Anzeige

aus Heft 14/2013 Design & Wohnen Noch keine Kommentare

Ost in Translation

Form follows function? Solche Grundsätze waren in Japan schon selbstverständlich, als im Westen noch niemand auch nur von Design sprach. Oki Sato will in bester asiatischer Tradition Nutzgegenstände gestalten, die ohne große Worte funktionieren, Objekte, die ihren Nutzen einfach aus sich selbst heraus zeigen. Es gelingt ihm so gut, als wär’s das einfachste auf der Welt.

Von Christoph Neidhart  Foto: Luca Gabino


Nendo nennt man in Japan die Knete, aus der Kinder kleine bunte Figuren formen. Und Nendo nennt der junge Designer Oki Sato auch seine Firma; einen passenderen Begriff hätte er für sein Konzept kaum finden können. Satos Arbeiten wirken so klar und einfach, so verspielt und vielgestaltig wie Knete und das, was man aus ihr machen kann.

»Gutes Design ist etwas, das man einem kleinen Kind am Telefon erklären kann«, sagt der 36-Jährige, der im vergangenen Jahr gleich zweimal zum Designer des Jahres ernannt wurde, von Elle Déco und Wallpaper. Eine Aufgabe des Designers sei es, Dingen eine passende Form zu geben, die selber keine haben: Salz, Pfeffer, Sojasauce oder Parfüm zum Beispiel. Dem Kind am Telefon will Sato erklären können, wie es den Salz- vom Pfefferstreuer ohne etwa ein aufgedrucktes »S« oder »P« unterscheiden kann.

Form follows function: Diese Grundregel der Neuen Sachlichkeit galt in Japan schon Jahrhunderte vor unserer Moderne. Auch heute – oder eher: heute wieder – halten sich die meisten japanischen Designer an das Prinzip der Reduktion, das aus dem Gebot der Sparsamkeit entsprang. Auch Sato. Ihm genügt jedoch nicht die Formel von der Form, die der Funktion folgt. Er verlangt von den Formen, dass sie eine Geschichte erzählen. Und wie jeder gute Erzähler sucht Sato nach Wegen, seine Geschichten origineller zu erzählen, besser, knapper, treffender – bis er eine Lösung findet, die so zwingend ist, dass er sich fragt: »Warum bin ich nicht gleich draufgekommen?« Seinen Salz-, Pfeffer- und Sojasauce-Behältern zum Beispiel hat er Lippen gegeben, die die erste Silbe der japanischen Wörter für Salz, Pfeffer und Sojasauce formen. Das versteht jedes Kind – jedenfalls jedes japanische Kind.

Ein weiteres Beispiel für Satos erzählerisches Design ist die Lampe »Hanabi«. Wenn sie brennt, öffnet sich ihr Schirm aus Metall-Lamellen wie eine Blume im Sonnenschein. Die Idee, dass sich Formen durch Wärme verändern, sei ihm beim Trinken eines Eistees gekommen, erzählt er lachend, beim Anblick der langsam schmelzenden Eiswürfel.

Nicht alle seiner Designgeschichten lassen sich so leicht in Worte fassen, das findet Sato auch gar nicht nötig. Denn über alle Kulturgrenzen hinweg »haben die meisten Menschen ähnliche Gefühle, wenn sie eine Kerze brennen sehen oder wenn sie aufs Meer blicken«. Solche Gefühle will er wecken, »die will ich mit möglichst vielen Leuten teilen«.

Oki Sato wurde in Toronto geboren, er wuchs dort zweisprachig auf. »Wenn ich mit meinem Bruder im Haus spielte, sprachen wir Japanisch. Kaum waren wir durch die Tür, redeten wir nur noch Englisch.« Als Sato zehn war, zog die Familie nach Tokio. Hier musste er, obwohl er Japanisch konnte, erst jene nonverbale Kommunikation lernen, mit der in Japan vieles fast unhörbar mitgeteilt wird. Im Haus sagt einem der wenige Zentimeter angehobene Boden eines Raumes, dass man die Schuhe ausziehen soll; eine weitere kleine Stufe bedeutet: Ab hier bitte auch keine Schlappen mehr. Vielleicht hat der Schock des Zehnjährigen, der sich in diesem »Reich der Zeichen« (Roland Barthes über Japan) wie ein nonverbaler Analphabet vorkommen musste, zur Entstehung jener Sensibilität beigetragen, die Sato heute auszeichnet.

Das japanische Design zeichnet sich durch ein besonderes Sensorium für leise optische Signale aus, glaubt Sato. »Zum Beispiel darf man nicht auf den Rändern von Tatami-Matten stehen«, mit denen die Räume ausgelegt sind – sie waren einst ein Statussymbol. Westliche Räume werden der Wand entlang möbliert, auch der Kamin ist in eine Wand eingelassen. Traditionelle japanische Räume haben keine Wände, nur Schiebe- und Schranktüren; der Kotatsu, ein Tisch mit Heizdecke, steht in der Mitte. »Daraus ergibt sich ein anderer Blick auf die Dinge«, sagt Sato, der typischer sei für das japanische Design als irgendwelche traditionellen Artefakte wie Kimonos.

Designer ist Oki Sato eher zufällig geworden. Nach Abschluss seines Architekturstudiums an der Waseda-Universität in Tokio und ohne Ahnung, wie es weitergehen würde, flog er mit Kommilitonen zur Mailänder Möbelmesse – und wusste plötzlich, was er wollte.
Anzeige

Kommentare

Name:
Kommentar: