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aus Heft 13/2013 Gesellschaft/Leben

Offene Frage

Max Fellmann  Illustration: Dirk Schmidt

Wie weit muss ein Mensch entfernt sein, damit man guten Gewissens sagen kann: Dem halt ich jetzt nicht extra die Tür auf?


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Vielleicht können Sie mir ja helfen. Folgendes: Ich glaube, ich bin ein einigermaßen höflicher Mensch, ich grüße meine Mitmenschen, lasse beim Einsteigen in die U-Bahn erst die Leute aussteigen, unterbreche andere nicht, auch wenn sie Unsinn reden. Aber es gibt eine Herausforderung, bei der ich an meine Grenzen stoße: das Aufhalten von Türen. Im Büro. Im Geschäft. Im Restaurant.

Was daran schwer sein soll? Es ist sogar richtig kompliziert! Wie nah muss ein Mensch sein, damit mich die gesellschaftlichen Normen zwingen, ihm die Tür aufzuhalten? Wenn er direkt hinter mir kommt: Keine Frage, ich halte auf. Wenn er fünf Meter weg ist: Ja, ich warte. Wenn er zehn Meter weg ist: bisschen lästig, aber wenn ich gerade Zeit habe, klar. 13, 14, 15 Meter … Muss ich? Oder darf ich weiter-gehen? Ist der andere jetzt weit genug weg, dass ich die Tür zufallen lassen darf? Sieht uns das Universum als einzelne Atomhaufen, die nichts miteinander zu tun haben? Oder gelten die Gebote der Höflichkeit auch auf die große Distanz? Es ist eine Zwickmühle:

a) Wenn ich die Tür zufallen lasse, habe ich ein schlechtes Gewissen. Nicht gut.

b) Wenn ich die Tür aufhalte, muss ich ewig warten. Auch nicht gut.

Immerhin, so weit könnte ich es mit mir allein ausmachen. Höflich oder Arsch, meine Entscheidung. Aber es wird ja alles noch komplizierter - weil manchmal auch die Menschen, die da hinter mir kommen, Wert auf Höflichkeit legen. Die sehen, wie ich die Tür aufhalte, und denken, oh, der arme Mann soll nicht ewig warten. Also beschleunigen sie. Manche rennen. Sehen mich an mit gehetztem Blick, als wollten sie sagen: Entschuldigen Sie meine Langsamkeit, hier bin ich schon! Dann hecheln sie einen atemlosen Dank. Und ich schäme mich. Ich wollte ihnen doch nur das Leben erleichtern. Manchmal bin ich drauf und dran, mich zu entschuldigen. Dafür, dass ich die Tür aufhalte. Seufz.

Das Blöde ist: Es gibt keine Regel. Die Buchläden sind bis unter die Decke voll mit Ratgeberbüchern zu jedem Schmarrn, aber dazu? Nichts! Der Knigge sagt: »Ungehörig ist es auf jeden Fall und überall, eine Türe ohne Rücksicht auf nachfolgende Personen hinter sich zufallen zu lassen.« Jaja, aber zur Distanz? Keine Angaben. Nicht mal bei den Briten, dem angeblich formvollendetsten Volk der Welt, findet sich auch nur die kleinste Notiz. Kein Wunder: In einem Land, das den Butler erfunden hat, sind sie es gewohnt, dass den ganzen Tag irgendwer die Tür aufhält.

Was also tun? Bis mir jemand einen guten Rat gibt, mache ich weiter wie bisher, Höflichkeit mit eingebauter Zusatz-Höflichkeit: Ich halte anderen die Tür auf und bremse sie zugleich mit beschwichtigenden Handbewegungen. Absurd.

Nächste Woche haben wir beim SZ-Magazin wieder Redaktionskonferenz. Zwischen meinem Büro und dem Konferenzraum liegen sechs Türen. Schwere Glastüren mit schwergängigen Schließmechanismen. Wir werden uns alle auf den Weg machen, eine Karawane aus Redakteuren, Mitarbeitern, Praktikanten, Gästen. Zwanzig Leute halten einander sechs Türen auf. Mehr als hundert Gelegenheiten, etwas falsch zu machen. Vielleicht melde ich mich einfach krank.
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