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aus Heft 16/2013 Familie

Und siehe, es war sehr gut

Thorsten Schmitz  Fotos: Charlotte Schreiber und Sabina McGrew

Schwule Paare dürfen in Deutschland kein Kind von einer Leihmutter kriegen. Warum? Das Gesetz will es so. Jürgen und Axel aus Neuss konnten sich damit nicht abfinden. Um Väter zu werden, mussten die beiden Männer jahrelang in Indien und Kalifornien nach Hilfe suchen.



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Ashley Mcneil, die Eizellenspenderin, Los Angeles


Vor Kurzem hat Ashley Mcneil auf ihrer Facebook-Seite vier Fotos hochgeladen. Die Bilder stifteten Verwirrung. So hatten ihre Freunde sie noch nie gesehen.

Ashley Mcneil ist 19 Jahre alt, studiert Biologie in Long Beach, im Süden von Los Angeles, und wenn sie lacht, dann tut sie es so laut, dass sich die Studenten auf dem Campus umdrehen. Hunderte Fotos kann man auf ihrer Seite anklicken, Ashley an Weihnachten, Ashley in der Wüste, Ashley am Strand, Ashley in der College-Küche.

Die vier Fotos zeigen sie als Mutter – mit Zwillingsbabys in den Armen. Die Babys heißen Anna und Alisha. Sie sehen ihr ähnlich. Ende Oktober 2012 sind Anna und Alisha per Kaiserschnitt aus dem Bauch von Jessica Sanchez geholt worden. Ashley Mcneil und Jessica Sanchez sind sich nie begegnet.

Ein paar Stunden nachdem sie die Fotos auf ihre Facebook-Seite gestellt hat, will eine Freundin wissen: »WAS? Du hast Kinder bekommen?« Ashley Mcneil textet schnell zurück und beschreibt die Situation so, wie sie ist: »Nein, nein, nein! Ich habe Eizellen gespendet, also sind sie meine Babys, aber nicht MEINE Babys.«

Nach Annas und Alishas Geburt ist sie nach San Diego gefahren, um die Babys einmal in den Armen zu halten. Sie war so aufgeregt, dass ihr Freund beschloss, sie könne nicht alleine hinfahren. Auf dem Weg die Küste hinunter beschäftigte sie ein einziger Gedanke: Was sie wohl empfinden und ob sie Ähnlichkeiten in den Gesichtern der Zwillinge suchen werde. »Ich hatte mir vorgenommen, mich nicht mit den Babys verbunden zu fühlen«, sagt sie heute, Wochen nach der Visite. Es ist ihr geglückt. Als sie die Babys in den Armen hielt, sagt sie, »war es eher komisch zu denken, dass die beiden ein Resultat aus meiner Eizellenspende sind. Ich habe nicht gefühlt, dass das meine Mädchen sind.«

Die Väter, Jasmin, Anna und Alisha

San Diego, im November, es sind 23 Grad. Jürgen Haase sitzt im T-Shirt im Garten einer Ferienwohnung und gibt Anna eine Flasche Milch. Es ist Babymilch aus dem Supermarkt, fertig angerührt. Anna und Alisha sind jetzt sieben Tage alt. Drei Wochen vor dem geplanten Termin sind sie auf die Welt gekommen, sie sind so winzig, dass sie in ihren Strampelanzügen zu verschwinden scheinen.

Jürgen Haase war gerade mit seinem Lebenspartner Axel in einer Kinderpraxis in San Diego, um Anna und Alisha untersuchen zu lassen. Ein Routinecheck, die Ärztin war zufrieden. Im Warteraum saß ein anderes schwules Paar mit einer Tochter. Sie beglückwünschten die Papas aus Deutschland und wollten wissen, wie alt die Babys seien. Dann wurden Jürgen und Axel Haase aufgerufen. Die Ärztin wog die Babys, notierte, wie sie schlafen, trinken, verdauen. Sie tippte Zahlen in ihr Smartphone, auf dem eine App die Daten zu einem Gesamtbild formte. Zum Abschied sagte sie: »Guten Rückflug! Wir werden euch vermissen.«

Anna ist eingenickt beim Nuckeln, Jürgen Haase dreht die Flasche und sagt: »Hier in Kalifornien ist Leihmutterschaft etwas ganz Alltägliches. In Deutschland nicht, und trotzdem hat dort jeder eine Meinung darüber.« Wobei nur die wenigsten auch eine Ahnung hätten.

Es sei ja so: Männer, die eigene Kinder haben wollten, bereiteten sich jahrelang darauf vor und wälzten jedes Für und Wider. Er legt Anna an die Schulter, sie rülpst. »Viele Hetero-Familien gehen kaputt, lassen sich scheiden, wenn plötzlich Kinder da sind, weil sie sich zu wenig Gedanken gemacht haben. Das kann uns nicht passieren.« Drinnen, in der Ferienwohnung, legt Axel Haase Alisha ins Babybett, dann beginnt er im Internet günstige Flüge nach Düsseldorf zu suchen. In ein paar Tagen wird Familie Haase wieder zu Hause sein, in Neuss. Mit zwei Töchtern mehr.

Axel und Jürgen Haase sind seit 26 Jahren zusammen. Axel Haase ist 47 Jahre alt, sein Partner 46. Ihr verflixtes siebtes Jahr hatten sie, sagt Axel Haase, »als wir drei Jahre zusammen waren«. Seitdem sind sie unzertrennlich. Axel hat Industriekaufmann gelernt, jetzt ist er Hausmann. Jürgen Haase ist Geschäftsführer einer Papierhandelsagentur. Sie haben viel von der Welt gesehen, doch irgendwann spürten sie: Ihnen fehlt etwas. Der Wunsch nach einem Kind wurde größer. Axel Haase hat schon mit zwanzig Jahren entschieden, dass er Kinder haben wollte. Wie, das war ihm nicht klar. Damals gab es keine Frauen, die bereit waren, ihre Eizellen einem schwulen Paar zu verkaufen.

Alles haben Jürgen und Axel Haase versucht, um eine Familie zu gründen. Haben überlegt, Kinder in Pflege zu nehmen oder Kinder mit einem lesbischen Paar zu teilen. Doch sie wollten eigene Kinder. Sie sind sogar nach Afrika geflogen, um ein Kind zu adoptieren, weil schwule Paare in Deutschland nicht gemeinsam Kinder adoptieren dürfen. Doch die Wege wurden immer zwielichtiger.

Im Internet lasen sie dann, dass sie Kinder durch eine Leihmutter bekommen könnten. Auf eigene Faust, ohne eine Agentur, fuhren sie nach Mumbai und schauten sich Fertilitätskliniken an. In einer unterschrieben sie einen Vertrag, entschieden sich für eine indische Eizellenspenderin, Axel Haase lieferte eine Samenprobe. Insgesamt zehn Eizellen der Spenderin wurden befruchtet. Beim ersten Versuch wurden fünf befruchtete Eizellen in die Gebärmutter einer indischen Leihmutter transferiert, doch keine der fünf nistete sich ein. Nach dem zweiten Versuch erhielten Axel und Jürgen dann die Nachricht, dass ihre indische Leihmutter schwanger sei.

Die Freude über Jasmin war groß. Die Fassungslosigkeit über das, was danach geschah, auch.

Eineinhalb Jahre musste Axel Haase mit Jasmin in Indien ausharren, weil sich das deutsche Konsulat weigerte, für das Baby einen Reisepass auszustellen: In Deutschland gilt Leihmutterschaft als »sittenwidrig«. Ohne Reisepass konnte Jasmin Indien nicht verlassen. Eineinhalb Jahre lebte Axel mit Jasmin in Indien, unfreiwillig. Rechtsanwälte und Gericht beschäftigten sich mit ihrem Fall. Jürgen Haase ist in der Zeit achtmal nach Indien geflogen, den Rest der Wartezeit überbrückten sie mit Skype-Gesprächen. Axel Haase fühlte sich in Indien gefangen. Die Perspektivlosigkeit, sagt er, »war eine Qual«.

Wie die Perspektivlosigkeit und die Anspannung auf Jasmin gewirkt haben mögen? Die Väter wissen es nicht. Was sie wussten: dass Jasmin kein Einzelkind bleiben sollte. So erkundigten sie sich, wo Leihmutterschaft noch möglich ist. Sie landeten bei »A Perfect Match«, einer Agentur in Kalifornien. Hier werden Frauen vermittelt, die ihre Eizellen spenden, und Frauen, die ihre Bäuche für Geburten »vermieten«.

Bei »A Perfect Match« kostet eine Leihmutterschaft dreimal so viel wie in Indien, dafür kann man mit dem Kind nach Deutschland einreisen. Denn jedes Kind, das in den USA geboren wird, bekommt einen US-Pass, und in der Geburtsurkunde stehen die Namen beider Väter. »Es ist verrückt«, sagt Jürgen Haase. »In San Diego hat es nur zwei Wochen gedauert, bis wir für Anna und Alisha US-Pässe bekommen haben. In Indien mussten wir eineinhalb Jahre um einen deutschen Pass kämpfen.«

Heute ist Jasmin zweieinhalb Jahre alt, sehr aufgeweckt und beliebt bei den Kindern der Tagesmutter in Neuss. Sie tanzt bei jeder Gelegenheit. Nimmt das Smartphone von Jürgen Haase und schaut fasziniert das Gangnam-Video an. Oft tanzt Jürgen Haase mit, er sammelt Musik aus den Achtziger- und Neunzigerjahren. Jasmin nennt ihre Eltern Papa Axel und Papa Jürgen. Noch nie hat sie gefragt, wo ihre Mutter sei. Dafür fragen manchmal Erwachsene, ob Jasmin »die Mama« vermisse. Jürgen Haase sagt dann: »Kinder vermissen etwas, was sie kennen. Wir sind für sie die Eltern, also vermisst sie nichts.«

Die Geburt, San Diego

Ende Oktober, drei Wochen vor dem offiziellen Geburtstermin, bekommt Axel Haase einen Anruf, dass bei der Leihmutter die Wehen begonnen haben. Axel Haase ist mit Jasmin bereits seit Anfang des Monats in San Diego. Schnell fährt er Jasmin in einen Kindergarten und macht sich auf den Weg ins Krankenhaus. Er ist so nervös, dass er kurz vor der Klinik versehentlich in eine Einbahnstraße biegt. Eine Polizeistreife stoppt ihn. Axel Haase entschuldigt sich und sagt, er erwarte jeden Moment Zwillinge. Der Polizist verzichtet auf einen Strafzettel und sagt: »Enjoy your twins!«

Nach dem Besuch im Krankenhaus schreibt Axel Haase Jürgen eine E-Mail, dass er kommen soll. Er schreibt auch: »Ich habe jetzt zum ersten Mal gesehen, wie die Kinder durch den Bauch strampeln. Wahnsinn!«

Am Mittag kauft er einen Kinderwagen für Zwillinge. Dann treibt ihn der Hunger ins »Filter Café«, dessen Besitzer setzt sich manchmal zu Axel und Jürgen Haase. Sie reden dann über Kindererziehung und schlaflose Nächte. Der Café-Besitzer hat mit seinem Partner ein Mädchen adoptiert. Als ihm Axel Haase erklärte, dass Schwule in Deutschland nicht gemeinsam ein Kind adoptieren können, sagt er: »Ich dachte immer, Deutschland sei fortschrittlich.« Kalifornien ist für schwule Väter ein Paradies: Man sieht hier viele Männerpaare auf den Straßen, die Kinderwagen schieben und Schnuller aus Windeltaschen hervorholen.

Im »Filter Café« klingelt Axel Haases Handy wieder. Es ist der Arzt, er möchte nicht länger warten. Nach 36 Wochen und sechs Tagen ist es so weit: Anna und Alisha werden per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Axel Haase steht in einem Raum neben dem Kreißsaal, er trägt einen weißen Kittel. Die beiden Zimmer sind mit einer Durchreiche verbunden. Er sieht, wie der Bauch von Jessica Sanchez geöffnet wird, er sieht, wie sie seine Töchter herausholen, er hört, wie sie zu schreien beginnen. Jessica Sanchez waren zwei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt worden, beide hatten sich gleich eingenistet, Anna und Alisha.

Axel Haase hat einen Fotoapparat mitgebracht, doch die Batterien sind leer. Eine Schwester macht Fotos mit ihrem Smartphone und dreht einen kleinen Film. Anna und Alisha werden untersucht, gewaschen und in Tücher gewickelt, dann beugt sich Axel über seine Töchter. Mit ihren winzigen Händen greifen sie einen Finger seiner Hand. Tränen stehen ihm in den Augen. Er fragt eine Krankenschwester: »Sind die Frau und die Kinder gesund?« Axel und Jürgen hatten sich festgelegt, was sie machen, wenn eines der Kinder mit einer Behinderung zur Welt gekommen wäre: »Wir nehmen sie so, wie sie sind.«

Alisha beginnt zu schreien, Anna auch. Die Leihmutter wird sie nicht stillen, die Babys bekommen Milch aus der Flasche. Auch das hatte das Paar vorher festgelegt. »Welchen Sinn soll das haben, Jessica stillen zu lassen?« sagt Axel Haase. »Dann würde sich ja eine emotionale Bindung einstellen, die wieder abgebrochen wird.«
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Monatelang hat Thorsten Schmitz Axel und Jürgen Haase begleitet, in Kalifornien und in Neuss, und noch immer ist er erstaunt über deren Mut, sich fotografieren und interviewen zu lassen. Bei seinen Recherchen hat Schmitz mehr als zehn andere deutsche Väter mit Leihmutter-Kindern kennengelernt, die aber alle nicht an die Öffentlichkeit gehen möchten - aus Angst vor den deutschen Behörden.

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