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aus Heft 11/2013 Gesundheit

Die Qual der Zahl

Christoph Koch  Illustrationen: Serge Bloch

Einfach schön vor sich hin leben? Vorbei. Experten finden, wir müssen dringend messen und auswerten, wie viel wir arbeiten, lesen, schlafen, ausgeben: »Self-Tracking« soll alle zufriedener machen. Unser Autor hat es vier Wochen lang ausprobiert. Und kommt zu absurden Ergebnissen.



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10 250 Schritte, 18 Treppenstockwerke, 24,2 % Körperfett, 42 gelesene Buchseiten, 7:38 Stunden im Bett, 21-mal aufgewacht, Nettoschlafzeit 7:07 Stunden – ein ganz normaler Donnerstag.

Seit vier Tagen bin ich Mitglied der Zahlensekte. Offiziell sagt man Self-Tracking dazu. Ziel ist es, durch empirische Selbstvermessung mehr über sich selbst zu erfahren. Die Bewegung ist noch jung: Im Mai 2011 fand die erste weltweite Self-Tracking-Konferenz im kalifornischen Mountain View statt, veranstaltet von Gary Wolf und Kevin Kelly, die den Trend mit ihrer Webseite quantifiedself.com losgetreten haben. Ihr Motto: »Selbsterkenntnis durch Zahlen«. Mitmachen kann jeder. Erstens werden elektronische Sensoren immer besser, kleiner und billiger. Zweitens tragen immer mehr Menschen ein Smartphone mit sich herum, das diese Sensoren auslesen kann oder bereits selbst enthält.

Die Einstiegsdroge für Selbstvermesser heißt »Fitbit One« und kostet rund hundert Euro. Ein schwarzer Sensor, groß wie ein kleiner Finger, den man sich an die Hosentasche klemmen kann. Er zählt, wie viele Schritte ich zurücklege, wie viele Kilometer ich laufe und wie viele Stockwerke ich jeden Tag hochsteige. Je nachdem, ob ich mich viel bewege oder auf dem Sofa herumhänge, wächst eine kleine Blume auf dem Bildschirm – oder sie verkümmert. Spielerische Anreize sollen helfen, das Verhalten zu verändern. Bei mir klappt es sofort: Als ich am Ende des zweiten Tages merke, dass ich mein Soll von 10 000 Schritten noch nicht erfüllt habe, steige ich auf dem Heimweg eine Station früher aus der Tram und gehe den Rest zu Fuß. Albern, aber ein gutes Gefühl. Gesteigert wird es noch, als ich auf der Fitbit-Webseite sehe, dass ich einen Kollegen aus Hamburg um mehr als tausend Schritte geschlagen habe.

Nachts schiebe ich den Fitbit-Tracker in ein Stoffarmband, dort misst er meinen Schlaf. Die Geschwindigkeit und Distanz meiner Joggingrunden berechne ich mit einem Sensor, der in meinem Laufschuh steckt. Meinen genauen Aufenthaltsort lasse ich von Google Latitude mithilfe meines Smartphones ermitteln. Die Handy-App »ReadMore« hält fest, wie viele Buchseiten ich jeden Abend vor dem Einschlafen lese; und britische Forscher, die eine App namens »Mappiness« entwickelt haben, piepen mich zweimal am Tag an und fragen meine Lebenszufriedenheit ab. Was mir noch fehlt: ein Sensor, der misst, wie viel Zeit ich jeden Tag mit der Datenerhebung verbringe. Daumenpeilung: eine knappe Stunde täglich.

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13 148 Schritte, 35 Stockwerke, 6:16 Stunden am Computer, 60 % Produktivität, 11 Buchseiten, 10,1 Kilometer gejoggt – Tageswerte vom Montag.

Die meisten meiner Freunde finden mein Experiment bescheuert. Dabei messen sie sich doch auch dauernd: Sie stellen sich auf die Waage, drucken ihre Kontoauszüge aus. Ich zähle ab sofort jeden Euro, den ich ausgebe, mit einer App namens »Budget«. Während bei den meisten nur Mark Zuckerberg und Google wissen, was sie kaufen und auf welchen Seiten sie im Internet surfen, erobere ich mir die Herrschaft über mein Leben zurück: Mithilfe des Programms »RescueTime« analysiert mein Computer genau, wie viel Zeit ich bei Facebook oder Ebay verbringe und wie viel Zeit mit dem Schreiben von Mails oder Word-Dokumenten.

Natürlich werde ich ständig gefragt, was dieser Datenwahnsinn soll. Ich kontere jedes Mal mit Studien: So nehmen Menschen, die sich täglich wiegen, leichter ab als die, die sich nur auf ihr Gefühl verlassen. Und Menschen mit Schrittzähler bewegen sich tatsächlich mehr. In der Politik und der Wirtschaft ist es selbstverständlich, sich an Zahlen zu orientieren. Im Privatleben wirkt es immer noch spießig. Ein Tagebuch zu führen gilt als sensibel, eine Excel-Tabelle über das eigene Privatleben riecht dagegen eher nach Zwangsstörung.

Die Jagd nach Zahlen verändert tatsächlich mein Leben. Der kleine Sensor hat innerhalb einer Woche das geschafft, was mir vorher mehr als 30 Jahre lang nicht gelungen ist: Ich benutze die Treppe, auch wenn ein Aufzug da ist. Eine zweite Einsicht der Selbstquantifizierung: Die eigenen Einschätzungen kollidieren ziemlich hart mit der Realität. Wir verschätzen uns nämlich andauernd. Manche dieser Verzerrungen haben mit unserem mangelhaften Gedächtnis zu tun, andere mit sozialer Erwünschtheit: Wie viel Geld gebe ich pro Tag aus? Wie oft mache ich Sport? Wie viele Stunden arbeite ich am Computer, ohne mich von Katzenvideos ablenken zu lassen? Wie viel Alkohol trinke ich? Beeinflusst irgendwas davon meinen Schlaf, meine Zufriedenheit, mein Gewicht?

Ich dokumentiere meinen Alkoholkonsum und meine komplette Ernährung, indem ich alles, was ich esse oder trinke, auf einer Webseite eintrage, die mir dafür Kalorien, Eiweißgehalt, Zucker und Dutzende andere Werte ausspuckt. Eine App namens »MealSnap« hilft mir dabei: Ich muss meine Mahlzeit nur fotografieren und hochladen, nach wenigen Sekunden erhalte ich eine Kalorienschätzung. Manchmal geht es kolossal schief, aber meistens funktioniert es überraschend präzise: Im selbst gemischten Müsli erkennt der Computer (oder ist es ein indischer Billiglöhner?) sogar die Apfelschnitze und Bananenscheiben.
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Christoph Koch hat den Schrittzähler auch nach dem Experiment noch im Einsatz. Das Elektrodenstirnband wurde jedoch wieder aus dem Schlafzimmer verbannt: »Auch Forschung braucht Grenzen.«

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