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aus Heft 12/2013 Reise

Die Reifenprüfung

Lars Reichardt (Interview) 

Auf dem Fahrrad durch ganz Patagonien. Mit kleinen Kindern. Unmöglich? Eine Thüringer Familie hat es trotzdem gewagt. Beim Tachostand von 3800 Kilometern haben wir mal nachgefragt, wie es so geht. Da waren sie gerade in Südchile.



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SZ-Magazin: Ihre kleine Tochter ist gerade mal zwei Jahre alt. Ist das nicht ein bisschen jung für eine Fahrradtour durch Südamerika?

Axel Bauer: Aber nein, das ist nur eine Frage des Reisezieles. Für Patagonien sind keine speziellen Impfungen notwendig, es besteht keine Malaria- oder Gelbfiebergefahr. Mit Smilla, unserer ältesten Tochter, sind wir bereits ein halbes Jahr durch Neuseeland geradelt. Beim Start war sie gerade einmal fünf Monate alt. Auch damals gab es keine Probleme, Smilla war nicht einen Tag krank. Kleinkinder sind sehr flexibel, sie passen sich schnell veränderten Bedingungen an. Für Selma, die Jüngere, ist diese Reise inzwischen selbstverständlich und könnte ewig so weitergehen – Reisen ist für sie der Normalzustand.

Wo genau sind Sie gerade?
Wibke Raßbach: Wir sind auf der Carretera Austral in Südchile unterwegs. Eigentlich ist das eine Piste für abgebrühte Abenteurer, auf der man kaum Familien trifft. Schon gar nicht auf dem Fahrrad. Bei uns ist es jetzt Abend, wir sitzen in einem kleinen Dorf namens Villa Manuhuales in einer »Casa de Ciclistas«, einem Privathaus, das reisenden Radfahrern offen steht. Ein Mann hat uns vor ein paar Stunden angesprochen und uns zu sich eingeladen. Er hatte noch etwas zu erledigen, drückte uns einfach seinen Haustürschlüssel in die Hand und sagte: »Waschmaschine, Dusche, Internet, alles da. Fühlt euch wie zu Hause.« Das ist doch ein Wahnsinn, oder?

Sind Sie oft eingeladen worden?

Raßbach: Vor allem in Argentinien, vor allem wegen unserer Kinder. Je weniger ein Gebiet touristisch erschlossen ist, desto herzlicher und gastfreundlicher sind die Leute. In Argentinien hat man uns gleich vier Mal fürs Fernsehen interviewt, so selten sind da Radreisende. Da war unsere Karawane natürlich eine kleine Sensation.

Wie lange sind Sie schon unterwegs?

Raßbach: Seit Anfang Oktober. Wir sind in Buenos Aires gestartet und fahren durch Argentinien und jetzt Chile. Die meiste Zeit haben wir im Süden der beiden Länder verbracht, in Patagonien. In vier Wochen fliegen wir von Santiago de Chile aus zurück nach Deutschland.Wie viele Kilometer haben Sie hinter sich?

Bauer:
Der Tacho steht bei etwa 3800 Kilometern. Darunter waren viele Schotterstraßen, auf denen wir nur elf Stundenkilometer geschafft haben. Die schönsten und einsamsten Flecken Erde sind wohl nur über Wellblechpisten zu erreichen. Aber wir haben uns keine feste Route vorgenommen, sondern lassen uns treiben. Wir müssen lediglich darauf achten, ein Dorf mit Laden zu erreichen, bevor unsere Essensvorräte alle sind.

Wo war es auf der Strecke am schönsten?
Bauer:
Verdammt schwer zu sagen. Patagonien ist so reich an magischen Orten, die uns verzaubert haben: ein Tal, eine weite Ebene oder gestern Abend der Lagerplatz am Gletscherfluss. Die Kinder haben natürlich andere Kriterien: Ein Platz, um im Matsch zu spielen, mit vielen Steinen und Stöcken oder eine Blumenwiese stehen bei ihnen höher im Kurs als Orte mit perfekter Aussicht.

Gab es auch einen Ort, den alle vier Familienmitglieder scheußlich fanden?
Raßbach: Wir sind kürzlich mit einem schaukelnden, staubigen, stickigen Bus gefahren, in dem uns allen schlecht wurde. Wir waren heilfroh, als wir später wieder auf unseren Rädern saßen.

Brenzlige Situationen erlebt?
Bauer: Jedes Überholmanöver kann gefährlich werden. In Argentinien haben wir einen langen Stock mit Fahne zum Abstandhalten ans Rad montiert – und ein Schild »Niña a bordo«, Mädchen an Bord.

Auch mal Angst bekommen?

Bauer: Zweimal. Vor ein paar Tagen waren wir auf einem Rodeo; als wir gehen wollten, war Smilla plötzlich verschwunden. Wir mussten sie ausrufen lassen, ein Gaucho brachte sie uns wieder. Sie wollte schon allein zurück zum Zelt laufen. Das andere Mal sind Wibke und die beiden Mädels barfuß beinahe auf eine große Schlange getreten. Später stellte sich aber heraus, dass sie nicht giftig war.

Wo haben Sie geschlafen, wenn niemand Sie eingeladen hat?

Raßbach: Im Zelt, manchmal in günstigen Pensionen.

Was nimmt man mit für ein halbes Jahr unterwegs?
Raßbach: Im Prinzip das Gleiche, was man auch für eine Woche packen würde – plus Waschbürste. Unsere Räder dürfen nicht zu schwer für steile Anstiege und Schotterpisten sein.

Wer kam auf die Idee, mit dem Fahrrad durch Patagonien zu fahren?
Bauer: Wibke, kurz nach Selmas Geburt. Im Sommer 2011 haben wir eine vierwöchige Testtour durch Finnland unternommen, danach haben wir auf Patagonien gespart.

Wie viel Geld braucht denn eine Familie in Südamerika?
Bauer: Jedenfalls mehr, als wir gedacht hatten, obwohl wir keine Fahrtkosten haben. Aber das Essen ist teuer im abgelegenen Süden. Wir geben zwischen dreißig und fünfzig Euro am Tag aus. Wir haben uns das zusammengespart. Ich arbeite in Deutschland als Designer und Innenarchitekt, Wibke im Waldkindergarten. Außerdem verdienen wir etwas Geld mit Diavorträgen über unsere Reisen.
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