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aus Heft 12/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Soll man einen neuen Mitspieler in seiner Fußballmannschaft unterstützen, der von den anderen ausgegrenzt wird?

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»Ich spiele seit siebeneinhalb Jahren Fußball im Verein. Seit einigen Wochen ist ein Neuer dabei. Da er noch nicht so gut spielt, wird er von den anderen ausgelacht und ausgegrenzt. Ich finde das falsch, will ihn aber nicht in Schutz nehmen, weil ich fürchte, dass meine Teamkameraden dann mich angreifen. Was tun? «  Markus W., 12 Jahre, Stuttgart

Vielen Dank für deine Frage. Ich finde gut, dass du sie stellst. Und man muss nicht erst bei den Simpsons sehen, wie Bart wegen seiner Freundschaft mit Milhouse von den Schulrowdys verprügelt wird, um deine Befürchtungen zu verstehen. Dennoch solltest du den Neuen in Schutz nehmen; ich will dir gern erklären, warum.

Du schreibst selbst ganz zu Recht, dass man niemanden ausgrenzen darf. Das ist ein allgemeiner Grundsatz. Der allein wäre schon Grund genug, sich dagegenzustellen, wenn es jemand tut – ganz egal, wo es passiert, ob auf dem Sportplatz, in der Schule oder im Freundeskreis. Hier geschieht es beim Fußball, da könnte man auch an das Prinzip des Fair Play denken, das nicht nur auf dem Spielfeld, sondern genauso im Umgang miteinander gelten sollte.

Mir scheint aber noch etwas anderes wichtig: Es geht dabei auch um dich. Im alten Griechenland gab es einen bekannten Philosophen: Aristoteles. Der antwortete auf die Frage, wie man sich verhalten soll: Man soll handeln wie ein tugendhafter Mensch. Wie ein Mensch also, der die richtige Einstellung, die richtige Haltung hat. Auch ohne zu wissen, was Aristoteles genau darunter verstand, hilft das schon weiter. Denn die richtige Haltung kann doch kaum sein, zuzulassen, dass jemand ausgegrenzt wird, nur damit man selbst keine Probleme bekommt.

Aristoteles meinte aber auch, dass man ein tugendhafter Mensch nur wird, wenn man das richtige Verhalten einübt – also trainiert wie beim Sport. Das bedeutet, dass dein Verhalten in dieser Sache etwas mit dir macht: Es macht dich ein klein wenig mehr entweder zu einem Menschen, der sich nach seinem eigenen Vorteil richtet, oder zu einem, der das, was er für richtig hält, auch dann tut, wenn es für ihn schwierig wird. Und ich hoffe für dich – aber auch für deine Umwelt, also für uns alle –, dass du lieber ein Mensch mit Haltung sein möchtest. Schließlich wollen wir alle lieber in einer Welt leben, in der Menschen eine Haltung haben, statt sich nur um ihre Vorteile zu kümmern.

Wird das schwierig für dich? Vielleicht, aber andererseits spielst du seit siebeneinhalb Jahren Fußball, bist also vermutlich in der Mannschaft respektiert. Und wer eine solche Position hat, sollte sie auch nutzen, um Haltung zu zeigen. Für die anderen ist es noch schwieriger.


Leseempfehlungen:


Für Jugendliche:
Fernando Savater, Tu, was du willst. Ethik für die Erwachsenen von morgen. Beltz & Gelberg, Weinheim 2001
Stephen Law, Philosophie. Abenteuer Denken, Arena Verlag, Würzburg 2002
Héctor Zagal, José Galindo, Ethik für junge Menschen, Reclam Verlag, Stuttgart 2000
Ernst Tugendhat, Celso López, Ana María Vicuña Wie sollen wir handeln? Schülergespräche über Moral, Reclam Verlag, Stuttgart 2000
Und schließlich in eigener Sache: Rainer Erlinger, Lügen haben rote Ohren. Ullstein Verlag, Berlin 2005

Für Erwachsene:
Hans Lenk (Hrsg.), Philosophie des Sports, Schorndorf, 1973, darin insbesondere: Dietrich Kurz, Gymnastische Erziehung bei Platon und Aristoteles, S. 163 - 184
Martin Gessmann, Philosophie des Fußballs, Wilhelm Fink Verlag. München 2011
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