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aus Heft 15/2013 Außenpolitik

Land in Flammen

Alexandros Stefanidis und Ferry Batzoglou  Fotos: Nikos Pilos

Auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki liegen unermessliche Bodenschätze. Jetzt führt der Streit um die Funde fast zu einem Bürgerkrieg. Eine Geschichte über Habgier, Korruption, Gewalt - und die Milliarden, die Griechenland retten könnten.


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Die Beamten des Staatsschutzes wollten Namen von Theologis Bantis. Die Namen der vierzig Vermummten, die in der Nacht zum 17. Februar in Skouries im Osten der Halbinsel Chalkidiki mehrere Fahrzeuge und Bürocontainer des Goldförder-Unternehmens Hellas Gold in Brand gesteckt und das Sicherheitspersonal bedroht hatten. Sachschaden: 900 000 Euro. Knapp neun Stunden wurde der 19-Jährige Ende Februar von fünf Beamten gleichzeitig verhört. Er durfte in dieser Zeit weder seine Eltern sprechen noch einen Anwalt konsultieren, behauptet Bantis, bekam nichts zu essen oder zu trinken, musste mehrere Stunden in einem fensterlosen Raum aufrecht stehen, oft im Dunkeln ausharren, weil die Beamten den Raum verließen und das Licht ausschalteten. Er wurde gestoßen, geohrfeigt und psychisch unter Druck gesetzt. »›Sag uns die Wahrheit oder wir prügeln dich windelweich!‹, schrien sie«, erinnert sich Bantis. »Sie postierten sich in den Ecken des Raumes und begannen mich herumzustoßen, bis ich die Orientierung verlor.« Dabei war Bantis kein Verdächtiger, er wurde nur als Zeuge vernommen.

Seit dem Brandanschlag lädt die ortsansässige Polizei, unterstützt von Mitarbeitern des Staatsschutzes und Spezialeinheiten der Anti-Terrorbekämpfung, täglich mehrere Bewohner der Gemeinde Aristoteles als Zeugen vor. Mehr als 150 Personen waren es bis Ende März. In der Gemeinde geht das Gerücht um, der Staatsschutz besitze eine Liste mit mehr als 800 Namen von Personen, die noch vernommen werden sollen. Doch behandelt man so Zeugen in einem Mitgliedsstaat der Europäischen Union? Weshalb schickt die griechische Regierung den Staatsschutz in die ländliche Region? Und vor allem: Warum verüben Vermummte einen Brandanschlag auf ein Unternehmen, das Milliarden Euro in Griechenland investieren will?

Der Osten der Halbinsel Chalkidiki im Norden Griechenlands ist ein mit Aleppokiefern, Eukalyptusbäumen und Zypressen bewaldetes hügeliges Gebiet mit Bächen und Flüssen, umrahmt vom Blau der Ägäis. In den Sommermonaten bevölkern Touristen die Küstenorte der Gemeinde Aristoteles, benannt nach dem antiken Philosophen, der hier geboren wurde. Die etwa 20 000 Einwohner leben vom Tourismus, der Landwirtschaft und seit Jahrtausenden vom Abbau der tonnenweise vorhandenen Bodenschätze: Gold, Silber, Kupfer, Mangan und Magnesit. Der Legende nach hat schon Alexander der Große seine Kriegszüge mit dem Gold aus Aristoteles finanziert. Und um genau diese Bodenschätze schwelt seit Ende der Achtzigerjahre ein erbittert ausgetragener Konflikt. Damals gelangte giftiges Cyanid, das zum Herauslösen des Goldes aus dem Gestein verwendet wurde, ins Meer und ins Grundwasser. Seitdem protestieren die Bewohner immer wieder gegen den Abbau. Der Grund für die aktuelle Eskalation: In Skouries, dem Schauplatz des Brandanschlags, soll eine alte Goldmine wieder in Betrieb genommen und vergrößert werden. Von achtzig auf 700 Meter Durchmesser. Unter Tage werden Stollen in einer Gesamtlänge von 25 Kilometern gegraben – in einer Tiefe von bis zu 770 Metern. Obendrein sollen in Skouries zwei Abfallbecken entstehen – wofür, bleibt offen. Mehrere Dutzend Holzfäller sind bereits täglich im Einsatz, um das Gelände zu roden.

Mit jeweils 3000 Einwohnern sind die Orte Ierissos und Megali Panagia die Epizentren des Widerstands. Ierissos liegt an der Straße zur Mönchsrepublik Athos, Ziel Tausender Touristen. Bei der Fahrt durch das Dorf sehen sie aufgehängte Transparente: »Cyanid und Arsen sind der Gewinn aus dem Goldabbau« oder »Das Gold haben viele geliebt – den Krebs keiner«. Im Café »Elysée« an der langen Strandpromenade sitzt mehr als ein Dutzend Mitglieder der Bürgerinitiative zum Stopp des Goldminen-Projekts um ein paar zusammengeschobene Tische. Thanassis Kromidas, Handwerker von Beruf, ein Mittfünfziger mit Bart, holt eine dicke grüne Akte aus seiner Tasche. Seit 18 Jahren kämpft er gegen die geplante Goldgewinnung. Er verweist auf den Super-Gau im Januar 2000, als im rumänischen Baia-Mare der Damm einer Golderz-Aufbereitungsanlage brach. Große Mengen Natriumcyanid flossen in die Donau. Erdboden und Flüsse wurden vergiftet, Tausende toter Fische trieben an deren Oberfläche. Es war die größte Umweltkatastrophe Osteuropas seit dem Reaktor-Unfall 1986 in Tschernobyl.

Die Förderung von Gold war in Griechenland bisher unbedeutend. Nur etwa eine halbe Tonne jährlich wurde bis zuletzt gefördert. Doch das soll sich ändern. Griechenland will ab 2015 zu Europas größtem Goldproduzenten aufsteigen. Vom Zwerg schlagartig zur Nummer eins. Skouries und der etwa zehn Kilometer entfernte Ort Olympia weisen zusammen 250 Tonnen an Goldvorkommen auf, weitere Funde nicht ausgeschlossen. Mit einer Jahresproduktion von zwölf Tonnen könnte Griechenland Finnland vom Spitzenplatz in Europas Goldproduktion verdrängen. Den Wert der im Boden lagernden Schätze beziffert Hellas Gold auf etwa 22 Milliarden Euro. Zwei Milliarden Euro will das Unternehmen in den kommenden 25 Jahren investieren. Auf diesen Zeitraum ist das Projekt angelegt. Sein Versprechen lautet: kein Cyanid, umweltschonende Methoden zur Erzgewinnung, Wiederaufforstung der abgeholzten Wälder und Vollbeschäftigung in der Gemeinde Aristoteles. Und trotzdem: Das Misstrauen in der Bevölkerung ist groß, der Widerstand ist heftig.

Kostas Georgantzis, Pressesprecher der Hellas Gold, präsentiert in seinem spartanisch eingerichteten Büro eine 19-seitige Liste, in der nahezu jede Attacke auf Mitarbeiter oder Fahrzeuge des Unternehmens mit Datum, Fotos und Begleittexten dokumentiert ist. Es sind Bilder ausgebrannter oder beschädigter Autos, von der Polizei sichergestellter Molotowcocktails, Fotos von mit Knüppeln bewaffneten Demonstranten, rot umkreist. »Seit März vergangenen Jahres verging kaum ein Monat, in dem es nicht zu Gewalttaten gegen unsere Mitarbeiter oder Eigentum der Hellas Gold gekommen ist«, sagt Georgantzis. Vor ihm liegt in einem durchsichtigen Plastikkasten ein Gesteinsbrocken – er schimmert golden. »Unsere Mitarbeiter haben Angst. Angst um ihr Leben.«
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