick am liebsten ins Bad rennen und weinen würde. So geht es mir auch. Ich versuche immer richtig hart zu wirken und nicht öffentlich zu weinen. Ich will nicht, dass jemand Mitleid mit mir hat.

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Lara Fritzsche konnte am Ende des Interviews mit ihren beiden Gesprächspartnerinnen auch noch über etwas Schönes sprechen: Babynamen. Semiya Simsek ist im fünften Monat schwanger mit einem Sohn und hat vor, ihn Can zu nennen. Das ist Türkisch und bedeutet Leben.

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