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aus Heft 17/2013 Das Beste aus aller Welt

Das Beste aus aller Welt

Axel Hacke  Illustration: Dirk Schmidt

Wer schlecht schläft, hat nichts zu sagen in der Hypnokratie. Unser Autor über eine Gesellschaftsform, in der allein die Herrschenden die Macht über den Schlaf besitzen.




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Meine These ist, dass wir nicht in einer Demokratie leben, sondern in einer Hypnokratie, nach Hypnos, dem Gott des Schlafes im alten Griechenland. Die meisten denken ja, dieser Gott sei Morpheus gewesen, aber der war nur der Sohn des Hypnos und für die Träume zuständig, sodass, genau genommen, die Redewendung »in Morpheus’ Armen« falsch ist; es müsste »in Hypnos’ Armen« heißen. Aber das nur nebenbei. Hypnokratie ist die Herrschaft derer, die Macht über den Schlaf haben. Wer die Nachrichten verfolgt, kennt die Bilder von den Nachtsitzungen in Brüssel, Berlin und anderswo, vom Führungspersonal, das dauernd von einer Zeitzone in die andere unterwegs ist, von Männern, die in jedem Flugzeug ratzen können wie satte Löwen, von der Kanzlerin, die nur vier Stunden Schlaf benötigt, falls überhaupt. Die schlafen, wenn sie schlafen wollen, nicht wenn sie müssen. Jedem normalen Menschen wäre das alles unmöglich. Es herrschen jene, die gott- ähnlich den Schlaf befehligen, ihn herbei- rufen können wie einen Hund.

Die Bevölkerung hingegen: eine Nation von Schlafgestörten, um Nachtruhe Ringenden. Ich kenne eigentlich nur Leute, die schlecht schlafen, zu wenig schlafen, nicht einschlafen können, zu früh aufstehen müssen, zu spät ins Bett kommen. Warum bestehen eigentlich die meisten Ehen aus einer Person, die gut schläft, und einem schlafkranken Menschen? Warum gibt es Verbindungen, in denen der Mann nur schlafen kann, wenn seine Frau neben ihm liegt, hingegen die Frau bloß hohlen Blickes und von Neid zerfressen in die Finsternis starrt, sobald der Mann neben ihr an der Matratze horcht? So etwas dürfte nicht erlaubt sein! Aber die Leute leben oft seit Jahrzehnten zusammen, irgendwie.

Hypnos, Hypnos, warum hast du uns verlassen?

Die oft beklagte mindere Qualität des deutschen Fernsehprogramms erklärt sich übrigens genau aus diesen Umständen. Das Land wird tagsüber komplett hysterisiert vom Alarmton der Online-Medien, von der Euro-Krise, vom schlechten Wetter und allen möglichen Nahrungsskandalen, von Grippefurcht und Zeckenterror, sodass es abends einfach etwas unfassbar Langweiliges benötigt. Anders kommt es nicht zur Ruhe. That’s all. Jede Kritik am deutschen Fernsehen ist überflüssig. Es dürfte im Grunde nur nach seinem Beruhigungseffekt beurteilt werden, nicht nach journalistischen oder künstlerischen Gesichtspunkten. Wenn wir gutes Fernsehen hätten, wären wir längst vollständig verrückt.

Die Entwicklung der Hypnokratie aber schreitet voran: Auf der Internetseite aeonmagazine.com las ich jetzt einen interessanten Artikel mit dem Titel The End of Sleep, das Ende des Schlafs. Dort wurde die These vertreten, dass dem Menschen ein immer effizienterer Schlaf längst möglich sei, weniger mit Hilfe von Medikamenten, die zu viele Nebenwirkungen hätten, als durch technische Hilfsmittel. Für das US-Militär sei zum Beispiel eine Schlaf- maske, der Somneo Sleep Trainer, erfunden worden. Durch wärmende Ringe um die Augen, Ausblenden von Umgebungsgeräuschen und blaues Licht beim Aufwachen verschaffe sie dem Träger jederzeit ein »strategisches Nickerchen« von sechzig bis neunzig Minuten: ohne das geringste Einschlafproblem. Auch gebe es in den USA eine käuflich zu erwerbende Gerätschaft, die es mit Hilfe von kleineren, den maßgebenden Regionen des Gehirns verabreichten Stromstößen ermögliche, unter Umgehung des leichteren Übergangs-Schlafes direkt in einen so erholsamen Tiefschlaf zu sinken, dass vier Stunden davon acht Stunden Normalschlaf gleichkämen. Technisch ist also längst vieles erreichbar.

Aber warum wissen wir Gewöhnlichen davon nichts? Warum lese ich davon nur auf einer entlegenen britischen Internetseite? Weil wir eben in einer Hypnokratie leben: Somneo-Masken und Schlafstrom für die Herrschenden, Fernsehen für uns.

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Am besten schläft Axel Hacke immer dann, wenn auf seinem Computer ein leeres Dokument erscheint: Er wird dann unsagbar müde, ein Gefühl, das er mit kleinen Stromstößen ins Schreibhirn und dem Aufsetzen seiner Pegasus-Maske bekämpft.

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