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aus Heft 12/2013 Medien Noch keine Kommentare

»Meine Regel: tagsüber zehn Zentimeter, am Abend höher«

Seit zwei Jahren ist Carine Roitfeld nicht mehr Chefin der französischen Vogue - und trotzdem geht in der Modewelt nichts ohne sie. Ein Gespräch über wirkungsvolle Absätze und Kosakenbräuche.

Von Anne Philippi (Interview) 




Madame schwebt ein. Anders kann man es nicht beschreiben, wie Carine Roitfeld, 58, an diesem kalten New Yorker Wintermorgen das »Mark Hotel« betritt. Nur hat Madame absolut nichts Madamiges an sich: Roitfeld trägt unterschiedliche Diamantohrringe, ein messerscharf geschnittenes graues Kostüm und trotz Eiseskälte keine Strümpfe. Niemals. Dieser Look zwischen Eleganz und Wildheit hat sie berühmt gemacht, und obwohl sie ihre Stellung als Hohepriesterin der Mode – Chefredakteurin der französischen »Vogue« – vor zwei Jahren verloren hat, posten noch heute alle Fashionblogs der Welt, was sie trägt. An ihr kommt niemand in der Modewelt vorbei.

Im Februar erschien die zweite Ausgabe ihres Hochglanzheftes »CR Fashion Book«. Thema: Ballett. Sie sei »besessen« davon, erzählt sie beim Ingwertee. Seit eineinhalb Jahren nimmt sie Ballettunterricht, ihr Körper habe sich komplett verändert. Deshalb jetzt dieses Heft.

In der ersten Ausgabe ging es um Wiedergeburt, da war sie gerade Großmutter geworden. Das »CR« im Titel ist also Programm: Bei Carine Roitfeld geht es immer um Carine Roitfeld.

Später wird sie sich dann in ihrem weißen Mercedes-Jeep durch die Stadt kutschieren lassen. Weißer Mercedes-Jeep? Wirklich? »Er ist ein wenig geschmacklos, aber das ist unterhaltsam. Non?«

SZ-Magazin: Als Sie 2011 nach zehn Jahren die französische Vogue verließen, sagten Sie, es sei ein goldener Käfig gewesen. Wie ist das Leben hier draußen?
Carine Roitfeld: Es ist gut, wieder in der Realität zu sein. Und ich weiß wieder, was es heißt, auf der Straße ein Taxi finden zu müssen.

Für die Vogue haben Sie einen neuen Frauentyp, einen neuen Look erfunden. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Erotik-Porno-Schick. Die Frau, die ihn tragen konnte, war sexy, aber immer noch elegant. Nicht vulgär. Ich habe sie auch mal »black-eyed woman« genannt, weil ich ihr immer sehr viel Kajal um die Augen geschmiert habe. Ich mag keine kleinen Modelmädchen mit halb offenen Mündern und Zöpfchen. Die Frauen in meinem Heft waren immer sehr selbstbewusst. Sie sollten zeigen, was sie haben.

Warum funktioniert dieser Look 2013 nicht mehr richtig?

Ich persönlich will nicht mehr so viel Nacktes sehen. Ich will es lieber intellektuell. Und ich will mich amüsieren, wenn ich Frauen für ein Magazin anziehe, ich will mich kaputtlachen am Set. Viele Leute in der Branche nehmen die Mode viel zu ernst.

Sie haben als erste Modechefin einen schwarzen Transvestiten mit Bart auf das Cover gepackt.
Das war toll, nicht? Und es hat sich verkauft, trotz der üblichen Bedenken. Mein Grundsatz war immer, sehr Klassisches mit sehr Gewagtem zu verbinden. Ich hängte zum Beispiel Christy Turlington die Kette einer Chanel-Tasche um den Hals und die Tasche baumelte an ihrem Rücken herunter. Das sah nach Punk aus, nicht wie die übliche spießige Handtaschen-Werbung. Ich habe in dieser Zeit eine Menge Briefe bekommen.

Nette Briefe?

Nein, sehr fiese Briefe. Drohungen waren auch dabei. Wie bestimmte Leute auf Bilder reagieren, ist unfassbar. Aber es waren deren Fantasien, nicht meine. Ich habe zum Beispiel nie Fotos gedruckt, die meinen Kindern schaden konnten. Keine Magersüchtigen, keine Heroin-Look-Mädchen. Auf meinen Fotos sah man keine Drogen oder Blut.

Aber Diamanten. Und Zigaretten. Das reicht ja heute schon als Skandal.
Vor 30 Jahren hat man jedem Model eine Zigarette in den Mund gesteckt, weil es gut aussah. Das tut es noch immer.

Womit provozieren Sie heute? Ich glaube, Humor ist wieder als Provokationsmittel dran. Deshalb lasse ich Bruce Weber machen, ich folge seiner Verrücktheit blind. Wir haben zum Beispiel Big Ang aus der Reality-Show Mob Wives fotografiert, eine vollbusige Barbesitzerin aus einer Mafiafamilie. Und dann hatten wir noch einen Schimpansen aus Las Vegas im Armani-Smoking. Ich hielt ihn lange im Arm, ich war besessen von ihm.

Wollen wir über Ihre größte Obsession sprechen?

Was könnte die sein?

Ich denke, High Heels. Niemand trägt so hohe Schuhe wie Sie.
Vielleicht noch Lady Gaga. Ich bin stolz auf meine Füße, denn sie sind perfekt. Mein Tanzlehrer ist eifersüchtig auf sie, weil ich sie so gut spreizen kann. Ich könnte Fußmodel werden.

Sie sind also der Beweis, dass jahrzehntelanges Tragen von sehr hohen Absätzen dem Fuß nicht schadet?
Sagen wir so: Ich habe gute Fußgene. Die wichtigste Regel ist aber: Man darf vor der Absatzhöhe keine Angst haben, sonst fällt man hin. Ich würde niemals Ugg Boots oder Flipflops tragen. Das mag der Fuß nicht.

Was ist falsch an Flipflops?
Ich kann das Geräusch nicht ertragen.

Ab wann begannen hohe Schuhe in Ihrem Leben eine Rolle zu spielen?
Als ich den Fotografen Mario Testino traf. Er ist so groß, und um mit ihm auf Augenhöhe zu sprechen, brauchte ich Absätze. Dann konnte ich nicht mehr aufhören, und sie wurden zu meiner Uniform.

Wann sind High Heels zu hoch?

Nie. Meine Regel lautet: tagsüber mindestens zehn Zentimeter, am Abend höher. Stilettos haben übrigens noch andere Vorteile. Wenn er Rückenschmerzen hatte, fragte mich Tom Ford immer, ob ich in Stilettos auf seinem Rücken auf und ab spazieren könnte. Es hat gegen seine Verspannungen geholfen.

Also zieht man am Ende hohe Schuhe doch für Männer an, richtig? In Ihrem Fall für Mario Testino und Tom Ford.
Bei Tom geht die Sache weiter. Ich war und bin seine weibliche Ergänzung. Er fragte mich damals bei Gucci immer: Was würdest du anziehen? Wie hoch darf ein Kleid geschlitzt sein? Wie viel Busen darf man bei der Bluse sehen? Mein Körpergefühl galt ihm als Maß seiner Dinge.

Mit welchem Ergebnis?
Wir haben die Handtasche und die Sonnenbrille sexy gemacht. In den Neunzigerjahren fingen wir an, den Mädchen Handtaschen auf den Laufsteg mitzugeben. Und bumm, plötzlich waren die Taschen sexy. Tom ist ein extrem guter Geschäftsmann. Auf sehr raffinierte Weise hat er dieses ganze Studio-54-Jetset-Ding an seine Handtaschen gekoppelt.
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