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aus Heft 12/2013 Gesellschaft/Leben

Der lange Abschied

Seite 2: Es bleibt nichts zurück

Mario Kaiser  Fotos: Maurice Weiss


Jetzt zieht er die Tür hinter sich zu und lässt nichts zurück außer einer leeren Wohnung, einer Penny-Tüte mit Abfall und einem Brief. »Die Wohnung ist gereinigt und besenrein«, so beginnen seine letzten Zeilen. Er verabschiedet sich im Ton eines Sachbearbeiters, klarsichthüllenkalt. »Die Mietkaution kann für eventuelle Außenstände verwandt werden bzw. ist an das Jobcenter Neukölln zurückzuzahlen. Mit freundlichen Grüßen, Andreas Läufer, Karl-Marx-Str. 204/206, Wohnung 70, 2. SF links, 4. OG, 12055 Berlin.«

Zwei Tage zuvor meldete er sich ab, das hielt er für seine Pflicht. Die Dame im Einwohnermeldeamt wollte wissen, wohin er zieht. Sie brauchte etwas, um die Leerstelle in ihrem Formular zu füllen. Läufer wollte ihr nicht erklären, dass er gekommen war, um sich aus dem Staat abzumelden. Da sagte er: Italien.

Er zieht um in eine andere Struktur, in gewisser Weise auch ein anderes Land. Läufer fährt nicht nach Süden, sondern nach Westen, nach Osnabrück. Dort lebte er vor Jahren einmal, und er hat gute Erinnerungen an die Aufgeräumtheit der Stadt. Sein Ziel ist das ehemalige Franziskanerkloster, in dem sich Ordensschwestern um die Hungrigen in den Ritzen der Osnabrücker Bürgerlichkeit kümmern. Ein Freund arbeitet dort und erzählte ihm, dass es in dem Haus einen Platz geben könnte für einen Mann mit seinen Fähigkeiten, vielleicht auch für eine Fahrradwerkstatt.

Das ehemalige Kloster ist immer noch ein Ort, der vom Glauben getragen wird, doch Läufer sucht dort nur beruflich nach Sinn. Er will sich in kein System mehr einfügen, sich keiner Hierarchie mehr unterordnen. Er will als externer Dienstleister an das System der Schwestern andocken, ohne Scheine. Sein Verhältnis zur Kirche ist so gespalten wie das zum Staat: Er ist ausgetreten und glaubt nicht mehr an die Institution. Er nutzt nur noch die Infrastruktur.

Läufer betreibt das Outsourcing seiner selbst mit radikaler Konsequenz, auch seinen Wohnsitz lagert er aus. Es soll keine Verortung mehr geben in seinem Leben, keine Hausnummer, keine Postleitzahl. Seine Handynummer, seine E-Mail-Adresse, seinen Skype-Namen und seine Facebook-Seite wird er behalten, um sich einzuklinken in die Netze, in denen er sich bewegt. In seinen Personalausweis wird er eine Zahlenkombination eintragen lassen, die eine Chiffre ist für Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben. Doch wenn man Läufer über zwei Jahre folgt bei der Abwicklung des einen Lebens und dem Aufbau des anderen, wird klar, dass er kein Obdachloser ist. Er hat nur kein Gehäuse.

Am Morgen seines letzten Arbeitstages in Berlin geht Läufer durch einen dunklen, endlosen Regen. Seine Schritte haben eine raumgreifende Leichtigkeit, doch seine Lungen klingen wie von innen zerkratzt. Arbeitsunfälle und Krankheiten hinterließen eine lange Spur in seinem medizinischen Lebenslauf. Das ärztliche Gutachten, das Pohren-Hartmann in Auftrag gab, liest sich wie eine Risikoanalyse. Zwei Operationen wegen eines Nasenhaut-Tumors und eine chronische Entzündung der Nasenschleimhäute ließen den Arzt eine sprachlich ungelenke, aber medizinisch scharfe Schlussfolgerung ziehen: »Folgende Arbeiten sind auszuschließen: Nässe, Kälte, Zugluft, Temperaturschwankungen, Arbeiten draußen mit Sonneneinwirkung.«

Läufer ignoriert das. Auf der Suche nach seinem letzten Job geht er noch einmal durch die Neuköllner Straßen, die in den vergangenen neun Monaten der Mittelpunkt seines Lebens waren. Sie ziehen wie die Kulissen einer Aufführung über das Leben in den Zeiten der Globalisierung an ihm vorbei. Der Arbeiterstrich auf der Karl-Marx-Straße, wo die osteuropäischen Tagelöhner und der einsame Kameruner in Kleinlastern verschwinden, auf deren Flanken die Namen deutscher Handwerksbetriebe stehen. Die
Praxis von Dr. Darwesh (»Doctor of Philosophy in Medicine«). Die Spielothek »Glücksburg« (»Jeder Besuch ein Gewinn«). Das leere Schaufenster mit dem leeren Versprechen (»Insolvenzware – extrem günstig«).

Um vier Uhr sitzt Läufer in der Jobvermittlung und wartet auf die Auslosung der Reihenfolge, in der die Jobs vergeben werden. Er wollte diese Jobs nur vorübergehend machen, sie sollten seine Brückentechnologie sein bis zum Anbruch der Fahrradwerkstattzeit. Jetzt sind sie sein Kerngeschäft.

Sein Name wird als zweiter gezogen, und in zwei Stunden wird er auf einer Baustelle am anderen Ende der Stadt erwartet. Auf dem Weg zur S-Bahn blickt er zurück auf seine politische Vergangenheit und landet bald bei dem Mann, der ihn auf besondere Weise mit dem Staat verband. Er ist inzwischen ein älterer Staatsmann, der von oben auf den politischen Betrieb sieht und manchmal sein Urteil herabschickt. Auch er hat losgelassen. Das fiel ihm leicht, weil er in Berlin erreichte, was Läufer nicht gelang. Er verwirklichte seinen Traum.

Joschka Fischer verkörperte die Regierung, auf die Läufer immer gewartet hatte. In einer früheren Zeit hatten beide dafür gekämpft, den Staat zu durchlüften, ihn diesseitiger zu machen, durchlässiger. Sie waren nicht befreundet, doch ihre Wege kreuzten sich im Berlin der Revoluzzer und Hausbesetzer, und wenn Läufer von dieser Zeit erzählt, in den Augen das Leuchten des Aufbruchs, scheint es, als hätten die beiden den selben Traum gehabt.

Läufer und Fischer. Zwei Namen wie die Überschriften ihres Lebens. Der eine suchte immer nach seinem Weg und verrannte sich. Der andere hatte ein Gespür für Strömungen und warf klug seine Netze aus. In Berlin berührten sich ihre Leben, in Berlin entfernten sie sich. Der eine wurde Außenminister und veränderte den Staat. Der andere sah in diesem Staat keinen Platz mehr für sich und zog sich aus ihm zurück. Im Prinzip machten Fischer und die Regierung, die er mit Schröder anführte, genau das, was Läufer von ihnen erwartete: Sie wagten den Systembruch. Sie nahmen den Sozialstaat auseinander und fügten seine Komponenten neu zusammen. Sie formten einen Sozialstaat, der ein bisschen moderner war, ein bisschen beweglicher, ein bisschen ehrgeiziger. Aber sie fanden die Schnittstelle zwischen Reformen und Reformierten nicht, die Verbindung zu denen, die diesen Staat als kälter empfanden. An diesem Punkt verloren sie Läufer.

Als es zum Bruch kommt zwischen ihm und dem Staat, ist Fischer längst fort aus der operativen Politik, und es hilft nicht, dass er in einer Villa im Grunewald residiert. »Damals war er froh, wenn er Marmelade auf der Stulle hatte«, sagt Läufer. »Jetzt schwimmt er im Kaviar.« Es ist ein schönes Bild, um einen Mann zu porträtieren, der als Berater am Bau einer Pipeline namens Nabucco verdient, die russisches Gas vom Kaspischen Meer nach Europa bringen soll. Es klingt, als neide er Fischer das Geld, aber das ist es nicht. Es geht, wie fast immer bei Läufer, um Grundsätzliches, um das, was Fischer den Paradigmenwechsel nennen würde.

In Läufers Gedanken hängt an Fischer das Wort, das weit oben in Schröders Nachruf stehen wird. Am Anfang klang das Wort nach einem rekonfigurierten Sozialstaat, der mit solcher Schubkraft durchstarten würde, dass dem Wort Ziffern angehängt wurden, wie Zündstufen. Doch für Läufer ist Hartz IV der Codename einer Operation, die ein Versprechen machte, das der Sozialstaat nicht erfüllt. Er sieht ein Ungleichgewicht zwischen dem Fordern und Fördern. Das Geld, das aus seiner Sicht kontaminiert ist durch den Verrat dieses Prinzips, nimmt er bis zum Schluss. Er sieht darin keinen Widerspruch. Unter dem Strich, den er unter sein Leben zieht, errechnet er ein Staatsdefizit. Er fühlt sich unterfördert.

Auf seiner letzten Baustelle in Berlin steht Läufer in einem Graben, glasiert mit feuchter Erde, und schaufelt, bis er langsam im Boden verschwindet. Er ist einer der ersten Tagelöhner, mit denen die Firma zusammenarbeitet. Eine Aufseherin steht neben dem Graben und beobachtet ihn.

»Für uns ist das ein Testlauf«, sagt die Aufseherin.
»Ich bin am 31. weg«, erwidert Läufer.
»Und wo gehen Sie hin?«
»Ich geh weg. Berlin ist für mich ein Luftloch.«

Läufer spricht oft in Bildern, lyrisch und proletarisch zugleich. Manchmal zitiert er Weisheiten von Brecht und Zille, bevorzugt die bildhaften. Er musste sich das anlesen, weil er die Schule mit 14 Jahren verließ. Er ist ein Beobachter mit durchdringendem Blick, und der zweite Tagelöhner, der mit ihm im Graben steht, beunruhigt ihn. Läufer hat den Mann bei der Jobvermittlung nie gesehen und er vermutet, dass er mit den Papieren eines anderen arbeitet. Das will er melden. Er glaubt, das sei er dem Staat schuldig.

In seiner Wohnung entkernt Läufer sein Leben und wirft ab, was nicht systemrelevant ist. Er hat keinen Tisch mehr, keinen Stuhl, kein Bett, nur eine Matratze und einen Schlafsack. Daneben liegt ein Aluminiumkoffer mit seinem Laptop und Navigationsgerät. »Mein Bewegungskoffer«, sagt er. Über dem Kohleofen hängen ein blaues und ein rosa Handtuch, davor steht ein makellos geputztes Paar schwarzer Schuhe. Der Vorhang am Fenster, der den Raum in blaues Licht taucht, ist ein Müllsack. Läufer steht in der Mitte des Raumes und betrachtet die Leere um sich herum. »Die meisten brauchen viel«, sagt er. »Ich brauche nicht so viel.«

An dem Tag, als er Berlin verlässt, steht Läufer um kurz vor fünf auf und isst die Reste aus dem Kühlschrank. Er beginnt zu verschwinden, wie einer, der sich rückwärts bewegt und alle Spuren beseitigt. Er duscht, dann belädt er den Anhänger unten im Hof. Das Innere des Anhängers strukturiert er wie die Abteilungen eines Warenhauses: Lebensmittel, Werkzeug, Haushaltswaren, Elektronik, Drogerie. Sein Sortiment reicht vom Linseneintopf »Dinnerfee« bis zu Wiesenkräuter-Shampoo.

Das Mofa, mit dem er sein Leben verschiebt, ist ein Relikt aus einem vergangenen Deutschland. Es stammt aus einer Zeit, in der in Postämtern Fahndungsplakate mit Gesichtern von RAF-Terroristen hingen, Karl-Heinz Köpcke in der Tagesschau mit getönter Brille die Nachrichten verlas und Helmut Kohl die geistig-moralische Wende vorbereitete. Mit seiner roten Zündapp, Baujahr 1982, Modell »Madras«, will er in der Mitte des Tages aufbrechen. »Zwölf ist ’ne gute Zeit«, sagt er. Eine Zeit, die einen Wendepunkt markiert.

Als die Wohnung leer ist, geht er in die Eckkneipe »Zur Rixdorfer Molle« und steht dort wie eine Figur in einer Postkarte aus einem vergilbten Deutschland. Zum Abschied leistet er sich seinen letzten Berliner Luxus, eine große Fassbrause. Er wirkt leichter in diesen letzten Stunden, wie ein Mann, dessen Fragen beantwortet sind, auch die verfassungsrechtlichen. »Wir haben nach dem Grundgesetz das Recht zu arbeiten«, sagt er. »Aber ich glaube, das steht nur so auf dem Papier.«

Läufer irrt. Das Grundgesetz garantiert das Recht auf die freie Wahl des Arbeitsplatzes, aber nicht das Recht auf Arbeit. Er interpretiert diesen Artikel zu seinen Gunsten, weil er glaubt, dass er sich das Recht auf den freien Wunsch des Arbeitsplatzes mit seiner Lebensleistung verdient hat. Er, der nie viel verlangt hatte vom Staat, wollte einen Existenzgründungszuschuss wert sein. Pohren-Hartmann konnte das nicht genehmigen. Er lehnte nur einen Antrag ab, aber für Läufer war es die Ablehnung seines Lebens.
Er nimmt den Umschlag mit der Kündigung des Mietvertrags und macht im Telecafé nebenan eine Kopie für seine Buchhaltung. Zurück in der Wohnung prüft er ein letztes Mal, ob er sie ordnungsgemäß hinterlässt. An der Tür klebt noch das Namensschild seines Vorgängers. Herr Läufer lebte hier als Herr Tauscher.

Er schließt die Tür zweimal ab und geht die Treppe hinunter, in der einen Hand die Kündigung, in der anderen die Penny-Tüte mit Abfall. Im Flur legt er die Schlüssel in den Umschlag und wirft ihn in den Briefkasten des Hausmeisters. Um zwölf Uhr, als in der Nähe Kirchen-glocken läuten, blickt er auf seine Armbanduhr und fährt vom Hof. Dann fädelt er in den Verkehr auf der Karl-Marx-Straße ein und ist fort.
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Mario Kaiser begegnete Andreas Läufer im Wartezimmer der Jobvermittlung Berlin-Neukölln. Als Läufer ihm erzählte, dass er sich aus dem Staat zurückziehen werde, war Kaiser skeptisch. Das änderte sich, als er ihn bei diesem Prozess begleitete und ihm über zwei Jahre durch Deutschland folgte. Er schlief auf Wiesen und unter Brücken neben ihm, und als der Reporter sich einmal darüber beklagte, nicht noch mehr Zeit mit ihm verbringen zu können, tröstete Läufer ihn mit den Worten: »Man kann nicht alles haben im Leben.«

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