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aus Heft 13/2013 Gesellschaft/Leben

Mein Anschluss unter seiner Nummer

Moritz Baumstieger  Illustration: Lilli Carré

Unser Autor hat sein Handy in Nepal verloren. Er ließ es sperren - dann fand er heraus, dass er das Gerät trotzdem noch orten kann. Seitdem verfolgt er gebannt das Leben des neuen Besitzers. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Telefonverbindung.

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Ein Telefon auf Reisen
Am Flughafen in Kathmandu trennten sich die Wege unseres Autors und seines Handys. Einen Nepalesen hat es gefreut: Er hat das Telefon gefunden und seinem Vater gegeben, der es fleißig benutzt. Der Autor hat längst ein neues Handy - auf dem er dank Ortungsfunktion sehen kann, was der Nepalese so treibt.


Ich bin schon mal besser gelaunt aus dem Urlaub zurückgekehrt. Müde von zwei Bier am Flughafen, dreckig von zwei Wochen Himalaja merke ich kurz nach dem Start: Mein Handy ist in Kathmandu geblieben. Die tiefe Ledercouch am Terminal. Die weiten Taschen meiner Trekkinghose. Schlechte Kombination.

Ich ärgere mich zwei Wochen lang und kaufe dann ein neues iPhone. Ich gucke zu, wie ihm die Daten des alten zufliegen, die online als Sicherungskopie gespeichert waren. Alles ist wieder da: Fotos, SMS, meine Kontakte. Doch ein paar andere Kontakte stehen plötzlich auch in der Liste. Wer, zur Hölle, ist Sashi Papa? Wer Aayush Poudel? Und hätte ich mir einen Namen wie Sharma Bhattarai nicht gemerkt? Jemand muss das iPhone gefunden haben und es fleißig weiter benutzen.

Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich verstanden hatte, was da los war: Der Finder meines Handys benutzt zwar eine neue SIM-Karte – meine hatte ich sperren lassen. Aber iPhones haben eine Kennung, die ein Gerät dem Besitzer zuordnet und die man nur mit Passwort ändern kann. Immer, wenn man etwas speichert, schickt das Gerät eine Kopie ins Internet. Da mein altes und mein neues Handy mit derselben Kennung laufen, gleichen sie sich ständig ab. Denn wenn das Handy in der Sicherungskopie etwas findet, was es nicht kennt, lädt es das herunter.

15 Tage nach Urlaub, 18:53 Uhr. Ich habe gerade eine neue Funktion entdeckt: Ich kann mein altes Handy klingeln lassen, ferngesteuert. Das mache ich auch um 22:11 Uhr und um 23:24 Uhr.

Die Zeitverschiebung nach Nepal beträgt knapp sechs Stunden. Wenn jemand schon mein iPhone hat, soll er wenigstens schlecht schlafen.

Ich weiß inzwischen auch, wer es ist: Die neuen nepalesischen Kontakte in meinem Telefonbuch sind fast alle mit Facebook-Seiten verknüpft. Und obwohl sie Erwachsenen gehören, zeigen die Profilbilder meist Kinder oder Enkel – Familie scheint in Nepal etwas zum Angeben zu sein. Das Foto eines mürrischen, alten Mannes stach da heraus. Das Bild war unscharf, mit Grauschleier. Mein Handy machte solche Fotos, seit es einmal heruntergefallen war. Das Bild war vier Tage nach meinem Abflug hochgeladen worden. Die Facebook-Freunde des Mannes stimmten mit den Nepalesen in meinem
Telefonbuch überein. Ich hatte ihn. Bijay P., den neuen Besitzer meines iPhones. Die Sau.

20 Tage nach Urlaub, 2:30 Uhr. Ich kann nicht schlafen. Bijay ist seit Tagen verschwunden. Ist ihm etwas zugestoßen? Ich lasse den Bildschirm meines Telefons im dunklen Schlafzimmer aufleuchten. Zunächst passiert nichts. Dann taucht ein grüner Punkt über dem indischen Subkontinent auf. Er ist wieder da! Ich bin erleichtert.

Seit mir ein Freund gezeigt hat, wie ich mein altes Handy orten kann, hat sich mein Verhältnis zu Bijay verändert. Erst war er für mich ein weiteres Beispiel, dass die Welt schlecht ist und die Menschheit unehrlich – ich hatte ihm eine Nachricht mit Aussicht auf Finderlohn geschickt. Natürlich vergebens. Doch mit dem Programm »iPhone- Suche« bekomme ich alle Telefone mit meiner Kennung angezeigt, metergenau auf einer Landkarte. Oder auf einem Satellitenbild, mit dessen Hilfe ich mich bis in seinen Garten zoomen kann. Ruhige Gegend, nahe am Ganesha-Tempel. Wenn ich am Bildschirm Bijays Bewegungen verfolge, komme ich mir vor wie ein neugieriger Junge, der sich mit einer Lupe über einen Ameisenhaufen beugt. Nur dass ich meine Ameise, die durch Kathmandu wuselt, auf keinen Fall versengen will.

Schon weil die Geschichte ideal für Party-Gespräche ist. In der siebten Klasse haben wir alle auf Tamagotchis herumgedrückt, bunten Plastikkistchen, in denen virtuelle Haustiere gefüttert, gestreichelt und bespaßt werden wollten. Wenn ich jetzt in der Bar mein Handy zücke, freuen sich die Leute. Ein nepalesisches Tamagotchi – ist ja noch besser als früher! Jeder will mal gucken.

Und das, obwohl sich Bijay zuletzt nur wenig bewegt. Meist leuchtet der kleine grüne Punkt über seinem Haus. Ist ihm das iPhone vielleicht zu wertvoll, um es zu anderen Orten als den Reisterrassen auf der anderen Straßenseite mitzunehmen? Bauer ist er nicht, er hat an einer Uni namens »marjohn uk« studiert. Geht es ihm nicht gut, ist er einsam? Sein Facebook-Profil ist eines der wenigen ohne Fotos von Ehefrau oder Kindern.

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Auch Moritz Baumstiegers Wohnort lässt sich durch die Daten in seinem Handy finden. Als er das neue Gerät im Taxi liegen ließ, klingelten nachts zwei Männer an seiner Tür: Zivilbeamte, die es ihm zurückbrachten.