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aus Heft 12/2013 Gesellschaft/Leben

Der lange Abschied

Mario Kaiser  Fotos: Maurice Weiss

Ein Mann, ein Traum, ein Missverständnis: Der Gerüstbauer Andreas Läufer wollte nur sein Geld verdienen. Und er hatte eine gute Idee. Doch dann ging etwas schief zwischen ihm und dem deutschen Sozialstaat. Die Geschichte einer Entfremdung.



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Am Ende, als er sich abwendet von diesem Staat, legt er die Wohnungsschlüssel in einen Umschlag, klebt ihn zu, wirft ihn in den Briefkasten und geht. »So einfach geht das«, sagt er. Das sind seine letzten Worte in dieser Beziehung. Er sagt sie zu sich selbst, weil er den anderen nichts mehr zu sagen hat. Es war ein Prozess, eine langsame Entfremdung. Es gab Diskussionen, Auseinandersetzungen, Briefe wurden geschrieben, Forderungen gestellt, es wurde laut. Aber am Ende ist er ganz ruhig, befreit irgendwie.

An einem warmen Sonntag im Mai 2010 steigt Andreas Läufer in einem Hinterhof in Berlin auf sein Mofa und fährt davon. Er überquert keine Grenze, er bleibt in Deutschland. Aber die Bundesrepublik lässt er hinter sich. Er verlässt sie über die Karl-Marx-Straße, im Kopf ein paar eigene Gedanken zu Staat und Kapital.

Er zieht sein Kapital hinter sich her, in einem selbst gebauten Anhänger, auf dessen Rückseite, neben einem Totenkopf, »Hell on wheels« steht. Es gibt nicht viel außer dieser Kiste und dem silbernen Phoenix an seinem Hals, woran Läufer hängt. Der Staat gehört nicht mehr dazu, den hat er abgeworfen.

Als Läufer nach Berlin kam, hatte er einen Traum. Er hatte die längste Zeit seines Lebens Gerüste gebaut und Strukturen geschaffen, auf denen andere aufbauten. Doch er trug eine Lücke in seinem Lebenslauf mit sich herum. Er hatte seine Ausbildung nicht abgeschlossen und glaubte, er bräuchte kein Zertifikat seiner Talente. In diesem Punkt unterschätzte er Deutschland, und er fand in der Arbeitswelt nie seinen Platz. Ihm fehlte das Gerüst seines Lebens.

In Berlin wollte er etwas bauen, was bleibt. Er hatte keine große, visionäre Idee, doch er glaubte, dass sein Plan gut in die mobile Stadt der Zukunft passte. Er wollte am Ostbahnhof eine Fahrradwerkstatt gründen, aber nicht irgendeine. Er wollte sich auf Cruiser spezialisieren, feinstaubfreie Straßenkreuzer für nachhaltige Stadtmenschen.

Man muss Läufer betrachten und zurückgehen in dessen Leben, um zu verstehen, woher diese Idee kommt. Er ist ein groß gewachsener, sehniger Mann mit gasflammenblauen Augen, langen blonden Haaren, einem nicht ganz so langen Bart und einer Totenkopf-Tätowierung, die er sich in den Arm stach. Er trägt gern Lederwesten und mag metallische Musik, doch für ein Motorrad fehlte ihm immer das Geld.

Cruiser kommen für Läufer gleich danach, und er glaubte, dass er für seine Werkstatt alles durchdacht hatte – den Standort, das Unternehmensprofil, den Geschäftsplan. Eine neue Zeit sollte beginnen in Berlin. Es war eine Heimkehr in die Stadt, in der er geboren wurde. Ein West-Berliner, der am Ostbahnhof seinen Traum verwirklicht. Es klang nach einer schönen deutschen Geschichte.

Die Geschichte beginnt mit einem Glücksfall der Bürokratie. Auf seiner Suche nach Unterstützung landet Läufer im Jobcenter Neukölln. Die Kunden werden dort nach Buchstaben gebündelt, das führt ihn zu Arbeitsvermittler Helmuth Pohren-Hartmann, zuständig für »La« bis »Le«. Pohren-Hartmann ist so, wie man Läufers perfekten Berater klonen würde. Ein Mann, der genau hinsieht und zuhört, frei von Sachbearbeiterignoranz und Dienst-nach-Vorschrift-Symptomen. Der gelernte Großhandelskaufmann wuchs in prekären Verhältnissen auf, hat eine Vergangenheit als Arbeitsloser und eine stille Wertschätzung für Unangepasste.

Als Läufer zum ersten Mal Pohren-Hartmanns Büro betritt und seine Idee präsentiert, zeigt er ihm Fotos von Cruiser-Fahrrädern und Werkzeugen für deren Reparatur. Den Arbeitsvermittler beeindruckt Läufers Detailwissen und dessen Entschlossenheit, seinen Plan zu verwirklichen. »Er ist aus dem Rahmen gefallen im Vergleich zu dem, was wir hier sonst haben«, sagt Pohren-Hartmann. »Er hatte eine Mission.«

Läufer ist zu diesem Zeitpunkt gerade von Düsseldorf nach Berlin gezogen und wohnt in einer Unterkunft für Obdachlose. »Will dort schnell wieder raus«, notiert Pohren-Hartmann in der Kundenakte. Viele Sätze in dieser Akte erzählen von Läufers Willen. Sie stehen in den »Historieneinträgen«, und sie klingen, als könnte Kundennummer 419A300737 die Chiffre einer Erfolgshistorie werden.

Läufer beginnt unmittelbar nach seiner Ankunft als Tagelöhner zu arbeiten. Als Hartz-IV-Empfänger könnte er seine Versorgung dem Staat überlassen und auf die Bearbeitung seiner Anträge warten, aber er erscheint jeden Morgen um vier in der Jobvermittlung Neukölln und lehnt kein Angebot ab. Trägt Bauschutt durch Treppenhäuser, hebt Gräben aus, entrümpelt Garagen, verlegt Pflastersteine, schneidet Hecken, kratzt Pilz aus verschimmelten Wohnungen. »Und dann wurde er krank«, erinnert sich Pohren-Hartmann, »und sagte: Ist egal, ich arbeite trotzdem.«

Pohren-Hartmann berät etwa 450 Kunden bei der Suche nach Arbeit. Er kann sich in den Gesprächen mit ihnen nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit nehmen, wenn er im Dickicht seiner Aufgaben nicht die Orientierung verlieren will. Die meisten Gesichter verblassen in seiner Erinnerung, aber die Begegnungen mit Läufer kann er mit der Präzision eines Stenografen beschreiben. Er erzählt von ihnen in schlanken, analytischen Sätzen, in denen Läufer eine Figur ist, die einen langen Schatten warf auf den Jobcenterfluren. »Ich muss Ihnen sagen: Ich fand ihn toll.«

Läufer erkennt das nicht. Er ist fixiert auf seinen Traum von der eigenen Werkstatt, und ihm gehen die Dinge zu langsam. Pohren-Hartmann will ihm helfen, doch er hält es für den klügeren Weg, ihn zuerst zum Zweiradmechaniker umzuschulen. Er kennt den Wert der Zertifikate. »Wir sind ein Scheinland«, sagt er. »Sie müssen hier für alles Scheine haben.«

Läufer hat das verinnerlicht. Wichtige Dokumente archiviert er in einem Ringordner mit Klarsichthüllen. Bevor er sie dort abheftet, thematisch und chronologisch geordnet, scannt er sie und speichert eine Sicherungskopie auf einer externen Festplatte. Die Festplatte verwahrt er in einem kleinen, mit Schaumstoff ausgelegten Aluminiumkoffer. Er ist ein guter Buchhalter seines Lebens.

Den Wert, den ein Zweiradmechaniker-Zertifikat in seiner Dokumentensammlung hätte, unterschätzt er. Die Umschulung würde ungefähr 10 000 Euro kosten. Pohren-Hartmann sieht sie als erste Phase eines Drei-Stufen-Plans, an dessen Ende die Selbstständigkeit steht. In der zweiten Phase will er Läufer in der Werkstatt eines anderen an das Ziel heranführen. Es ist der gründliche deutsche Weg. »Ich kann ja alles nur im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten tun«, sagt er, und aus diesem Rahmen fällt Läufer heraus. Er ist 49. »Das ist bei uns schon alt«, sagt Pohren-Hartmann. »Leider.«

Es verletzt Läufer, dass er, gemessen mit den Schablonen der Bürokratie, die Norm nicht erfüllt. Im Mittelpunkt seiner Geschichte sieht er einen Mann mit Talenten, einem Plan und nicht zu brechendem Arbeitswillen, und er will nicht glauben, dass es im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten keine Abkürzung für ihn gibt. Es ist ein erstes Anzeichen, dass er Schwierigkeiten hat, sich mit der Systematik des Staates zu arrangieren. Vielleicht unterschätzt er, wie komplex Geschichten sind, in denen der Staat eine Rolle spielt. Und vielleicht unterschätzt der Staat, wie komplex Läufers Geschichte ist, wenn man sie aufblättert. In gewisser Weise sind sie sich ähnlich, er und der Staat. Sie heften beide gern Papier ab und berufen sich beide gern auf das Recht. Sie folgen beide einem eigenwilligen, manchmal schmerzhaft detaillierten Regelwerk, und in der Auslegung sind beide sehr streng. Vielleicht sind sie zu deutsch füreinander.

Vier Monate nach seiner Ankunft wendet Läufer zum ersten Mal den Blick ab von Berlin. Er fährt nach Osnabrück und sucht dort nach Arbeit. Nach seiner Rückkehr berichtet er Pohren-Hartmann von der Aussicht auf einen Job in einer Fahrradwerkstatt. Es scheint, als wolle er dem Rat des Vermittlers folgen und den zertifizierten Weg gehen.

Das Jobcenter mag Kunden, die weite Wege gehen auf der Suche nach Arbeit. Es belohnt sie mit der Erstattung der Fahrtkosten. Doch Läufer vergaß, die Reise zu beantragen. Es ist nur ein Formfehler, aber die Form ist eine elementare Kategorie des Scheinlands. Für Läufer ist das Ringen um die Erstattung der Fahrtkosten ein weiterer Historieneintrag in seiner Akte der Staatsdefizite. Er führt Buch über diejenigen, die Buch führen über ihn, und für ihn fügt sich das Bild eines Staates zusammen, der Form über Funktion stellt.

Das ist die Bruchstelle in ihrer Beziehung, die Frage nach Form und Funktion des Staates. Je tiefer Läufer hineingezogen wird in die Mechanik der Bürokratie, desto klarer wird ihm, dass sein Lebensentwurf nicht systemkonform ist. Eine Zeit lang hält er das aus und heftet Konflikte über Formfragen einfach ab. Doch dann geschieht etwas, das ihn aufbringt: Der Staat verdächtigt ihn. Er soll nachweisen, dass er nicht mehr Tagesjobs annahm, als er angab – und damit Geld verdiente, das ihm von seinen Hartz-IV-Zahlungen abgezogen werden müsste. Der Verdacht des Systembetrugs hängt über ihm.

Läufer kann den Verdacht entkräften, er zieht entlastende Dokumente aus seinen Klarsichthüllen. Doch der Vorgang trifft ihn an einem empfindlichen Punkt: Er stellt ihn auf eine Stufe mit den anderen. Läufer, selbst ein Hartz-IV-Empfänger, betrachtet die anderen mit dem Westerwelle-Sarrazin-Mißfelder-Blick. Er sieht bei ihnen einen Hang zu Faulheit und Sauferei, eine spätrömische Prekariatsdekadenz. Nun fühlt er sich stigmatisiert. Zu der Anhörung, in der er sich erklären soll, erscheint er nicht. Pohren-Hartmann verzichtet auf die Anhörung und bewahrt ihn vor Konsequenzen. Es ist eine Geste, doch sie erreicht Läufer nicht mehr.

In den Wochen danach rennt Läufer von einem Tagesjob zum nächsten, als wolle er sich bei den Firmen empfehlen. Doch er befindet sich bereits in der Abwicklungsphase – er braucht Geld für die Zeit danach. Die Beziehung zwischen ihm und dem Staat ist zerbrochen, angekommen am Schlusspunkt einer Geschichte, in der unterschiedliche Staatsverständnisse, eine reformierte Republik und Joschka Fischer eine Rolle spielen. Als er loslässt, fühlt Läufer sich wie ein Faktor in einer Kosten-Nutzen-Rechnung, betrachtet durch das dunkle Glas der Marktwirtschaft, und er reagiert kühl marktwirtschaftlich. Er privatisiert sein Leben.
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Mario Kaiser begegnete Andreas Läufer im Wartezimmer der Jobvermittlung Berlin-Neukölln. Als Läufer ihm erzählte, dass er sich aus dem Staat zurückziehen werde, war Kaiser skeptisch. Das änderte sich, als er ihn bei diesem Prozess begleitete und ihm über zwei Jahre durch Deutschland folgte. Er schlief auf Wiesen und unter Brücken neben ihm, und als der Reporter sich einmal darüber beklagte, nicht noch mehr Zeit mit ihm verbringen zu können, tröstete Läufer ihn mit den Worten: »Man kann nicht alles haben im Leben.«

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