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aus Heft 14/2013 Design & Wohnen Noch keine Kommentare

Großstadt-Indios

Die Brüder Humberto und Fernando Campana aus São Paulo zählen zu den berühmtesten Designern Brasiliens. Ein Gespräch über die spirituelle Dimension der Kreativität - und Möbel, die ihnen im Traum erscheinen.

Von Carmen Stephan (Interview) 



Ein Sessel aus Plüschtieren, eine amorphe Sitzlandschaft aus Korbgeflecht, eine Leuchte aus Antirutschmatten – die Möbel von Fernando und Humberto Campana sind anders, surreal, mitunter auch komisch. Aus recycelten Alltagsgegenständen bauen sie Objekte in Kleinserien wie für Fantasyfilme und haben es damit zu weltweiter Berühmtheit und in das Wohnzimmer von Kanye West geschafft. Ihr Durchbruch gelang ihnen 1991 mit dem »Favela Chair«, einem aus Holzresten krude zusammengezimmerten Stuhl, ihrer Hommage an die Improvisationskunst brasilianischer Slumbewohner.

Ihr Studio befindet sich in einer unscheinbaren Straße in São Paulo, in direkter Nachbarschaft zu einem Fleischerladen, einer Näherei und einer Autowerkstatt. Der Eingang zum Studio ist ein Garagentor. Dahinter: eine Werkstatt und ein paar winzige Büros – die Arbeitswelt der berühmtesten Designer Brasiliens ist so unprätentiös, grün und sympathisch wie eine Kleinstadtgärtnerei. Der erste Termin platzt. Fernando Campana ist plötzlich krank geworden, heißt es. Wir führen das Interview mit Humberto, dem älteren der beiden Brüder.


SZ-Magazin: Humberto, wie geht es Ihrem Bruder Fernando?
Humberto Campana: Er hatte einen Nervenzusammenbruch, zu viel Stress. Aber es geht ihm schon besser, danke.

Was fehlt Ihnen, wenn Ihr Bruder nicht da ist?
Die Hälfte von mir. Manchmal laufen Fernando und ich durch die Straße und sehen gleichzeitig etwas, das anderen gar nicht auffallen würde. Wir haben eine sehr intensive Beziehung, sehr direkt und transparent, wir teilen die guten wie die schlechten Dinge. Wir führen eine Ehe ohne Sex. (Lacht.)

Waren Sie schon als Kinder so eng verbunden? Schließlich sind Sie acht Jahre älter als Fernando …

Als mein Bruder geboren wurde, war ich es, der meinen Eltern vorschlug, das Baby Fernando zu nennen. Der Altersunterschied spielte keine Rolle. Wir wuchsen in einem sehr langweiligen Dorf auf, drei Stunden von São Paulo entfernt. Es gab nichts außer einem Kino. Der Besitzer liebte italienische Filme. Weil er ein Freund unserer Familie war, durften wir schon als kleine Kinder alles sehen. Bertolucci, Antonioni, Fellini, Visconti. Was wir im Kino sahen, bauten wir in unserem Hinterhof nach.

Stimmt es, dass Sie auch Kubricks 2001 im Garten mit Schaufeln und Schubkarren nachgestellt haben?
Ja, das war Fernando. Raumschiffe haben ihn immer schon interessiert. Ich dagegen wollte Amazonasindianer sein, ich habe Bambus geschnitten und daraus Pfeil und Bogen gebaut. Es war Fernando, der unsere beiden Welten, das Moderne und das Archaische, verbunden hat.

Es gibt ein schönes Kinderfoto von Ihnen beiden: eine Kirchenprozession in Ihrem Heimatort. Sie sitzen auf einem Wagen neben Ihrem Vater, auf der Ladefläche ein mannshoher Nachbau der Kathedrale von Brasília …

Ja, sehr symbolisch! Mein Vater organisierte die Prozessionen, er hat auch dieses Kathedralenmodell gebaut. Hinterher haben wir es mit nach Hause genommen, ich deckte es mit Plastikfolie ab – die Kirche war mein Indianer-zelt. Ich wurde geboren, als die neue Hauptstadt entstand. Bei uns zu Hause sah ich in Magazinen wie Life oder National Geographic die Bilder der Bauarbeiten. Die Skelette der Paläste kamen mir wie Dinosaurier vor. Es herrschte eine große Aufbruchstimmung. Ich habe die Kühnheit von Oscar Niemeyer immer bewundert, er hat mich sehr geprägt.

Dabei haben Sie zunächst Jura studiert. Wann spürten Sie zum ersten Mal den Drang, Dinge zu entwerfen?
Als ich fertig studiert hatte, fiel ich in ein Loch. Ich machte alle möglichen Kurse, wollte Skulpturen machen oder Schmuck. Dann hatte ich einen Unfall. Ich war gerade in Amerika und machte Rafting auf dem Colorado River. Nachts hatte ich einen heftigen Traum, ich sah eine riesige, unheimliche Spirale. Am nächsten Tag geriet mein Schlauchboot in eine Strömung und kippte um. Ich geriet in einen Strudel, der Sog zog mich nach unten. Ich wäre fast ertrunken. Zwei Stunden nach dem Unfall habe ich einen Stuhl gezeichnet. Ich glaube, dass dieser plötzliche Kontakt mit dem Tod mich erkennen ließ: Jetzt hast du keine Zeit mehr zu verlieren. Jetzt beginnt das echte Leben!

Arbeiteten Fernando und Sie zu der Zeit schon zusammen?
Er kam 1984 nach São Paulo, um mir zu helfen. Ich verdiente meinen Lebensunterhalt damit, Bambuskörbe aus meinem Heimatort anzumalen und sie in São Paulo zu verkaufen. Mein Bruder lieferte die Körbe in die Geschäfte.

Er war Ihr Lieferjunge?
Ja, lustig, nicht wahr? Von da an waren wir ein Team. Es war die Zeit nach der Militärdiktatur. Etwas Neues lag in der Luft. In Brasilien gab es Meister des Designs wie Sergio Rodrigues oder Lina Bo Bardi, aber die repräsentierten die Fünfziger-, Sechzigerjahre. Danach gab es eine Leerstelle. Man war lange auf die Moderne fokussiert, das Bauhaus, form follows function, und ich dachte: Das ist nicht Brasilien! Das funktioniert im industrialisierten Deutschland, aber nicht hier. Wir sind ein barockes Land. Städte wie Rio de Janeiro oder São Paulo sind ohne großen Plan entstanden, sie wurden wild in die Natur gebaut. Wir haben immer diesen intuitiven, emotionalen Zugang gesucht. Und das Neue. 1989 brachten wir die Serie »Desconfortáveis« (die Unbequemen) auf den Markt. Die Möbel waren aus Eisen, hatten etwas Aggressives, wir suchten die Poesie im Fehler, im Unperfekten.
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