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aus Heft 12/2013 Internet

In weiter Ferne, so nah

Andreas Bernard  Illustration: Rafael Alvarez

Skype wird zehn Jahre alt. Seit es die kostenlosen Videotelefonate gibt, sind Fernbeziehungen nicht mehr dasselbe: Die Entfernungen scheinen zu schwinden, Paare teilen mehr Alltag. Verändert Skype vielleicht sogar unsere Gefühle?

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Nur ein Ausschnitt des eigenen Lebens wird über das Videotelefon sichtbar: Was außerhalb davon passiert, bleibt manchmal ein Geheimnis.


Ein Klick auf das grüne Telefonsymbol, ein saugendes, immer schriller werdendes Geräusch, das schon so klingt, als würde es Distanzen schrumpfen, und plötzlich taucht es auf, das vertraute Gesicht in einer anderen Stadt oder am Ende der Welt. Dieser Skype-Effekt – für Menschen, die ihn selten erleben, immer noch mit leichtem Erschrecken verbunden – hat Frequenz und Charakter, wie wir mit weit entfernten Menschen in Verbindung bleiben, für alle Zeiten verändert.

Vor genau zehn Jahren, im April 2003, wurden die Internet-Adressen skype.com und skype.net vergeben; zweieinhalb Jahre später fügte das Unternehmen seinem kostenlosen Telefonangebot die Videofunktion hinzu. Heute sind über 700 Millionen Nutzer bei dem Dienst registriert, und seine Monopolstellung ist alleine daran ablesbar, dass das gebräuchliche Verb für das Telefonieren über Bildschirm längst identisch mit dem Namen der Firma ist. Wir »skypen«: Arbeitskollegen in verschiedenen Filialen, Eltern mit ihren in die Fremde gezogenen Kindern und vor allem Paare, die eine Fernbeziehung führen. Vermutlich ist keine andere Form des Zusammenlebens in ähnlicher Weise von einem Kommunikationsmedium begünstigt worden.

Wenn ein Liebespaar noch vor zehn, fünfzehn Jahren getrennt voneinander lebte, waren die Minuten, in denen die Stimme des abwesenden Menschen erklang, kostbar und hochkomprimiert. Bevor der Münzstapel auf dem öffentlichen Telefon aufgebraucht oder die Gebührenanzeige des privaten Apparats ins Unermessliche gestiegen war, musste alles gesagt sein; es gab kaum Zeit, um die wichtigsten Neuigkeiten zu erzählen und zu versichern, wie sehr man einander vermisse. Jedes Wort zählte in diesen Gesprächen, denn nach Tagen, in denen der andere nur als Vorstellung und Erinnerung existierte, waren sie der herbeigesehnte Moment der Vergewisserung – je erfüllter das kurze Miteinander, desto länger hielt die Sicherheit des Gefühls nach dem Auflegen an.

Im Zeitalter von Skype sind die Paare genau von dieser Notwendigkeit entbunden. Alle, die heute eine Fernbeziehung führen, erzählen vielmehr, dass sie das kostenlose Videotelefon gerade in aller Beiläufigkeit nutzen. Skypen heißt nicht nur, über Bildschirm und Mikrofon vertraut miteinander zu reden; der andere begleitet auch über Stunden hinweg den eigenen Alltag, bleibt zugeschaltet, wenn man kocht, die Wohnung aufräumt oder seine Mails checkt. Die Temperatur des Mediengebrauchs hat sich unter Liebespaaren also radikal abgekühlt: von den »glühenden Drähten« der seltenen und teuren Telefonate hin zum ständig verfügbaren Videotelefon, das auf Zimmerwärme mitläuft. Die täglichen Begegnungen zwischen Madrid und Konstanz, San Francisco und Berlin, Paris und München sind nichts Besonderes, sagen die Nutzer, sie sollen gerade auch nichts Besonderes sein. Denn anders als die vor Bedeutung stockenden Ferngespräche vergangener Zeiten stellt Skype keine Ausnahmesituationen her, sondern verhilft einer Liebesbeziehung über Hunderte und Tausende Kilometer hinweg zu einer Art Tagesnormalität. »Wenn mir Laura nicht jeden Abend von so halb interessanten Alltagssachen wie dem neuesten Uni-Klatsch erzählen würde«, sagt einer, der seine Freundin in Spanien nur alle sechs Wochen sieht, »wären wir sicher nicht seit über zwei Jahren zusammen.«

Dank Skype haben sich die Phasen von An- oder Abwesenheit in Fernbeziehungen angenähert und sogar vermischt. Früher waren diese beiden Kategorien so klar voneinander geschieden wie die geografischen Tatsachen: nicht nur der Atlantik lag zwischen zwei Menschen, sondern auch ein Ozean an Stille. Heute erzählt man sich per Videotelefon Tag für Tag aus seinem Leben und verbringt Zeit miteinander, hört gemeinsam Musik, tanzt zum selben Lied, liest dieselben Websites. Die medienerprobtesten Paare – seit einem kurzen Auslandsaufenthalt oder einem Easyjet-Wochenende in einem anderen Land liiert – erwecken den Eindruck, der Unterschied zwischen körperlicher oder nur visueller Präsenz falle gar nicht mehr ins Gewicht. Sie repräsentieren damit jenen Idealtypus der Skype-Liebe, an den sich die Einträge im Blog des Unternehmens richten. Einmal war dort von der Idee eines »romantischen Candle-Light-Dinners« die Rede, zu dem sich die getrennten Paare regelmäßig zusammenfinden sollen. Das zwischengeschaltene Medium wird in dieser Fantasie komplett unsichtbar: »Ein bisschen italienische Musik im Hintergrund, ein paar Kerzen angezündet, schnell eine leckere italienische Pasta zubereitet, und schon kann der Skype-Videoanruf starten. Zu zweit schlemmt es sich immer besser.«
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Andreas Bernard empfielt den Roman Unendlicher Spaß von David Foster Wallace, erschienen im Jahr 1996. Das Buch spielt in einer nahen Zukunft, in der das Videotelefon allgegenwärtig ist. Zu Beginn sind die Benutzer euphorisch, ihre Gesprächspartner auch zu sehen. Doch bald tragen beim Telefonieren alle nur noch Masken.

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