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aus Heft 13/2013 Wissen 3 Kommentare

Der weite Weg zum Glück

Eine Studie mit echt langem Atem: Seit 75 Jahren erforscht eine Gruppe von Wissenschaftlern, wie Menschen ein erfülltes Leben gelingt. Höchste Zeit für eine Zwischenbilanz.

Von Michael Saur (Interview) 



(Foto: Viktor Gårdsäter)

Was machen glückliche Menschen anders als andere? Die Grant-Studie versucht diese Frage zu beantworten. 268 Harvard-Absolventen, Jahrgang 1910 aufwärts, wurden vom Studium bis zum Ruhestand begleitet. Zu den Teilnehmern zählten der spätere Präsident John F. Kennedy und Theodore Kaczynski, der Unabomber. Ein Gespräch mit dem Leiter der Studie.

SZ-Magazin: Herr Vaillant, Sie haben die 268 Männer Ihrer Studie einmal als »Hunderte von Karamasows« bezeichnet, in Anlehnung an den Roman des Schriftstellers Fjodor Dostojewski.
George Vaillant: Richtig. Die Studie gewährt tiefe Einblicke in Schicksale, so wie es sonst nur dem Roman vorbehalten ist.

Was hat Sie in erster Linie gereizt, als Sie die Studie 1967 verantwortlich übernahmen?

Als ich die Akten zum ersten Mal sah, war das ein Gefühl, als hätte man mir den Schlüssel zu Fort Knox überreicht. Langzeitstudien, in denen Bestandsaufnahmen in Echtzeit durchgeführt werden, leiden nicht unter einem verzerrten Erinnerungsbild. Die Lebensläufe dieser Männer in der Länge und Tiefe verfolgen zu können war wie ein Blick durch das beste Teleskop der Welt.

Wissen Sie nach über 45 Jahren Forschung, was Glück ist?
Im poetischen Sinne ist Glück, in sein Ferienhaus zu kommen und die Wäsche sauber und ordentlich gefaltet vorzufinden. Und dabei von vier liebenden Kindern und sechs liebenden Enkeln umgeben zu sein.

Aber ein Ferienhaus muss man sich erst mal leisten können.
Das Haus muss nicht so groß sein wie das der Kennedys, sondern nur nah genug am Wasser liegen, damit man seinen Kindern das Segeln beibringen kann. Nein, das Ferienhaus meine ich im übertragenen Sinn. Reich zu sein ist kein Garant für Glück. Geld kann zweifellos Freude bereiten, doch an Reichtum gewöhnt man sich schnell. Dann wird er unbedeutend. Glück hat mehr mit Eleganz als mit Wohlstand zu tun. Eine gewisse Ordnung der Umgebung und der Umstände gehören zum Glück, und dazu Menschen, die man liebt und die einen lieben.

Können Sie die Definition von Glück prägnant in einem Satz formulieren?
Glück ist, nicht immer alles gleich und sofort zu wollen, sondern sogar weniger zu wollen. Das heißt, seine Impulse zu kontrollieren und seinen Trieben nicht gleich nachzugeben. Die wahre Glückseligkeit liegt dann in der echten und tiefen Bindung mit anderen Menschen.

Wer waren die Glücklichsten in Ihrer Studie?
Zwei gut ausgebildete Männer, die gelernt hatten, ihr Wissen als Lehrer erfolgreich weiterzuvermitteln. Sie hatten glückliche Familien und Ehen, die sechzig Jahre lang gehalten hatten.

Und die Unglücklichsten?
Unglück gab es in vielen unterschiedlichen Varianten. Diejenigen, die zu trinken begannen, an einer Depression oder an schlimmeren Psychosen erkrankten, waren die Unglücklichsten. Aber es gab daneben drei Rezepte für garantiertes Unglück: den Tod eines Kindes, den Tod eines Ehepartners und die Wahl des falschen Ehepartners.

Können Sie das in Zahlen fassen?
Ungefähr 25 Prozent der Teilnehmer haben ein gelungenes Leben geführt. Sie blieben von schweren seelischen und körperlichen Leiden verschont und sie blieben ihr Leben lang optimistisch. Ein Sechstel waren die »Traurig-Kranken«, die mit der Welt und sich haderten. Bei einem Drittel waren Leiden und Zufriedenheit ausgeglichen.

Kein Leben verläuft ohne Schicksalsschläge. Wie geht man damit am besten um?
Stoizismus, Altruismus, Humor, partielle Verdrängung, gepaart mit Realitätssinn und der Fähigkeit, aus der Erfahrung für die Zukunft zu lernen. Dagegen stehen Fantasie, Projektion, Ablehnung von Hilfe und passiv-aggressives Verhalten. Das halte ich für eher schädlich.

Was meinen Sie mit Fantasie?
Andere Menschen nicht so zu sehen, wie sie sind, sondern so, wie man sie haben will.

Setzt Glück eine gewisse Reife voraus?
Das kurze Glück ist das Geschwisterchen der Lust. Lust jedoch veranlasst zur Suche, ist selbstbezogen und birgt die Gefahr der Abhängigkeit. Aber jede Sucht ist immer ein Abgrund. Beim wahren Glück geht es um langfristiges Wohlbefinden, nicht um die Befriedigung von impulsiven Wünschen. Es stimmt also, wir sind für Abhängigkeiten anfälliger, wenn wir jünger sind. Insofern ist Reife wichtig.

Kann ein Mensch mit einem Leben, wie es Lindsay Lohan führt, glücklich werden?

Lindsay Lohan hat vermutlich spannendere Samstagabende als Sie und ich, aber ich bezweifle, dass sie ein glücklicher Mensch ist. Sie sucht das Glück und findet allerhöchstens kurze Glücksmomente. Das endet in der Regel mit einem heftigen Kater.

Kaum ein Mensch hat so viel unternommen, um glücklich zu werden - auch an seinem eigenen Körper -, wie Michael Jackson. Was hätten Sie ihm empfohlen, wenn Sie sein Psychoanalytiker gewesen wären?
Dass er sich selbst mehr wertschätzen, aber weniger an sich denken soll. Michael Jackson konnte sich nie mit seiner Identität abfinden. Sein Talent und sein Geld haben ihm ermöglicht, sich eine neue zuzulegen.

Geht denn das: sich völlig neu zu erfinden?
Der Gedanke ist naiv und unreif. Man kann sich nicht völlig neu erfinden, auch wenn gerade in den USA dieser Eindruck gern entsteht. Wir sind eine Mischung aus unseren Genen und unserer Sozialisation, und Michael Jackson schien unfähig, diese Mischung für sich zu akzeptieren.

Empfehlen Sie Psychoanalyse für die Glückssuche?
Ich glaube an Psychotherapie, und ich glaube an Gott. Psychoanalyse aber ist für Psychiater und nicht für Patienten. Während meines Medizinstudiums habe ich viel von den Leichen gelernt. Später habe ich viel von meinen Patienten gelernt, das war praktisch das Gleiche.

Ist die Glückssuche auch immer die Sehnsucht nach der Kindheit und damit nach der Zeit, in der wir stärker im Augenblick leben als später in unserem Leben?

Der Attentäter von Newtown, der Anfang Dezember zwanzig Kinder in einer Grundschule erschossen hat, konnte offenbar seiner Mutter nicht verzeihen, dass sie in ihrem zweiten Beruf Lehrerin geworden war und sich mit dieser Aufgabe anderer Kinder annahm. Er war erwachsen, aber unreif. Das muss nicht, kann aber zu Schizophrenie führen.

Was ist schwieriger? Sich selbst zu vergeben oder anderen?
Beides will gelernt sein. Weder Kinder noch geistig gestörte Erwachsene vermögen es. Der Mörder von Newtown konnte weder seiner Mutter vergeben noch sich selbst, denn am Ende hat er sich umgebracht. Lieben und Verzeihen sind Geschwister, die auf den ersten Blick schwer miteinander vereinbar sind.

Ein japanisches Sprichwort sagt: »Ein Mann ist als Zehnjähriger ein Tier, als Zwanzigjähriger ein Verrückter, als Dreißigjähriger ein Versager, als Vierzigjähriger ein Betrüger und als Fünfzigjähriger ein Krimineller.« Stimmt diese Erkenntnis mit Ihren Ergebnissen überein?

Wir hatten kaum Kriminelle in der Studie, aber philosophisch gesehen weiß ich, was die Japaner meinen. In seinen Zwanzigern schmiedet man ehrgeizige Pläne, in den Dreißigern fragt man sich: Werde ich schaffen, was ich mir vorgenommen habe? Dann erreicht man nicht, was man wollte, und man beginnt mit der Täuschung. Wenn die Täuschungsmanöver aus den Fugen geraten, können sie zur Kriminalität führen.

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Kommentare

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  • Peter Panic (0) "Erwachsen aber unreif", davor wird hier zu Recht gewarnt. Wie man es in höherem Alter noch schafft, da nachzulegen, wäre auch ein Thema.
  • Ulrike Müller (0) Ich verstehe nicht, weshalb ausschließlich Harvard-Absolventen, und alle männlich, von Interesse sein sollten - kein Wort über die fundamental unterschiedlichen Startbedingungen ins Leben von Männern und Frauen.
    Christina Thürmer-Rohr sagt: Das Schmieden des eigenen Glücks setzt die Freiheit der Wahl und die Kompetenz zum Schmieden voraus.
    Beides ist für Frauen nicht, immer noch nicht, gegeben. DAS wäre ein interessanter Aspekt für einen Artikel gewesen...
  • Georg Schmidt (0) oja, Frauen sind bessere -WAS? und Männer bleiben immer Klleinkinder-klar 4x verheiratet-scheinbar müssen alle unsere VIPs siehe Fischer oder Schröder des öfteren heiraten-scheint wie das Häuten der Schlange zu sein.jedsmal gibts einen neuen Schlange äh Menschen ! wie die Länge der Hoden-wer lang hat-lässt lang hängen!