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aus Heft 11/2013 Gesellschaft/Leben

Nackt im Wind

Philipp Schwenke  Fotos: Ricardo Cases

Auf Seereisen gibt es nicht viel zu gucken, immer nur Meer und Möwen. Auf der Carnival Freedom sieht das anders aus: Willkommen zur größten Nudistenkreuzfahrt aller Zeiten.

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Ob diese Rettungsboote jemals so viel Vorfreude gesehen haben? Die Carnival Freedom liegt noch im Hafen von Fort Lauderdale, Florida, vertäut an einem Kai, als ihre Passagiere zur Evakuierungsübung auf Deck 4 antreten müssen. Über Lautsprecher unterbricht der Unterhaltungsdirektor Hennie van Heerden die aufgeregten Gespräche und bittet um Aufmerksamkeit. Vor den gleich folgenden Sicherheitshinweisen hat er ein wichtiges Anliegen: Da das Schiff noch nicht abgelegt habe, mögen doch alle Anwesenden ihre Kleidung noch eine Weile anbehalten. »Es dauert aber nicht mehr lange, bis wir die Dreimeilenzone vor der Küste verlassen haben, und der Spaß beginnt!« Auf das Stichwort »Spaß« brechen die Leute in Jubel aus, als würden gleich die Rolling Stones auftreten. Ich sehe: Gesichter, im euphorischen Wuuuu-huuuuu!-Schreien verzerrt, gereckte Arme und reines Glück. Ich denke: Was für einen Spaß habt ihr da draußen bloß vor?

Die nackten Zahlen konnte man vorher im Internet nachlesen: Die größte Nudistenkreuzfahrt der Geschichte soll das werden, Weltrekord mit knapp 3000 Teilnehmern, die meisten davon aus den USA. Sieben Tage Karibik, Preise ab 800 Dollar. Alles weitere blieb unklar. Wollen da bloß ein paar brave FKKler im Kreis fahren – oder wird das ein Spring Break für Erwachsene, eine Sause des Fleisches, ein endloser Wet-T-Shirt-Contest, nur eben ohne T-Shirt? Die Teilnahme ist erst ab 18 erlaubt, das kann ja heiter werden.

Zwei Tage nach der euphorischen Rettungsübung habe ich zwanzig neue Bekanntschaften geschlossen – darunter ein Ehepaar, das Weihnachtsbäume in Silicon Valley anbaut – und menschliche Körper in den erstaunlichsten Formen gesehen. Auch ein paar naheliegende Fragen kann ich beantworten. Etwa: Man legt ein Handtuch drunter, wenn man sich hinsetzt. Ansonsten habe ich die Übersicht verloren. Nur zwei Dinge kann ich mit Sicherheit sagen: Alles ist immer fun, fun, fun. Darüber hinaus ist es kompliziert. Am besten fasst es eine Holländerin zusammen, die zufällig auch mit an Bord ist: »Wenn die Amerikaner mal nackt sein dürfen, drehen sie immer ein bisschen durch.« So ist es. Wenngleich nicht immer klar ist, warum. Bei der Begrüßungsshow am ersten Abend zum Beispiel treten acht Tänzerinnen auf, die rhythmisch auf der Bühne umherstiefeln, im Hintergrund ein großes F, ein großes U, ein großes N. Anfangs haben sie Matrosenanzüge an, die sie sich dann alle gleichzeitig vom Leib reißen. Darunter tragen sie irgendwas Knappes und frivol Gemeintes in Rot. Die Leute im Publikum tragen zum größten Teil deutlich weniger Kleidung als die auf der Bühne, nämlich gar keine. Trotzdem johlen sie wie verrückt, wenn auf der Bühne Hüllen fallen. Warum nur? Oder der zweite Abend. Mottoabend auf dem ganzen Schiff. Das Thema lautet »Schnurrbart«, und viele haben sich tatsächlich einen angemalt oder angeklebt. Viele Männer auch einen zweiten, weiter unten, und man braucht eine Weile, bis man den Fehler erkennt: Müsste sich der Schnurrbart nicht normalerweise unter der Nase befinden?

Die Freedom ist ein knapp 300 Meter langes Kreuzfahrtschiff im Dienste der Carnival Cruise Lines. Für diese eine Woche hat der Veranstalter »Bare Necessities«, der seit mehr als 20 Jahren Nacktkreuzfahrten auf der ganzen Welt anbietet, das Schiff gechartert. Angefangen haben sie mit einem Schiffchen für 30 Leute, jetzt, 50 Kreuzfahrten später, sind fast hundertmal so viele an Bord.

Nudismus ist in den USA mittlerweile zu einem Markt geworden, auf dem jährlich eine halbe Milliarde Dollar umgesetzt werden, mit Reisen, Nudistencamps, Wohnanlagen. Typisch, die Amis. Aus allem einen Markt machen. Sogar Nackten in die Taschen greifen.

Ich frage die Leute an Bord gern, warum sie Nudisten geworden sind. Sie fragen dann gern zurück, warum ich denn einer bin. Bin ich gar nicht, sage ich, ich bin beruflich hier. Aber zu Hause in Deutschland gehe ich dann und wann in die Sauna, und manchmal stehe ich am Strand und habe die Badehose vergessen. An der Ostsee zum Beispiel lässt man sie dann einfach weg. No big deal, really. Die Leute seufzen und sagen, ach ja, Europa. Anschließend zählen sie die Strafen auf, die in ihrem Bundesstaat auf öffentliche Nacktheit stehen. In manchen landet man auf der im Internet zugänglichen Liste der Sexualstraftäter, wenn man beim Nacktbaden im See erwischt wird. Erzählt man den Leuten von den Nackten im Englischen Garten, seufzen sie noch lauter. In den USA vergisst man nicht einfach seine Badehose und springt trotzdem in den Fluss. In den USA trifft man die Entscheidung, Nudist zu sein, und begibt sich anschließend auf ein kostenpflichtiges Privatgelände. Oder auf ein Schiff, auf dem man drei Meilen vor der Küste endlich die Kleidung abwerfen darf.

Eine kurze Inventur: Auf diesem Schiff schippern Menschen durch die Karibik, die mit dem Habitus von emeritierten College-Professoren auftreten, und solche, die beim Lesen die Lippen bewegen. Es gibt Tätowierte, die schon beim Ablegen im Hafen angetrunken am Pool tanzen, und ältere Herren, die mit Block und Bleistift in der Hand der Crew Fragen stellen wie: »Haben die Blätter der Schiffsschraube einen festen Anstellwinkel?« Aus dem Pool an Deck steigen mal kühlrippenharte Fitnesskörper, mal Männer, die so dick sind, dass sie zwei Bäuche haben: einen, der als Schürze vor den Genitalien hängt, und einen zweiten, der obenauf liegt. Es fahren Teilzeit-Nudisten mit, die sich nackt sonnen, aber ansonsten Kleidung tragen möchten, und Nudisten-Fundamentalisten, die es richtig ernst meinen: nackt an der Bar, nackt am Buffet. Nackt im Casino, nackt beim Karaoke. Es fahren arme Blasse mit, die im Norden wohnen und noch arbeiten müssen, und tiefgebräunte Rentner, die in kalifornischen Nudistencamps ganzjahresnackt leben. Es gibt eine Minderheit, die Schamhaar trägt, und eine Mehrheit, die sämtliche Haare am Körper entfernt hat. Es gibt Frauen über 40 mit tätowierten Brüsten und Männer über 50 mit Piercings, und zwar auch da, wo es wehtut. Es gibt Nudisten, die sich an Land für das öffentliche Nacktsein einsetzen, und es gibt die Heimlichtuer.

Brad und Phyllis zu Beispiel, zwei gottesfürchtige, reizende Menschen aus Colorado, er 59, sie 61. Sie redet leise und verwendet gern das Wort »anständig«, er könnte mit seiner Stimme als Erzähler in Märchenhörspielen einspringen. Sonntags gehen sie in die Kirche, und als sie sich vor zehn Jahren kennenlernten, brauchte Brad ganze acht Monate regelmäßiger Rendezvous, bevor er überhaupt einmal ihre Hand in seine nahm. »Wir haben uns fünf Jahre lang den Hof gemacht, bis zu unserer Hochzeit«, sagt sie. Gerne würde man wissen, ob sie das wirklich so meint, wie man glaubt, dass sie es meint, aber ich frage dann doch lieber nicht nach. Weniger sündige Gedanken als diese beiden kann kein Mensch haben. Ihre Kinder (keine gemeinsamen) wissen trotzdem nicht, wo sie gerade sind. Die wissen nicht einmal, dass sie dann und wann auf Kleidung verzichten. Denn das wäre jenseits aller Vorstellung.

Überhaupt verheimlichen recht viele der Passagiere vor Freunden und Familien, was sie so treiben. An Bord ist etwa ein Ehepaar, das in der Woche zuvor mit Freunden auf just diesem Schiff umherkreuzte. Weil diese Freunde aber nichts von ihrem Nudistendasein wissen sollen, gingen sie am Samstagmorgen gemeinsam von Bord, das Paar setzte sich mit seinen Koffern in ein Taxi, ließ sich ein paar Mal um den Block kutschieren und schiffte sich dann wieder ein.

Ein Land, dass seine Einwohner in einigen Lebensbereichen wie Kleinkinder behandelt, erzieht zur Vorsicht. Schaltet man etwa auf dem Schiff den Fernseher ein, sind im amerikanischen Programm wie immer die Schimpfwörter überpiept und die Geschlechtsmerkmale überpixelt. Versucht man vom Nacktboot aus, das Nacktboot zu googeln, kommt man nicht weit, weil ein unabschaltbarer Suchfilter das Wort »nude« unterschlägt. In der Dusche warnt ein Schild, dass man die Wassertemperatur überprüfen müsse, bevor man sich in den Strahl stellt. Kein Wunder, dass da einige Nudisten auch soziale Verbrühungen fürchten. Die Angst scheint mit der Entfernung des Wohnorts von der Küste und der Nähe zum konservativen Bible Belt zu wachsen.
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