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aus Heft 16/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Müssen sich schöne Menschen beim Lächeln zurücknehmen, um keine falschen Hoffnungen zu schüren?

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»Ein Bekannter hat zwei gefährliche ›Waffen‹: strahlende Augen und ein umwerfendes Lächeln. Er weiß um die Wirkung dieser Eigenschaften auf Frauen. Muss er sich zurücknehmen, um keine übersteigerten Erwartungen zu schüren? Oder ist es an den Frauen, sich vor eventuellen Enttäuschungen zu schützen?« Heike R., Köln




In David Foster Wallace Monumental-Roman Unendlicher Spaß gibt es die Figur der Joelle Van Dyne, genannt Madame Psychosis, die der »Liga der Absolut Rüde Verunstalteten und Entstellten«, kurz L.A.R.V.E. angehört und deshalb ständig einen Schleier trägt. An einer Stelle erklärt sie jedoch, dass der wahre Grund für die Verschleierung bei ihr ein anderer sei: »Don, ich bin vollkommen. Ich bin dermaßen schön, dass ich jeden fühlenden Menschen ganz einfach um den Verstand bringe.«

So schlimm ist es bei Ihrem Bekannten hoffentlich nicht, andererseits ist wohl jeder schon einmal unter einem derart strahlenden Blick zu einem leicht formbaren Klumpen weichen Wachses geworden. Es kann daher tatsächlich gefährlich für das Gegenüber werden.

Auch der Dichter Gustav von Aschenbach in Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig geht an der Schönheit des von ihm begehrten, aber unerreichbaren Knaben Tadzio zugrunde. Dort, bei Thomas Mann, findet man aber auch eine Stelle, die zur Lösung weist. Tadzio hat wohl die Blicke Aschenbachs bemerkt und eines Tages lächelt er ihn an, »sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich im Lächeln erst langsam öffneten«. Mann lässt die Erklärung folgen: »Es war das Lächeln des Narziß, der sich über das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte, hingezogene Lächeln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen Schönheit die Arme streckt.« Das scheint mir den Punkt zu treffen: In der Angewohnheit, jeden Menschen mit einer vollen Breitseite seines Charmes unter Feuer zu nehmen, dürfte ein gerüttelt Maß an Narzissmus stecken. Und Aschenbach, wiewohl oder gerade weil der narzisstischen Schönheit bereits verfallen, weiß auch die Antwort: »Du darfst so nicht lächeln! Höre, man darf so niemandem lächeln!«

Quellen:


David Foster Wallace, Unendlicher Spaß, aus dem amerikanischen Englisch kongenial übersetzt von Ulrich Blumenbach, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2009. Die Stellen zu Joelle Van Dyne und der Gesellschaft L.A.R.V.E. finden sich in der Hardcoverausgabe auf den Seiten 769, 775 und 1351.

Im Englischen heißt die Gesellschaft „Union of the Hideously and Improbably Deformed“ U.H.I.D., die Textstellen finden sich auf den Seiten 533, 538 und 940.

Da der Roman nicht nur umfangreich, sondern auch komplex ist, kann es hilfreich sein, zusätzliche Informationen zu Autor und Roman zu lesen, zum Beispiel in: Stephen Burn, David Foster Wallace’s Infinite Jest: A Reader’s Guide, The Continuum International Publishing Group, New York / London 2003

Thomas Mann, Der Tod in Venedig, Fischer Taschenbuch Verlag 1977, S. 48

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