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aus Heft 15/2013 Gesellschaft/Leben

Das Antispiel

Benedikt Sarreiter  Illustration: Daniela Wiesemann

Ruiniere alle anderen und du gewinnst. Mit diesem Konzept wurde Monopoly eines der erfolgreichsten Brettspiele der Welt. Dabei ging es seinen Erfindern um etwas ganz anderes: Kapitalismuskritik.


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Wenn die Kasse klingelt, erscheint plötzlich dieses Grinsen. Bei Kindern, die ihre Eltern in den Ruin treiben, bei Eltern, die ihre Kinder überschulden, bei jedem, der bei Monopoly zum Großgrundbesitzer aufsteigt. Irgendwo auf der Welt hält gerade jemand die Hand auf und sagt: »Wie, du kannst mich nicht bezahlen? Deine Hypotheken reichen auch nicht mehr? Her mit deinen Straßen!« Begleitet vom Grinsen eines Tycoons, voller Triumph und Verachtung.

Nun könnte man sagen: Ist ja nur ein Spiel, bei Mensch ärgere Dich nicht triezen sich die Leute doch auch. Aber Monopoly war immer mehr als ein Kartonquadrat mit einer Spielidee. In der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten war das Spiel bis Ende der Achtzigerjahre verboten – so unsozial durfte sich nur der Klassenfeind vergnügen.

Immer mal wieder gab es Gegenentwürfe zum kapitalistischen Klassiker. Am erfolgreichsten war der des amerikanischen Wirtschaftsprofessors Ralph Anspach: Bei seinem Anti-Monopoly muss man Monopole zerschlagen. Anspach wollte seinen Kindern kein Spiel beibringen, das gegen einen wesentlichen ökonomischen Grundsatz verstößt: Monopole sind das Grab eines ausgewogenen Marktes. Prompt wurde er vom Monopoly-Monopolisten Parker Brothers wegen Urheberrechtsverletzung verklagt und durfte sein Spiel erst wieder vertreiben, nachdem er in einem jahrelangen Rechtsstreit bewiesen hatte, dass es das Spiel schon längst vor der Patentanmeldung des Spieleherstellers gegeben hatte.

Und obwohl dieses Brettspiel vielen heute als Symbol eines pervertierten Kapitalismus erscheint: Seine Erfinderin hatte ganz andere Intentionen. Sie wollte mit ihm eine Wirtschaftstheorie verbreiten, die Spekulationsblasen verhindern und für eine bessere Umverteilung sorgen sollte. Es ist eine Theorie, von der sich bis heute nicht wenige eine gerechtere Wirtschaftsordnung versprechen.

Die Geschichte von Monopoly beginnt dreißig Jahre, bevor es das erste Mal verkauft wurde. Sie erzählt vom Sieg der Habgier über ein solidarisches Miteinander. Elizabeth Magie, eine Schauspielerin und Spieleentwicklerin, meldete 1904 das Patent für ihr Landlord’s Game an. Das Design des Spielbretts ähnelte schon dem des späteren Monopoly, auch hier konnte man Land kaufen und mit der Pacht Geld einnehmen – und am Ende gewann der Spieler, der die anderen pleitesetzte. Magie war mit dieser ersten Version nicht sehr zufrieden, sie schien ihr noch zu raffgierig. Sie hatte andere Ideale, sie war Anhängerin von Henry George.

Der heute weitgehend vergessene Ökonom George war Ende des 19. Jahrhunderts ein Star. Sein Buch Fortschritt und Armut gilt mit drei Millionen verkauften Exemplaren als der erfolgreichste Wirtschaftsbestseller nach Marx’ Kapital. Darin schreibt er: »Was jede Zivilisation vor uns zerstört hat, war die ungleiche Verteilung von Reichtum und Macht.« George befürchtete ein ähnliches Schicksal für die amerikanische Gesellschaft, in der trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs des Gilded Age die Armen ärmer und ein paar wenige unverschämt reich wurden. 1886 trat er zur Bürgermeisterwahl in New York an, gewann gegen Theodore Roosevelt, verlor aber gegen den Demokraten Abram Hewitt. Wohl durch Wahlbetrug, was nicht bewiesen, aber auch nicht ganz unwahrscheinlich ist, denn George hatte mächtige Gegner: die Großgrundbesitzer des Big Apple. Die Stuyvesants, die Carnegies, die Rockefellers. Angesichts von Georges politischen Ideen mussten sie sich wie Monopoly-Spieler fühlen, die auf das Steuerfeld geraten und plötzlich Geld abdrücken müssen, das sie in den Runden zuvor behalten durften. Denn Georges Programm gründete, neben der Einführung des Frauenwahlrechts, auf der einfachen Frage, warum Grundbesitz kaum oder gar nicht besteuert wird, obwohl dessen Wert vor allem durch die ihn umgebende Infrastruktur bestimmt wird. Straßen, Wasserversorgung, Stromnetz, Beleuchtung werden von der Gesellschaft bereitgestellt. Prosperiert diese, kann der Grundbesitzer sich zurücklehnen, sein Grund wird wertvoller, ohne dass er etwas dafür tun muss.

Das dürfe nicht sein, fand George und entwickelte ein neues Steuersystem. Er wollte eine sehr hohe, jährlich zu zahlende Steuer auf den Wert von Land einführen. Mit ihr sollten alle öffentlichen Ausgaben gedeckt und alle anderen Steuern im Idealfall abgeschafft werden. Durch die Bodensteuer wäre es nicht mehr möglich gewesen, mit Land zu spekulieren, es brachliegen zu lassen und zu warten, bis es das Vielfache wert ist. Ein Grundbesitzer müsste sein Land sinnvoll nutzen, um damit die Bodensteuer begleichen zu können.

Wer von Georges Ideen liest, denkt unweigerlich an aktuelle Immobilienblasen. Könnte man, wie in Spanien geschehen, von Rendite-Versprechen getrieben 800 000 leer stehende Häuser und Wohnungen bauen, wenn es eine höhere Bodensteuer gäbe?

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Benedikt Sarreiter glaubt, dass man bei Monopoly unbedingt die gelben und grünen Straßen besitzen muss, um zu gewinnen. Bisher hat er mit dieser Taktik fast immer verloren.