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aus Heft 17/2013 Gesellschaft/Leben 15 Kommentare

Am Ende

Fast jeder zweite Berufstätige in Deutschland fürchtet, dass die Rente im Alter nicht zum Leben reichen wird. Für Andrea Linke aus Berlin ist diese düstere Ahnung längst Realität. Aus dem Alltag einer Frau, die vier Jahrzehnte lang geschuftet hat und trotzdem mit der Armut kämpft.

Von Andreas Wenderoth  Fotos: Gianni Occhipinti



Szenen einer Ehe Andrea Linke und ihr Mann beim Frühstück. Auf dem Tisch einige der Medikamente, die Robert Linke täglich einnehmen muss.

Was ist der Unterschied zwischen einem englischen, einem französischen und einem deutschen Rentner? Der englische Rentner steht morgens um neun auf, trinkt seinen Tee und liest die Zeitung. Der französische steht um zehn auf, genehmigt sich ein Gläschen Bordeaux und macht danach einen ausgedehnten Spaziergang. Und der deutsche Rentner? Steht um sechs auf, nimmt seine Herztropfen und geht anschließend zur Arbeit. »Komisch, nicht?« Frau Linke erzählt einen Witz, über den sie nicht lachen kann. Vermutlich, weil er ihrer eigenen Situation recht nahe kommt.

In Wirklichkeit muss sie noch etwas früher aufstehen als der Rentner in ihrem Witz. Meist um halb fünf, denn ihre Plattenbau-Wohnung in Berlin-Buch liegt so abgelegen, dass sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fast zwei Stunden braucht – ganz egal, wohin sie gerade bestellt wird. Andrea Linke*, 65, arbeitet für acht Euro in der Stunde als Springerin für eine Zeitarbeitsfirma, die sie an Supermärkte in Berlin und dem Umland vermittelt. Mit Häubchen, Einweghandschuhen und weißem Arbeitskittel steht sie heute hinter einer Fleischtheke, die in etwa so lang ist wie die Startbahn einer Boeing 737. Weil die Stammbesetzung ein bisschen ausgedünnt ist, muss sie zwischen Aufschnitt, Angebotswurst und Käsestand hin und her rennen. »Auf der Galopprennbahn«, sagt ihr Mann immer, wenn er gefragt wird, wo seine Frau arbeitet.

Frau Linke arbeitet nicht, weil sie sich so schwer vom Berufsleben lösen könnte. Sondern, weil sie es muss. Weil ihre Rente nicht reicht, um ein menschenwürdiges Leben zu führen. Ihr Arbeitgeber bestätigt ihr, ordentlich und sehr zuverlässig zu sein, aber darüber, dass ihr Vertrag verlängert wird, macht sie sich keine Illusionen. Die Kunden, hat man ihr zu verstehen gegeben, würden durch einen Menschen in ihrem Alter »gestört«, eine Irritation, von der man nicht weiß, ob sie das Kaufverhalten negativ beeinflusst. Sie könnten ein schlechtes Gefühl bekommen, wenn sie sehen, dass hinter dem Tresen jemand stehen muss, der sich doch längst dem Müßiggang hingeben könnte. Jemand, der seine Not ausstellt, indem er arbeitet, kann abschreckend wirken, denken sie in der Geschäftsführung der Filiale.

Eine Kundin verlangt 125 Gramm grobe Teewurst. Das Stück, das Andrea Linke abschneidet, wiegt 118 Gramm. Die Kundin besteht auf 125 Gramm. Frau Linke ist zur Freundlichkeit angehalten. »Musste eben ein neues Stück abschneiden«, sagt jemand vom Stammpersonal. Aber es ist natürlich eine ziemliche Glückssache, Teewurst aufs Gramm genau zu schneiden: Das neue Stück wiegt 130 Gramm. Die Kundin ist gnädig. Nur, dass Frau Linke jetzt auf dem Zwischenstück sitzt. Kauft ja keiner mehr. Also kauft sie es selbst. Bevor es Ärger gibt. Nur keinen Vorwand liefern.

Bis 30, sagt Frau Linke, kann man sich viel erlauben, um die 40 muss man schon aufpassen. Aber wer über 60 ist, muss sich schon fast entschuldigen, dass es ihn überhaupt noch gibt. Sie hat Dutzende von Bewerbungen geschrieben. »Nehmen Sie auch Rentner?«, fragt sie gleich als Erstes. 85 Prozent antworten sofort: »Nein!« Andrea Linke hat schnell gemerkt, dass es meistens nur Gesuche der Art gibt, wie sie es erst gestern wieder in der kostenlosen Wochenzeitung gelesen hat: »Für unsere quirligen, netten Kinder suchen wir eine liebe Ersatz-Omi auf freiwilliger Basis.« Aber Frau Linke geht es nicht um sinnvolle Beschäftigung. Sie braucht das Geld.

Immer mehr Rentner müssen in Deutschland dazuverdienen. Meist trifft es die Risikopatienten der Angestelltengesellschaft: Kassiererinnen, Putzkräfte oder Friseurinnen. Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der Ruheständler mit Minijobs bundesweit um 60 Prozent gestiegen, auf rund 760 000. Dazu kommen 154 000 mit sozialversicherungspflichtigen Stellen. Laut statistischem Bundesamt beginnt die Armut in Deutschland bei 930 Euro im Monat. Rund zwölf Prozent aller Renten liegen unterhalb dieser Armutsgrenze. 400 000 Menschen in Deutschland leben bereits von der sogenannten Grundsicherung, einer Art Sozialhilfe für Rentner.

Mit 750 Euro Rente bekommt Andrea Linke etwas zu viel, um sie beantragen zu können. Sie hat das Pech, in einem Bereich der »milden« Armut zu leben, die der Staat als noch nicht unterstützungswürdig betrachtet. Die nicht auf der Stirn geschrieben steht und dennoch zehrt wie eine lange Krankheit. Eine Zwischenwelt, aus der man aus eigener Kraft nicht herausfinden kann. Der aber jederzeit die Gefahr eines noch tieferen Sturzes innewohnt. Vordergründig mag es dramatischere Fälle geben, Rentner, die noch viel weniger Geld haben als sie. Aber gerade die relative Durchschnittlichkeit ihrer Armut verdeutlicht die Tragweite des Problems. Hätte sie eine West-Biografie, würde sie fast 200 Euro mehr Rente erhalten, meint Frau Linke. Man mag das ungerecht finden und für ein spezifisches Ostproblem halten. Doch Frau Linke ist nur die Vorhut einer Entwicklung, die sich wie ein Flächenbrand auch in den alten Bundesländern ausbreiten wird. Nach Berechnung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge ist bereits jeder dritte Bundesbürger von Altersarmut bedroht.

Dabei hat Frau Linke doch eigentlich alles richtig gemacht: Außenhandelskauffrau gelernt, Sachbearbeiterin bei der Bewag und im VEB Energiekombinat. An der Kasse im Konsum und nach der Wende dann 15 Jahre bei Kaisers. 44 Jahre lang hart gearbeitet, um nun knapp über dem Sozialhilfeniveau angekommen zu sein. Dabei war sie nie faul, hat nichts verspielt oder übermäßig viel gewagt. Hat nie auf Kosten anderer gelebt und immer fleißig für ihre Rente eingezahlt. Ist ausdauernd die Runden eines langen Arbeitslebens gelaufen, um dann auf der Zielgeraden zu merken, dass das Versprechen eines würdigen Lebensabends ein Missverständnis gewesen ist.

Andrea Linke fehlen zwei Schneidezähne im Unterkiefer, aber ihr fehlt auch das Geld, sie ersetzen zu lassen. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal etwas zum Anziehen gekauft hat. Wenn sie irgendwo in einem Schaufenster etwas sieht, was ihr gefällt, überschlägt sie, wie lange sie dafür arbeiten müsste. Meist rechnet sie in DM-Preisen, weil das noch eindrucksvoller ist. Und dann sagt sie sich fast immer: »Lass ma sein.« Frau Linke hat sich arrangiert mit einem Leben, das keinen Platz mehr hat für Bedürfnisse, die über das Nötigste hinausgehen. Ins Konzert? Mal in den Spreewald? Mit ihrem Mann zur Funkausstellung? Erlebnisse aus einer fernen Welt, im Nebel ihrer Erinnerung schon fast verblasst. Die Zukunft hält nur das für sie bereit, von dem sie annahm, dass es ihre Vergangenheit sein sollte: Arbeit.

*Name von der Redaktion geändert
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Kommentare

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  • Georg Schmidt (0) alos, Herr Müller, ich habe Hautkrebs und spritz mir 3x in der Woche Interferon/Referon , eine Spritze kostet c 40?, bis jetzt dürften es so um die 200 sein, als Härtefall bekommt ich Zahnersatz ohne Zuzahlung, also, das ist schon geregelt, und einfach mal nachhaken, es wird immer viel erzhlt!
  • Rainer Müller (0) Zitat aus dem Beitrag: "Weil er zuletzt als Straßenbauaufseher beim Bezirksamt Pankow für DDR-Verhältnisse recht gut verdiente, bekommt er 130 Euro mehr Rente als seine Frau. Aber das meiste davon geht für seine Krankheit drauf."

    Einigen Kommentaren entnehme ich, dass der Beitrag nicht vollständig gelesen wurde. Frau Linke muss arbeiten weil die Rente von Herrn Linke für Medikamente verwendet wird. Bei meinen Eltern (Vater ist zuckerkrank) ist es genauso. Welche Krankenversicherung trägt denn heute noch alle Kosten?

    Gibt es dann immer noch jemand der meint, dass das beschriebene Rentnerehepaar eine auskömmliche Rente hat?!
  • Georg Schmidt (0) ich würde manche Leute gern mal mit meinem indonesischen Schwiegervater zusammen bringen-17? Rente- wenn ich dem nicht jeden Monat 60? schicken und die Arztrechnungen bezahlen würde, läg der Mann in einem Pappkarton auf der Strasse und müsste betteln!
  • Susi Müller (0) Ich stimme den Vorrednern zu: Sehr mitleidtriefender Artikel (schon der Titel!), aber eigentlich - wenn die "Linkes" mit dieser Rente so dermaßen nicht auskommen, sollten sie vielleicht mal die Ausgaben überprüfen! Auch eine Miete von 600,- Euro finde ich in den meisten Orten zu hoch, wenn es ansonsten am nötigsten fehlt; denn wenn der Freundeskreis ja eh nicht mehr besteht, kann man auch an den Stadtrand ziehen. Ist in dem Alter auch durchaus noch zumutbar. Und plötzlich bleibt viel Geld...

    Was genau die "Armutsgrenze" zu besagen hat, die eine rein statistische Größe ist und immer weiter nach oben rutscht, bloß weil andere mehr verdienen (das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen oder bei Wikipedia nachlesen...) - das ist eh eine lange Frage. "Arm" würde ich jedenfalls niemanden nennen, nur weil er 929 oder auch 750 Euro im Monat verdient! Provokant ausgedrückt: Mit dem Geld kann man ein ausgefülltes Leben leben, in Urlaub fahren und, wenn man ein bißchen haushaltet, obendrein noch sparen. Man sollte vielleicht mehr Ideen haben, als ständig mit Freunden nur Geld ausgeben zu wollen, wie der Autor das vorschlägt, und Preisvergleiche bei Produkten finde ich eh normal (wobei es ja eh nicht immer Fleisch sein muß, ist billiger, gesünder und umweltschonender). Oder man fährt halt weniger in den Urlaub oder spart weniger, aber in jedem Fall... leben kann man an den meisten Wohnorten davon sehr menschenwürdig. (Und ja, da spreche ich aus Erfahrung.)

    Auch legt der Artikel nahe, die Frau habe ja "alles richtig gemacht" und jetzt überraschenderweise eine nicht so hohe Rente. Wer sein Leben lang ein geringes Einkommen hat (und da sie als Kassiererin gearbeitet hat, vermute ich das mal), wird keine besonders hohe Rente erwarten. Warum also überrascht sein?

    Was ich in dem Artikel aber tatsächlich erschreckend finde, ist die Behandlung alter Menschen. Sofern der Autor nicht auch dabei dramatisiert hat, fände ich *das* tatsächlich einen Artikel und Empörung wert. Kommt leider vor lauter Mitleidtriefen über die Armut zu kurz. Vielleicht kann die SZ lieber darüber mehr - und dann etwas nüchterner - schreiben?
  • Hans Rebhan (1) Ich finde es schade, dass sich in den Kommentaren Leute gegenseitig des Jammerns auf hohem Niveau bezichtigen, anstatt die schwierige finanzielle Lage des Anderen anzuerkennen. Junge Familien, unterbezahlte Angestellte und Rentner - Solidarität ist besser als die Sorgen der Anderen wegen eigener Geldsorgen kleinzureden.
  • Georg Schmidt (0) echte Armut sieht man kaum, sie versteckt sich, ich fuhr mal eine Zeitlang Medikamente aus, wieviel Leutchen, die speziell in der Landwirtschaft gearbeitet haben, zB, und nie geklebt haben, sassen in Hinterstuben, vergessen, eine Uralt TV als Partner usw, meine Frau hatte solang sie lebte, zu Weihnachten Fresspakete für solche Leute gemacht, manche alte Oma gab mir dann mit zitternder Hand ein Mark Trinkgeld ! aber scheinbar ist und waren diese Leute nie ein Thema-vergessen!
  • Georg Schmidt (0) zB Haushaltsbuch führen-man kann sehr schnell sehen, wo das Geld abgeblieben ist und was man evtuell sparen kann, richtig Versicherungen, ich habe letztes Jahr einige Versicherungen gekündigt-macht im Monat c 60?, jeden Monat kommen diese 60? in die Sparbüchse usw usw !
  • Wilhelm Seidel (0) Die Idee mit dem VHS-Kurs zielt in die richtige Richtung: Warum kommen die beiden mit ihrer Rente nicht über die Runden, obwohl sie unter normalen Bedingungen zum Leben ausreichen müsste?

    Aus Erfahrung mit der eigenen Familie kann ich nur den Rat geben, mal alle Ausgaben gründlich zu hinterfragen. Meine Eltern sparen monatlich ca. 350 EUR, nachdem ich ihnen geholfen habe, unnötige Versicherungen und diverse Mitgliedschaften in tlw. dubiosen Organisationen zu künden sowie, was am schwierigsten war, nicht ausschließlich Markenprodukte zu kaufen. Sie waren es jahrzehntelang gewohnt, Persil und die teuerste Butter, Milch, Konfitüre etc. einzukaufen und haben damit monatlich rund 40% mehr im Supermarkt ausgegeben, als eigentlich notwendig war.
  • Ernest Golla (0) Dieses Paar sollte ein VHS-Kurs "Mathe" besuchen ! ! 1600 ? für 2 Personen ?
    Die meisten Familien haben viel weniger zur Verfügung. Wir dürfen für
    4 Personen ca. 2400 ? monatlich ausgeben. Davon zahlen wir 2 x Kindergartengebühr , konnten eine günstige Wohnung finanzieren und schaffen es noch ein Mal im Jahr Urlaub zu machen.
    Dieser Artikel ist unglaubwürdig und zeigt, daß unsere Gesellschaft gerade die beste Zeit durchlebt - nur die wenigsten können mit dem, was sie zur Verfügung haben, etwas anständiges anfangen.
  • Georg Schmidt (0) ich jammer mit-ein 5köpfige Familie und 2.300?, incl Kindergeld-meine Bedürfnisse sind bei Null angekommen, wenn ich alles abrechne bleiben 43? für den Tagesbedarf, alles incl !, gestern hab ich mir 2 Jeans gekauft- die eine runtergesetzt 9,90?, die andere 18,95 ?, nächsten Juni gibts dann die Sommersandalen !
    PS und das mit den 2h Fahrt halt ich eh stark übertrieben, selbst von unserem Dorf aus, bin ich, mit Weg zum Bus, innerhalb 1h in der Stadt, mit 1x umsteigen !
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